15. Oktober 2017   | Neuer Kommentar

Bangladesch/ Rohingya: Extremste Gegensätze

Cox’s Bazar / Kutupalong. Punkt 12 Uhr mittags erreiche ich die Stadt Cox’s Bazar. Doch weder zum Mittagessen noch zum Einchecken im Hotel – das reicht auch spät abends – will ich mir Zeit nehmen. So schnell wie nur möglich möchte ich zu den Verteilaktionen der Caritas im knapp zwei Autostunden entfernten Kutupalong kommen.

Touristenmetropole neben Slums aus Plastikplanen

Der Kontrast zwischen diesen beiden Orten könnte bizarrer nicht sein. Hier das Touristenmekka, in dem sich an einem kleinen Abschnitt des mit 120 Kilometern Länge längsten Sandstrands der Welt 3-5-Sterne-Hotels aneinanderreihen, dort das Flüchtlingscamp, in dem die blanke Armut herrscht und sich an den Hängen des leicht hügeligen Geländes zwar auch „Haus“ an Haus reiht – nur dass die Unterkünfte aus einfachen Plastikplanen bestehen, die über einige Bambuspfähle gestülpt sind.

Die fünfköpfige Familie hat sich hier in Cox‘s Bazar eine notdürftige Unterkunft gebaut. Obwohl sie weniger haben als je zuvor, sind sie froh, der Gewalt in Myanmar entkommen zu sein. Foto von Lauren DeCicca

Von der Dimension her, was die Einwohnerzahlen betrifft, ist Cox‘s Bazar mit seinen etwas über 60.000 Menschen im Vergleich ein beschauliches Örtchen und das ländliche Kutupalong eine Großstadt: In der Region leben mittlerweile mehrere Hunderttausend Menschen, Vertriebene der Volksgruppe Rohingya, die vor Gewalt und Terror in ihrer Heimat Myanmar ins benachbarte Bangladesch geflohen sind. In dieser Großstadt gibt es keine Geschäfte, keine Schulen, keine Restaurants. Die Menschen hier hätten ohnehin kein Geld, irgendetwas zu bezahlen. Um (über)leben zu können, sind sie vollkommen von der Hilfe von außen abhängig. Ohne die Unterstützung der Caritas und anderer Hilfsorganisationen wären sie buchstäblich dem Tode geweiht.

Caritas Verteilaktionen – Die Geduld der Verzweiflung

Viele Menschen warten hier auf die Verteilung der Hilfsgüter. Um sich gegen die grelle Sonne zu schützen, haben dabei viele Schirme aufgespannt. Foto von Stefan Teplan

Ich hätte keine Angst haben müssen, zur Verteilaktion zu spät zu kommen. Sie lief morgens um 6.30 Uhr an, doch auch am Nachmittag stehen noch Tausende von Menschen in zwei langen Schlangen an, um an je einen Sack mit Lebensmitteln und einen mit Kochutensilien und Geschirr zu kommen. Ich bewundere, wie gut organisiert und wie diszipliniert alles abläuft. Ich habe solche Hilfsaktionen auch schon anders erlebt. Ohne dass es zu Gedränge oder Streitigkeiten warten die Menschen hier mit einer Engelsgeduld viele Stunden lang, bis sie an der Reihe sind. Es ist die Geduld der Verzweiflung in auswegloser Lage.

„In den letzten vier Tagen haben wir täglich für rund 18.000 Menschen Lebensmittel verteilt. Das heißt, dass wir bei vier solchen Tagen in Zwei-Wochen-Intervallen monatlich 140.000 Menschen versorgen“, rechnet mir James Gomes, der regionale Caritasdirektor, vor. „Solche gewaltigen Hilfsaktionen wären nicht möglich ohne die vielen freiwilligen Helferinnen und Helfer, die uns dabei unterstützen. Die Solidarität der Bevölkerung für diese Menschen ist enorm.“

Als Mitte August, so erfahre ich, der gr0ße Zustrom der Flüchtlinge aus Myanmar begann, konnten sie in der ersten Woche nur dank der Hilfe der lokalen Bevölkerung überleben. Erst nach acht Tagen kam Hilfe von außen. Ich packe selbst mit an und helfe, Hilfsgüter zu verteilen. Mit jedem Sack, den ich einem oder einer Notleidenden in die Hand drücke, ernte ich Blicke, die Bände sprechen: in manchen steckt unsägliche Dankbarkeit, in anderen unsägliche Trauer, manche wirken wie ein bettelnder Hundeblick, in manche Gesichter tritt ein Lächeln, in andere treten Tränen – und ich weiß nicht, sind es Tränen des Glücks über ein paar Kilo Linsen oder Tränen der Verzweiflung über das Elend, in das sie geraten sind.

Ich überreiche ein Nahrungsmittelpaket an eine Rohingya-Familie. Foto von Lauren DeCicca

Für uns selbstverständlich, für die Menschen hier eine große Freude

Eine Rohingya-Familie lädt mich in ihr Zelt aus Plastikplanen ein. Wir sprechen lange und auch hier sind Trauer und Freude, (großes) Leid und (kleines) Glück seltsam gemischt. Die Hamads (Namen sind aus Datenschutzgründen geändert) erzählen mir von ihrem auch schon vor der Vertreibung elenden Leben in Myanmar, wo sie als dort stark diskriminierte Volksgruppe wie Geächtete leben mussten.

Omar und seine Frau öffnen die Nahrungsmittelpakete und Kochgeschirr-Beutel der Caritas. Die Familie ist eine von 1.800 Familien, die bei der Verteilaktion der Caritas Nothilfe-Pakete erhielten. Foto von Lauren DeCicca

Sie erzählen von dem Tag, an dem Soldaten ihr Dorf überfielen, die Häuser niederbrannten und wahllos Menschen erschossen. Ihr ältester Sohn wurde ein Opfer des Kugelhagels. Omar, das Familienoberhaupt, konnte mit seiner Frau, seinen vier Töchtern und drei übrig gebliebenen Söhnen durch den Dschungel fliehen. Nach 18 Tagen härtestem Survival erreichten sie das Nachbarland Bangladesch – mit nichts außer der Kleidung, die sie auf dem Leib trugen. Das ist das große Leid. Während Omar erzählt, breitet seine 19-jährige Tochter Leila auf einer Bastmatte das von der Caritas erhaltene Geschirr aus und strahlt. „Teller, Löffel, Töpfe, Sie wissen gar nicht, was das für uns in dieser Situation bedeutet. Wir hatten bisher nur einen ganz kleinen Topf und mussten drei- bis viermal hintereinander kochen, damit jeder etwas bekommt. Das macht es uns um vieles leichter.“ Das ist das kleine Glück. Mit wie wenig, denke ich mir, kann man Menschen glücklich machen, die gar nichts haben, mit Dingen, die für uns so selbstverständlich sind, dass wir kaum nachempfinden können, dass man sich darüber freuen kann wie über ein Weihnachtsgeschenk.


Asien, Flucht und Migration, Konflikte und Krisen

Über Stefan Teplan

Stefan Teplan Stefan Teplan ist Journalist und Öffentlichkeitsarbeiter für Caritas international. Seit 2007 begleitet er die jährlichen Begegnungsreisen mit Caritas-Mitarbeitenden aus aller Welt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.