21. Juni 2017   | Neuer Kommentar

Wie Hunde

Von der „heilen Welt“ in Deutschland zu einem Entwicklungshelfereinsatz in Sierra Leone – es gibt viele Dinge, an die ich mich an meinem neuen Arbeitsort gewöhnen muss. An einige Dinge jedoch möchte ich mich auch gar nicht gewöhnen.

Es ist ein herrlicher Sonntag. Gerade bin ich von Freetown nach Leicester Peak, den höchsten Punkt Freetowns, vier Stunden hoch gepilgert und tanke wieder Kraft auf dem Gelände der St. Paul Kirche. Direkt vor mir blicke ich auf ein Häuschen, an dessen Wand sich der Müll stapelt: zahlreiche leergetrunkene Trinkwasserbeutel, Plastikgabeln, Mangoschalen, Plastik, Plastik und noch mehr Plastik. Dennoch versuchen Hunde ihr Glück und stecken, in der Hoffnung auf Essensreste, ihre Schnauze in den Müll.

Eine Szene aus einem Slum in Sierra Leone. Schweine suchen im Müll nach Essbarem.

Es vergehen ein paar Minuten und ich lasse die Hunde ihre Arbeit verrichten. Mein Interesse gilt nun dem Treiben auf dem Hügel, auf dem ich sitze. Es wird gegessen, getrunken, Souvenirs werden eingekauft, Menschen ruhen sich aus, Kinder rennen herum. Fast vergesse ich, dass ich in einem der ärmsten Länder der Welt lebe. Als ich meinen Blick wieder auf die vor mir liegende Müllhalde richte, traue ich meinen Augen kaum. Kinder haben den Platz der Hunde eingenommen und suchen nach Essensresten oder Wiederverwertbarem.

Dieses Bild muss ich erst mal sacken lassen. Eine Plastiktasche über die Schulter geworfen, stecken sie knietief gebückt im Müll um mit ihren Händchen Essen zu finden. Das ist ein trauriges Bild aber es scheint für die Hundert Menschen um sie herum völlig normal zu sein. Ich kann und will mich jedoch nicht daran gewöhnen! Daher versuche ich einen Beitrag zu leisten, damit Sierra Leone sich entwickelt und es den Menschen, besonders den Jugendlichen und Frauen in diesem Land, eines Tages besser geht.

Seit November 2016 arbeite ich bei der lokalen Nichtregierungsorganisation Young Men’s Christian Association (YMCA) in Freetown und unterstütze hier das Kommunikationsteam auf verschiedenste Weise. Meine Kolleginnen und Kollegen sind nett und hilfsbereit, Integration und Einarbeitung fielen mir daher relativ leicht. Aber die tägliche Fahrt zur Arbeit, vorbei an bettelnden Kindern, Menschen mit Behinderung oder an den Cashew-Verkäuferinnen und Verkäufern aus den Armenvierteln, kann ich mich noch nicht gewöhnen. Zahlreiche Slum-Bewohnerinnen und Bewohner leben Haus an Haus, unter schlechten hygienischen Bedingungen, inmitten von Gestank und noch mehr Müll. Dieses Land belegt den 179. Platz von 188 auf dem Index der menschlichen Entwicklung (englisch Human Development Index, abgekürzt HDI) der Vereinten Nationen. Und ja, die Leute sind arm hier – aber nicht machtlos. Was mich beeindruckt, ist die tägliche Disziplin. Morgens in der Früh aufstehen, Geld verdienen, den Tag meistern und morgen wieder von neuem. Fleißig sind hier die meisten, die ich kennen gelernt habe.

„PAY NO BRIBE“ – Zahl kein Schmiergeld. Machtpositionen werden in Sierra Leone häufig ausgenutzt, um Bestechungsgelder kassieren zu können.

Doch die Regierung ist eine unerfüllte Hoffnung … oder hinterlässt eine solche in der Zukunft. Als Vorbildfunktion versagt sie täglich. Nicht nur um 8:15 Uhr, wenn die eine Straßenhälfte für den Präsidenten und seine 14-köpfige Gefolgschaft gesperrt wird, weil der Herr flott ins Büro muss. Wer seine Position so früh am Tag und so offensichtlich missbraucht, kann kein gutes Beispiel für das Volk sein. Ihre Vorbildfunktion verspielt die Regierung jedoch auch mit den nichts-aussagenden Reden, die der Präsident hält und den vielen nicht eingelösten Versprechen. Im März 2018 sind Wahlen und die Hoffnungen sind groß, dass sich die Lebensbedingungen verbessern. Ich werde berichten…

Juni 2017


Afrika, Chancen für Chancenlose, Rechte für Kinder

Über Anna Wilkens

Anna Wilkens Anna Wilkens hat Politikwissenschaften studiert und arbeitete von 2013 bis 2016 bei Caritas international. Zurzeit ist sie auf einem Entwicklungshelfereinsatz als Fachkraft für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit bei der Young Men's Christian Association (YMCA) in Freetown in Sierra Leone. Mit ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen ist sie weiterhin verbunden und teilt gerne ihre Erlebnisse im Blog von Caritas international. (Hinweis der Redaktion: Anna Wilkens ist am 2. Juli 2017 unerwartet verstorben. Wir trauern um den Verlust unserer Freundin und Kollegin.)

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