24. August 2016   | Neuer Kommentar

Jordanien: Sechs Jahre unermüdlicher Einsatz

Die Krise ist gewissermaßen zum Alltag geworden in Jordanien. Über 600.000 syrische und 50.000 irakische Flüchtlinge sind seit Ausbruch des Krieges in Syrien und der Ausbreitung des sogenannten Islamischen Staates im Irak in das Nachbarland geströmt. Viele der Mitarbeiter der Caritas Jordanien kümmern sich seit Beginn des Konfliktes um die Flüchtlinge. Auch im sechsten Jahr der Krise setzen sie sich weiterhin unermüdlich für Menschen in Not ein.

Eine Frau mit ihrer Tochter auf dem Arm.

Eine Mutter mit ihrem Kind in einem Caritas-Kindergarten in Irbid. Foto: Caritas international / Jennifer Ciochon

Lana hat zwei Mobiltelefone. In der Regel hat sie eines davon am Ohr. Seit 2012 arbeitet sie für die Caritas Jordanien. Mittlerweile leitet sie alle psychologischen Aktivitäten in den, im ganzen Land verteilten, Sozialzentren der Caritas Jordanien. An diesem Morgen sind wir gemeinsam auf dem Weg ins Hashmi Sozialzentrum in Amman. Von unserem Hotel sind es rund 20 Minuten bis zu der Einrichtung. Lanas Handy klingelt in dieser Zeit mindestens acht Mal. Trotzdem erklärt sie uns geduldig die unterschiedlichen psycho-sozialen Angebote, die in den Caritas Zentren im ganzen Land angeboten werden. Von der medizinischen Versorgung und humanitären Hilfe über Kinderbetreuung, Kurse zu Themen wie gesunde Ernährung, Hygiene, Gewalt, Risiken der frühen Eheschließung, Stressbewältigung und Weiterbildungs- und Einkommen schaffenden Maßnahmen – die Angebote sind vielseitig und vor allem ganzheitlich. Sozialarbeiter und Psychologen arbeiten eng mit Kindern und ihren Familien zusammen. Die Mitarbeiter der Caritas sind geschult beim Malen mit den Mädchen und Jungen oder in ungezwungenen Gesprächen mit den Eltern die Bedürfnisse der Menschen zu identifizieren. In Gruppenkursen oder Einzelberatungen kann so weiter auf die Kindern, Frauen und Männern eingegangen werden. Immer wieder hören wir von Caritas Mitarbeitern: „Wir haben den ganzen Menschen im Blick.“ Diese Leitidee zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeit der Caritas Jordanien. In den zahlreichen Projekten für syrische und irakische Flüchtlinge, die wir in Jordanien besuchen konnten, bestätigten uns auch die Begünstigen diese Arbeitsweise. „Caritas kümmert sich um den einzelnen Menschen“, sagt der 34-jährige Arkan Hasso, der im Sommer 2014 vor dem sogenannten Islamischen Staat aus dem Irak floh. Auch er schätzt es, dass die Caritas Mitarbeiter sich Zeit für ihn nehmen, ihm zuhören und ihn dabei unterstützen einen lebenswerten Alltag in Jordanien führen zu können.

Frauen sitzen auf Stühlen.

Die Mütter sprechen im Sozialzentrum in Fuheis ebenfalls über Missbrauch und Gewalt. Foto: Caritas international / Jennifer Ciochon

„Im sechsten Jahr der Krise können wir die Bedürfnisse der Flüchtlinge besser einschätzen“, erzählt Lana. Und diese sind nicht für alle gleich. Syrische Flüchtlinge haben vor allem mit Heimweh und der bisher unerfüllten Hoffnung auf eine Rückkehr in ihr Land zu kämpfen. Viele leiden unter Angstzuständen und Depression. Bei ihnen geht es vor allem darum die Symptome zu erkennen, wahrzunehmen und durch psycho-soziale Betreuung zu lernen mit ihnen umzugehen. Oft müssen sie lernen Emotionen zuzulassen, um anschließend einen Weg zu finden, trotz gelebter Dauerkrise, einen lebenswerten Alltag zu gestalten. “In einigen Gruppensitzungen für syrische Frauen beispielweise spielen wir syrische Musik oder zeigen den Frauen Bilder aus ihrer Heimat. Die meisten beginnen daraufhin zu weinen und können in einem geschützten Raum ihre Emotionen ausleben. Im nächsten Schritt sprechen wir mit ihnen darüber, dass sie hier in Jordanien in Sicherheit sind und sich nicht mehr fürchten müssen und zeigen ihnen Wege wie sie hier am besten ihren Alltag bewältigen können”, erzählt Lana.

Eine Frau zeigt Kindern ein Bild.

Im Sozialzentrum in Fuheis lernen Kinder den Umgang mit Missbrauch und Gewalt. Foto: Caritas international / Jennifer Ciochon

Mütter und Kinder werden auch im Umgang mit Gewalt und Missbrauch geschult. In drei separaten Sitzungen lernen die Mütter in welchen unterschiedlichen Formen Missbrauch auftreten kann und wie sie sich und ihre Kinder davor schützen können. Zu Beginn der Krise wurde diese Art der Aufklärungskurse eher skeptisch aufgenommen. Mittlerweile sind sie sowohl bei syrischen als auch bei irakischen Flüchtlingen sehr beliebt. Die Begünstigten sind sogar aktiv in die Themenfindung der Kurse miteingebunden. Eine Gruppe junger Iraker zwischen 18 und 25 Jahren wünschte sich beispielsweise Sitzungen zum Umgang mit psychischen Problemen und Trauerarbeit, erzählt uns Lana. Die enge Zusammenarbeit und Verbundenheit der Mitarbeiter der Caritas Jordanien mit den Menschen ist auch bei unseren Besuchen in den Sozialzentren sofort spürbar. Anders als in Europa sind die Konflikte in Syrien und im Irak nicht in weiter Ferne, sondern direkt vor der eigenen Haustür. Auch jordanische Familien und die Mitarbeiter der lokalen Caritas kämpfen über fünf Jahre nach Beginn des Syrienkonfliktes mit den Folgen der Krise. Die wirtschaftliche, soziale und auch psychologische Belastung bei den Gastgebern und Flüchtlingen ist enorm groß. Trotz des großen Leids, das wir während unseres Besuches bei Flüchtlingsfamilien erleben, spürt man auch überall weiterhin Hoffnung. Manchmal reicht schon das Lachen eines Kindes, um die Mitarbeiter der Caritas Jordanien daran zu erinnern, warum sie sich jeden Tag aufs Neue für Menschen in Not engagieren.


Flucht und Migration, Konflikte und Krisen, Naher Osten / Nördliches Afrika

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