25. Januar 2017   | Neuer Kommentar

Uganda: Lernen von den Nachbarn – keine Selbstverständlichkeit

Nach jahrelangem Konflikt ist es nun möglich, dass sich die Karamojong und die Turkana gegenseitig besuchen und voneinander lernen: in diesem Fall wie man Seife herstellt.

Die Gäste aus Moroto lernen genau wie die Inhaltsstoffe abgemessen und in welcher Reihenfolge sie gemischt werden. Foto: Patricia Henning

Die Gäste aus Moroto lernen genau wie die Inhaltsstoffe abgemessen und in welcher Reihenfolge sie gemischt werden. Foto: Patricia Henning

Vor meiner Ankunft in Moroto Stadt in der Region Karamoja im Nordosten Ugandas, wusste ich sehr wohl von den bewaffneten Viehdiebstählen zwischen den benachbarten Volksgruppen der Karamojong und der Turkana, die hier seit den 80er bis in die 2000er Jahre stattfanden. Wenn mir Freunde und Kollegen bewusst machen, dass sie die Auseinandersetzung zwischen den beiden Gruppen vor gut 15 Jahren selbst miterlebt haben, bin ich immer wieder überrascht. Zum Beispiel, wenn mir mein Kollege erzählt, dass vor 15 Jahren, als er noch zur Schule ging, der Hügel hinter meiner Unterkunft am Stadtrand von Moroto ein Schlachtfeld war. Genauso sprachlos bin ich, wenn ich mit dem Fahrer von Caritas unterwegs bin und er mir dann erzählt: „Das eine Mal als wir beschossen und ausgeraubt wurden, das war ungefähr hier.“
Die Karamojong im Nordosten Ugandas und die benachbarten Turkana im Nordwesten Kenias leben als Hirten, die mit ihrem Vieh umherziehen, um geeignete Weiden zum Grasen zu finden. Diese nomadische Art der Weidewirtschaft ist typisch für so trockene Savannen wie in Karamoja und Turkana, denn Landwirtschaft ist dort kaum möglich.
Beide Seiten praktizierten bis vor rund 15 Jahren Viehdiebstähle, bei denen nicht nur Vieh gestohlen, sondern auch Männer, Frauen und Kinder verletzt wurden. Nach dem Sturz Idi Amins 1979 wurden viele Militärbarraken in dieser Region fluchtartig verlassen und dabei viele Waffen zurück gelassen, die die Viehdiebstähle gewaltsamer und tödlicher machten. Jahrelange, teilweise gewaltsame, Entwaffnungen führten schließlich zu einem Waffenstillstand. Versöhnung und Frieden zwischen den Betroffenen steht jedoch noch aus.

Hellen ist seit Anfang an Teil der Arbeitsgruppe - im Hintergrund sieht man Säcke mit leeren Kontainern für die Seifen. Foto: Patricia Henning

Hellen ist seit Anfang an Teil der Arbeitsgruppe – im Hintergrund sieht man Säcke mit leeren Containern für die Seifen. Foto: Patricia Henning

Deshalb engagiert sich die Caritas Moroto seit 1981, zusammen mit den Pfarreien der Diözese, die an Kenia grenzen, in der Friedensarbeit. Dazu gibt es ein Programm der Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH): Den Zivilen Friedensdienst der Caritas Moroto. Dieses Jahr hat der Zivile Friedensdienst einen Austausch zwischen den ehemals verfeindeten Karamojong und den benachbarten Turkana organisiert. Bei diesem Austausch teilte die „Namoruputh Bio Aloe-Organization“ aus Turkana, die Pflegeprodukte aus selbst angebauter Aloe Vera herstellt und erfolgreich vermarktet, ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit zehn Karamojong, die mit Unterstützung der Caritas bereits Aloe Vera anbauen oder Seife herstellen.
In der trockenen Savanne von Karamoja und Turkana beschränken sich die Möglichkeiten, seinen Lebensunterhalt zu verdienen auf das Abholzen und Verbrennen der wenigen Bäume zur Holzkohleproduktion, das Brauen von Bier, das Verkaufen von Vieh, den Abbau von Marmor oder Gold in selbstgegrabenen, lebensgefährlichen Löchern oder den Verkauf der ohnehin schon geringen Ernte. Deshalb fördert die Caritas nachhaltige und ungefährliche Tätigkeiten wie den Anbau von Aloe Vera oder die Herstellung von Seife. Der Verkauf des Aloe-Vera-Öls ist jedoch schwierig, da Karamoja nur schlecht an den Rest des Landes angebunden ist. Somit ist der Zugang zum Markt für die Kleinbauern enorm schwierig, da sich die Firmen, die das Öl kaufen würden, weigern für den Transport aufzukommen.

Ankunft der Gäste aus Moroto in der Seifenherstellungswerkstatt in Nomaruputh, Turkana. Foto: Patricia Henning.

Ankunft der Gäste aus Moroto in der Seifenherstellungswerkstatt in Namoruputh, Turkana. Foto: Patricia Henning.

Deshalb waren die Vertreter der Aloe-Vera-Bauern und Seifenhersteller aus Moroto zum Workshop mit der „Namoruputh Bio Aloe-Organization“ aus Turkana gekommen, um mehr über die Herstellung von Seife aus Aloe Vera und ihren Vertrieb zu erfahren. Viele der Karamojong aus Moroto waren zum ersten Mal in Turkana, obwohl die beiden Völker nicht nur Nachbarn sind und dieselbe Lebensweise haben, sondern sogar miteinander verwandte Sprachen sprechen.  Deshalb war es umso faszinierender zu beobachten, wie Menschen aus zwei Regionen, die sich zwanzig Jahre lang beklaut und bekämpft haben, nun zusammen beten, singen, sich gegenseitig inspirieren und voneinander lernen.


Afrika, Konflikte und Krisen

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