Bangladesch/ Rohingya: „Das ist eine Menge wert!“

Zu Besuch in einem Flüchtlingslager in Bangladesch. Mitglieder einer großen Rohingya-Familie berichten von ihrem langen Leidensweg und erzählen, dass sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben wie Menschen behandelt fühlen. Die Caritas Bangladesch unterstützt sie mit Nahrungsmitteln.

Cox’s Bazar ist eine besondere Erfahrung in diesen Tagen. Noch nirgendwo auf der Welt habe ich einen schärferen und absurderen Kontrast zwischen arm und reich, Luxus und Elend gesehen.

Die Stadt Cox’s Bazar in Bangladesch ist stolz auf ihre vielen drei und fünf Sterne Hotels, die Touristen aus aller Welt wie Magneten anziehen. Die Hauptattraktion ist der weltweit längste Sandstrand, der sich golden glitzernd über 120 Kilometer entlang der Bucht von Bengalen erstreckt. Nur eine Autostunde weiter südlich findet man einen anderen, weniger leuchtenden Superlativ: Das zurzeit wohl größte Flüchtlingslager der Welt. Hier leben inzwischen 700.000 Menschen, die aus Myanmar vertrieben wurden – und Tag für Tag kommen tausende Vertriebene dazu. Es sind Mitglieder der Volksgruppe der Rohingya, die hier im Schlamm und provisorischen Zelten aus Bambus-Pfählen und Plastikplanen ausharren – ohne Geld, ohne Essen, ohne Hoffnung auf Rückkehr in ihre Heimat und ohne Zukunft in ihrem Gastland. Ohne die humanitäre Hilfe von Hilfsorganisationen wie der Caritas wäre ihnen wohl der Tod sicher.

Flucht durch den Dschungel

Ein Rohingya-Flüchtling erhält hier ein Nahrungsmittelpaket sowie Kochgeschirr. Foto von Lauren DeCicca

Unter ihnen ist Omar Hamad (alle Namen von der Redaktion geändert) und seine neunköpfige Familie. Bis vor kurzem waren sie noch zu zehnt. „Mein ältester Sohn wurde erschossen, als wir Hals über Kopf aus Mongudaw, unserem Dorf in Myanmar, geflüchtet sind“, erzählt Omar Hamad. „Meine Frau, meine vier Töchter, meine drei Söhne und ich konnten fliehen. Vor vier Wochen kamen wir – nach 18 schrecklichen Tagen durch den Dschungel – in Bangladesch an.“

Wir sind in Kutupalong, im Bezirk Ukhia, wo die Caritas Hilfsgüter verteilt. Es ist eigentlich ein abgelegenes, leicht hügeliges Gebiet südlich von Cox’s Bazar mit Reisfeldern und Wiesen, von denen jetzt am Ende der Monsunzeit nur Schlamm übrig ist. Tausende Flüchtlinge haben hier eine armselige Zelt- und Hüttenstadt aus dem Boden gestampft. Vier Tage brauchte die Caritas, um in Kutupalong Nahrungsmittel und Kochgeschirr für 70.000 Menschen zu verteilen. Die Nahrungsmittelration – vor allem Speiseöl, Salz, Zucker, Linsen und andere Hülsenfrüchte – reicht für zwei Wochen und ergänzt die Reisverteilungen des UN-Welternährungsprogramms für die Flüchtlinge. „Wir werden diese Verteilungen alle zwei Wochen organisieren“, erklärt James Gomes, Verantwortlicher der Caritas Bangladesch. „Im Monat sind das dann insgesamt 140.000 Zusatzrationen.“

Ein Topf für ein Stück Normalität

Die Rohingya Familie kommt gerade von einer Verteilaktion der Caritas zurück und lädt mich zu sich ein. 

