30. April 2017   | Neuer Kommentar

Serbien: Gegen die Wand

Ich bin unterwegs in Serbien, um mir einen Eindruck von der Situation der Flüchtlinge auf der Balkanroute zu verschaffen. In der Vorbereitung auf meine Reise habe ich recherchiert, dass etwa 7.000 Flüchtlinge nach der Schließung der Balkanroute in Serbien „gestrandet“ sind. Doch erst während meiner Reise lerne ich, was das für den Einzelnen konkret bedeutet.

Zwei Jahre haben Fawad (rechts) und sein jüngerer Bruder Fahad gebraucht, um von Afghanistan nach Serbien zu gelangen. Von hier kommen sie nicht mehr weiter.

Man sagt, durch zuhören lernt man mehr als durch reden. Also höre ich zu: Da sind die beiden Brüder aus Afghanistan, Fawad (17) und Fahad (14), die hier – unmittelbar an der serbisch-kroatischen Grenze – gestrandet sind. Nach dem Tod beider Eltern haben sie sich auf den Weg gemacht. Ihr älterer Bruder lebt seit 15 Jahren in England. Zwei Jahre haben sie gebraucht, um hier her nach Serbien zu kommen, jetzt geht es für die beiden nicht mehr weiter. Schon mehrmals haben sie es über die Grenze versucht und jedes Mal wurden sie geschnappt und wieder zurückgebracht. Nicht selten wurden sie dabei verprügelt und ausgeraubt. „Aber nächste Woche probieren wir es wieder“ sagt Fawad. „Was sollen wir anderes machen? Für mich und meinen kleinen Bruder gibt es hier keine Zukunft und zurück können wir auch nicht mehr. Die Taliban würden uns töten. Alleine, dass wir Afghanistan verlassen haben, würde ihnen als Grund genügen, mich und meinen Bruder umzubringen“.

Eingangsschild zum Flüchtlingscamp in Principovac. Rechts im Hintergrund ist der Grenzübergang nach Kroatien zu sehen.

So wie Fawad und Fahad denken hier in Principovac fast alle. Sie wollen weiter nach Italien, England, Deutschland oder Schweden. Doch für Afghanen, Pakistaner und Iraner ist es fast unmöglich, legal über die Grenze zu kommen. Also versuchen sie es illegal, Hauptsache Richtung Zukunft. Die meisten werden geschnappt. Die Grenze zur EU sei wie eine unsichtbare Wand, sagen viele. Dabei ist die geografische Lage des Flüchtlingscamps in Principovac schon beinahe zynisch: Beim Fußball spielen fliegt der Ball hin und wieder über den Zaun – und liegt dann in Kroatien. Den Ball holen geht, drüben bleiben geht nicht. Viele erzählen mir, dass sie schon über zehn Mal versucht haben, nach Kroatien oder Ungarn zu gelangen. Ich frage Fawad wo er hin möchte, wenn er es eines Tages in die Europäische Union schaffen sollte: „Am liebsten zu meinem großen Bruder nach England“ sagt er hoffnungsvoll. „Aber eigentlich will ich einfach nur irgendwo ankommen“.

Das Flüchtlingskommissariat der serbischen Regierung, die Caritas und andere Hilfsorganisationen versorgen Fahad und seinen Bruder im Camp Principovac. Eine Zukunft sehen sie in Serbien jedoch nicht.

Fawad und Fahad beeindrucken mich, sie wirken als wären sie nicht kleinzukriegen. Fahad ist am Tag zuvor 14 Jahre alt geworden und ich überlege mir, was ich mit 14 Jahren so im Kopf hatte: Quatsch machen, Mädchen, Fußball…

„Hast du Madrid gegen Barcelona gesehen?“ fragt Fahad mich plötzlich. „Ja“ sage ich. Fahad strahlt: „Ich habe es auf dem Handy verfolgt. Drei zu zwei für Barcelona in der letzten Minute durch Messi. Ich hab mich so gefreut, dass ich das ganze Zimmer mit meinem Jubel geweckt habe“. Ich komme nicht umhin, mich darüber zu freuen, dass Fahad sich trotz allem so sehr über ein Fußballergebnis freuen kann. Später am Tag wird er mich fragen: „Wann fliegst du wieder nach Deutschland?“
„Nächste Woche“, antworte ich.
„Wie lange fliegst du nach Deutschland?“
„Knapp zwei Stunden…“.

April 2017


Europa, Flucht und Migration

Über Kim Kerkhof

Kim Kerkhof Kim Kerkhof studierte Politikwissenschaften und Geografie in Zürich und Freiburg und arbeitet von Mitte Februar bis Mitte August 2016 als Praktikant in der Öffentlichkeitsarbeit von Caritas international und arbeitet nun fest in der Online-Redaktion.

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