25. Januar 2017   | Neuer Kommentar

Begegnungsreise 2016: Unterschiedliche Länder, ähnliche Probleme

Auf den ersten Blick erschienen den Kolleg(inn)en aus Marokko die Bedingungen für Flüchtlinge in Deutschland geradezu paradiesisch. Doch im Fachaustausch während der Begegnungsreise wurde schnell klar, dass es auch in Deutschland noch Probleme im Umgang mit Flüchtlingen gibt – die sich von denen in Marokko gar nicht so sehr unterscheiden. 

Erstaunt über die hohen Standards sind Monica Pedraza (2. v. l.) und Fanny Curet (rechts) von der Caritas Marokko beim Besuch einer Erstaufnahmeeinerichtung für unbegleitete Minderjährige. Foto: Mathias Birsens / Caritas international

Erstaunt über die hohen Standards sind Monica Pedraza (2. v. l.) und Fanny Curet (rechts) von der Caritas Marokko beim Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für unbegleitete Minderjährige. Foto: Mathias Birsens / Caritas international

Die Bedingungen könnten unterschiedlicher nicht sein: Monica Pedraza, Fanny Curet, Jorge Domingue und Fairouz Idbihi von der Caritas Marokko staunten nicht schlecht, als sie während der Begegnungsreise eine behindertengerechte Flüchtlingsunterkunft mit Einzelzimmern in Köln und Wohngruppen für unbegleitete Minderjährige mit einem Betreuer für jeweils zwei Jugendliche in Gießen, Münster und Offenbach besuchten. Nicht weniger erstaunt waren allerdings die Fachkräfte der besuchten Caritasverbände, als sie hörten unter welchen Bedingungen die Kollegen aus Marokko arbeiten: Mit gerade einmal 35 Mitarbeiter(inne)n betreuen sie rund 3.500 Migranten, darunter etwa 200 unbegleitete Minderjährige. Finanziert wird diese Hilfe durch Spenden, nicht wie in Deutschland durch den Staat. Zusätzlich erschwert wird die Flüchtlingshilfe in Marokko dadurch, dass es Schutz, Rechte und Möglichkeiten ihren Aufenthalt zu legalisieren für Flüchtlinge höchstens auf dem Papier gibt.

Jorge Dominguez (rechts), Sozialarbeiter der Caritas Marokko spricht bei einem Workshop im Rahmen der Begegnungsreise 2016 mit seiner Kollegin, Fairouz Idbihi, und Fachkräften deutscher Caritasverbände, darunter Volker Kusnierz (links) von der Caritas Frankfurt, zum Thema Flucht und Migration. Foto: Mathias Birsens / Caritas international

Jorge Dominguez (rechts), Sozialarbeiter der Caritas Marokko hört beim Workshop in Frankfurt am Main von Volker Kusnierz (links) von der Caritas Frankfurt, dass es auch in Deutschland Probleme in der Flüchtlingshilfe gibt. Foto: Mathias Birsens / Caritas international

Im Austausch mit den deutschen Fachkräften, von denen einige im Mai bereits zum Fachaustausch in Marokko waren, wurde den Mitarbeitenden der Caritas Marokko jedoch schnell klar, dass die Probleme in der Arbeit mit Flüchtlingen, Migranten und insbesondere unbegleiteten Minderjährigen in beiden Ländern ähnlich sind: „In Marokko bleiben viele unbegleitete Minderjährige ohne Schutz und Ausbildung, weil das Land arm ist. In Deutschland geschieht dasselbe, obwohl genügend Mittel dafür bereitstünden!“, stellte Thomas Heek, Leiter der Caritasstelle im Grenzdurchgangslager Friedland, nach einem gemeinsamen Workshop der Kollegen aus Marokko mit Caritas-Fachkräften aus ganz Deutschland fest. In Marokko werden Gesetze zum Schutz minderjähriger Migranten einfach nicht angewendet, in Deutschland hingegen versucht die Politik die bestehenden Regeln zunehmend auszuhöhlen – zum Beispiel indem immer mehr Staaten zu „sicheren Herkunftsländern“ erklärt werden sollen, darunter auch Marokko.

Ismail al-Shatr (rechts, Name geändert), Bewohner der Wohngruppe "Paul" für unbegleitete minderjährige Ausländer im Vinzenzwerk Handorf, zeigt den Gästen der Begegnungsreise 2016 aus Marokko, Fairouz Idbihi (links hinten) und Jorge Dominguez (links vorne) sein Zimmer. Foto: Mathias Birsens / Caritas international

Ismail al-Shatr (rechts, Name geändert), zeigt Fairouz Idbihi (links hinten) und Jorge Dominguez (links vorne) sein Zimmer in der Wohngruppe „Paul“ für unbegleitete Minderjährige Ausländer im Vinzenzwerk Handorf. Foto: Mathias Birsens / Caritas international

Insgesamt waren die Kollegen aus Marokko allerdings sehr beeindruckt, von dem, was die Caritas an Sozialarbeit für Flüchtlinge leistet. „Von so schönen Zimmern, wie wir sie in den Heimen für die unbegleiteten Minderjährigen gesehen haben, kann man bei uns nur träumen“, erzählt Fairouz Idbihi, denn in Marokko lässt der Staat die Unterbringung von Flüchtlingen über Nacht eigentlich gar nicht zu. Die Psychologin nahm allerdings noch weit mehr mit: „Besonders beeindruckt war ich von den Begegnungen mit Fachkräften im Mauritzwerk Münster, wo unbegleitete Minderjährige rund um die Uhr traumapädagogisch betreut werden.“ Das funktioniert allerdings sowohl in Deutschland, als auch in Marokko erst, wenn klar ist, dass die traumatisierten Jugendlichen länger im Land bleiben können. Denn professionelle Trauma-Arbeit erfordert viel Zeit. Viele der unbegleiteten Minderjährigen betrachten Marokko aber  nur als Durchgangsstation auf dem Weg nach Europa. Man weiß nie, wie lange sie bleiben, einige Wochen vielleicht nur, einige Monate oder ein Jahr. In Deutschland hingegen wissen viele bis zum Ende ihres oft Monate- oder Jahrelangen Asylverfahrens nicht, ob sie bleiben dürfen. Deshalb beschränken sich die Fachkräfte in Deutschland und Marokko anfangs darauf die Menschen psychisch zu stabilisieren.
Dauerhafte Lösungen für das globale Problem der Migration sehen allerdings anders aus, waren sich sowohl die deutschen Fachkräfte, als auch ihre Kollegen aus Marokko einig. Deshalb wollen sie in einen grenzüberschreitenden Austausch treten und so neue Antworten finden.

„Wir nehmen unheimlich viel mit“

Mit vielen Informationen, Ideen und Eindrücken sind die Kollegen der Caritas Marokko nach Rabat zurückgekehrt. Was sie aus den vielen Besuchen in Caritaseinrichtungen in Köln, Friedland, Gießen, Offenbach, Münster und Datteln mitnehmen, lest ihr in der Bildergalerie:


Afrika, Caritas für Caritas, Europa, Flucht und Migration

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