21. Oktober 2016   | Neuer Kommentar

Dialogreise nach Georgien: Eine Identität – nach 37 Jahren

Morgen wird einer der wichtigsten Tage im Leben von Nargiza Gasanova sein. Sie ist 37 Jahre alt und wird morgen vielleicht sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Pass bekommen. Vielleicht – wenn morgen alles gut läuft.

Foto: Markus Lahrmann

Nargiza Gasanova (37) spricht kein Wort. Alles, was wir über sie erfahren, hören wir von der Caritas-Mitarbeiterin, denn Nargiza Gasanova selbst spricht nicht einmal eine Sprache, die man hier dolmetschen könnte.

Wir treffen Nargiza Gasanova in der Suppenküche des Caritas-Zentrums in Tiflis. Sie isst die Rote-Beete-Suppe, dann Reis mit gebratenem Hühnchen, aber sie spricht kein Wort. Alles, was wir über sie erfahren, hören wir von der Caritas-Mitarbeiterin, denn Nargiza Gasanova selbst spricht keine Sprache, die man hier dolmetschen könnte: weder Georgisch, noch Russisch oder Türkisch, geschweige denn Englisch.
Die Caritas war auf sie aufmerksam geworden, hatte sie zuhause aufgesucht und bei den Nachbarn einiges über sie in Erfahrung gebracht. Nargiza kann weder lesen noch schreiben, so erfahren wir. Sie besitzt nur eine Bescheinigung, dass sie in Georgien geboren ist, das damals noch Teil der Sowjetunion war. Auf der Bescheinigung ist vermerkt, dass die Familie aus Aserbaidschan stammt. Ihre Eltern, die nicht mehr leben, waren bei ihrer Geburt nicht verheiratet, deswegen stimmt der Name auf dieser Urkunde nicht mit dem Namen überein, den sie nun trägt. Brüder hat sie noch, doch die helfen ihr nicht.

Foto: Markus Lahrmann

Pavel Novikov (82) war einmal georgischer Champion im Radfahren. Er kommt in die Suppenküche der Caritas, weil seine Einheitsrente von umgerechnet 70 Euro im Monat nicht reicht, obwohl er sein ganzes Leben als Uhrmacher gearbeitet hat.

Sie hat kein Einkommen, keine Arbeit. Nicht einmal der Koch in der Suppenküche der Caritas, der ein paar Worte Aserbaidschanisch spricht, kann sich mit ihr verständigen.
Die Caritas hat sich um sie gekümmert, hat versucht, Dokumente aufzutreiben. Man gibt ihr einen Zettel mit, auf dem eine Uhrzeit steht, und irgendwer wird ihr verständlich machen, dass sie morgen pünktlich kommen soll. Dann wird die Assistentin der Caritas mit ihr zur Ausländerbehörde in Tiflis gehen und versuchen, den Fall zu klären. Damit sie Papiere bekommt, auftaucht aus der Illegalität, vielleicht eine legale Arbeit annehmen kann. Den Anfang zu einem neuen Leben, einen Anfang, der in der Suppenküche der Caritas Georgien begann.

Tiflis, 19.10.2016


Chancen für Chancenlose, Europa

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