Omar Hamads Familie ist glücklich über die Nahrungsmittelhilfe. Seine Frau freut sich vor allem über das Kochgeschirr von der Caritas. Sie laden mich freudestrahlend in ihr Zelt ein. „Tassen, Teller, Löffel – und dann diese großen Kochtöpfe“, jubelt Basita Hamad als sie die Hilfsgüter nach und nach aus dem Sack hervorholt und auf der Bodenmatte ausbreitet. „Wissen Sie, was das für uns bedeutet? In unserem einzigen kleinen Topf habe ich dreimal hintereinander Reis gekocht, bis alle was hatten. Ab jetzt ist unser Leben wieder halbwegs normal!“

Kaum zu glauben, wie glücklich man Menschen mit nur ein paar für sie lebenswichtigen Dingen machen kann. Und wie schnell es ihnen – gezwungenermaßen – gelingt, sich an eine neue Situation anzupassen. Noch vor 48 Tagen führte die Familie ein „normales Leben“, erklärt mir Tochter Fatima. Sie wohnten in einem ganz normalen Holzhaus mit Küche, Schlafzimmern und einem Wohnzimmer. Jetzt findet bei ihnen alles auf den drei mal sechs Metern Fläche ihres Zelts statt mit – abgesehen von zwei Matten – Matsch als Bodenbelag sowie Wänden und Decken aus Plastikplanen, die über ein paar Bambuspfähle gespannt sind. Die Familie hatte Vieh und Reisfelder und ein bescheidenes Einkommen.

“Wurden wie Tiere behandelt”

Die Caritas verteilte am 12. Oktober Nahrungsmittelpakete an über 1.800 Familien (12.600 Personen). Foto von Lauren DeCicca

Trotzdem verlief ihr Leben in Myanmar weniger normal, als sie zunächst glauben machen möchten. Es braucht eine ganze Weile, bevor die Familienmitglieder eher widerstrebend erzählen, wie sehr sie in Myanmar als Angehörige der Volksgruppe der Rohingya diskriminiert wurden. „Wie Tiere“ seien sie in ihrem Dorf behandelt worden, das sie bis zu dem Tag, als das Militär es niederbrannte und sie fliehen mussten, niemals vorher hatten verlassen dürfen. „Wir hatten keinerlei Rechte und erhielten nicht einmal die Erlaubnis, zur Beerdigung von Verwandten in ein Nachbardorf zu gehen“, erinnert sich die 19-jährige Leila. Und trotz alledem würde Leila sofort zurückkehren, wenn sie könnte. „Denn schließlich ist es doch meine Heimat“, sagt sie.

Ihr Vater denkt anders darüber. „Ja“, meint er, „ich würde schon zurückgehen wollen. Aber nur wenn wir endlich akzeptiert und wie Menschen behandelt würden.“ Ich frage nach, was genau er darunter versteht. Seine Antwort macht mich betroffen: „Wenn ich behandelt werde, wie gerade heute und hier. Sie kamen in meine schäbige Hütte, und ich habe Ihnen einen etwas bequemeren Sitzplatz angeboten. Aber Sie lehnten ab und sitzen halb kniend mit mir und meiner Familie auf der Erde. Sie wollen gleich sein mit uns. Sie hören zu und nehmen uns ernst. Sie respektieren uns.“ Das sei doch normal, antworte ich verblüfft. „Aber wir sind das nicht gewöhnt“, antwortet Fatima. Ich zeige auf das Caritas-Flammenkreuz auf dem Sack mit dem Kochgeschirr: „Alle Menschen sind gleich. Das ist das Selbstverständnis der Caritas: Menschen in Not zu helfen, welcher Ethnie, Religion oder Nationalität sie auch sein mögen. Caritas ist das lateinische Wort für Nächstenliebe.“ Omar Hamad schaut mich erstaunt an. Es scheint, als hörte er so etwas zum ersten Mal in seinem Leben. „Wissen Sie, unser neues Leben hier in Bangladesch hat wenigstens etwas Gutes“, meint er schließlich. „In Myanmar sind wir jedes Mal erschrocken, wenn ein Fremder zu unserem Haus kam. Als Sie kamen, machte ich mir keine Sorgen. Hier können wir in Frieden leben und in Ruhe schlafen. Das ist eine Menge wert!“

Stefan Teplan, Oktober 2017

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Autor: Stefan Teplan

Stefan Teplan ist Journalist und Öffentlichkeitsarbeiter für Caritas international. Seit 2007 begleitet er die jährlichen Begegnungsreisen mit Caritas-Mitarbeitenden aus aller Welt.

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