Klimakonferenz in Bonn | Gesucht wird ein robustes Betriebssystem

Bonn. Während die Naturkatastrophen durch den Klimawandel spürbar zunehmen, verhandelt die Staatengemeinschaft in Bonn seit gestern über den Klimaschutz. Die Vorsorge gegen unabwendbare Folgen des Klimawandels ausbauen, für Schäden und Verluste aufkommen, eine Anpassung an Dürren, Fluten und Extremwetterlagen finanzieren, so lauten einige der im Detail komplexen Aufgaben.

TAG 2 / Dienstag, 7. November 2017

Nach dem Pariser Klimaschutzabkommen sind die Anstrengungen zum Klimaschutz den Staaten selbst überlassen. In Bonn dreht sich nun alles um die Details: Auf welchen Wegen und mit welchen Mitteln wollen die einzelnen Vertragsstaaten dazu beitragen, die globale Erwärmung auf unter 2°C zu begrenzen? Welche konkreten Strategien sind förderwürdig, welche fragwürdig?

Willkommenskonferenz auf der Cop23. Foto: UNFCCC

Heiße Kartoffeln – Hunger nach Land

Über das „Wie“ gibt es gleich zu Beginn der Klimakonferenz heftigen Dissens. So sorgte am Eröffnungstag die Initiative der UN Klima-Agentur, die Agrarkraftstoff-Industrie als Partner auf der COP zu stärken, für Kopfschütteln bei der Europäischen Union. Die nämlich hat gerade erst in ihrer Neufassung der Erneuerbare Energien Richtlinie (REDII) das Ziel formuliert, den Anteil an Treibstoffen, die aus Biomasse gewonnen werden, von acht Prozent auf 3,8 Prozent zu reduzieren. Um zu verhindern, dass weiterhin der Regenwald durch den Auspuff geblasen wird. Also aus gutem Grund: Der Energiepflanzenanbau – die Grundlage für die Herstellung von Agrotreibstoffen – ist gerade mit Blick auf die so wichtige Ernährungssicherung in den Ländern des Globalen Südens umstritten. Viele große Konzerne entwickeln einen ausgeprägten Hunger nach Land, um am Geschäft mit den Agrotreibstoffen zu verdienen. Oft ziehen kleinbäuerliche Betriebe und Gemeinden den Kürzeren und verlieren den Zugang zu ihren Feldern. Und auch die Treibhausgasbilanzen von so genanntem Biotreibstoff fallen laut dem GLOBIOM Bericht der EU alles andere als positiv aus: Wenn andere landwirtschaftliche Sektoren wie die Viehwirtschaft für den Energiepflanzenanbau weichen müssen, sucht sie sich neue Flächen – und genau dafür wird der für den Klimaschutz so wichtige Regenwald gerodet. Nicht alles ist gut, was sich bio nennt: Denn Palmöl, Soja und Zuckerrohr – der Grundstoff für den Biosprit – wird vermehrt auf Flächen angebaut, auf denen ehemals Regenwälder standen oder bäuerliche Gemeinden ihre Nahrung produzierten. Um dann nach Europa verschifft und hier in die Tanks eingespeist zu werden.

Die Position der Caritas Delegation zu diesem Thema ist klar: „Wir lehnen klimaschädliche indirekte Landnutzungsänderungen für den Anbau von Cash-Crop ab, zum Beispiel verursacht durch Biomasseplantagen, die eine vom Markt angeheizte Konkurrenz zwischen Energieproduktion und Nahrungsproduktion erzeugen.“ Die Caritas fordert stattdessen Kohärenz mit den Zielen der Welternährungsorganisation FAO in den Beschlüssen, damit die Ernährungssicherung nicht fraglichen Methoden des Klimaschutzes geopfert wird.

Der Energiepflanzenanbau zur Erzeugung von Agrotreibstoffen steht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion in ländlichen Gebieten. Nachhaltige Agroforstwirtschaft sichert jedoch die Existenz der Kleinbauern. Foto: Caritas international / H. Vieth

Die Partnerschaft zwischen der größten Bioraffinerie Europas, der privaten Firma Ethanol Europe Renewables Ltd (EERL), und der UN Klima-Agentur wurde bereits im vergangenen Jahr in Marrakesch auf der Cop 22 initiiert. Die Idee dahinter ist, den Verkehr zu dekarbonisieren – also den fossilen Treibstoff Erdöl durch erneuerbare Energieträger zu ersetzen. Molly Scott-Cato, Abgeordnete der Europäischen Parlaments und für die neue ER Richtlinie zuständig, kommentierte die Partnerschaftsinitiative der Agrotreibstofflobby mit der UN als „entmutigend“. Agrotreibstoffe bleiben bei der Suche nach Wegen für eine Verkehrswende ein heftig umkämpftes Terrain. Nicht nur, weil der Verkehr in Europa nach dem Wärmesektor der größte Emittent des klimaschädlichen CO2 ist. Während die Autoindustrie mit der Agrotreibstoffindustrie im Schulterschluss agiert, plädieren Klimaschützer und Organisationen, die soziale Fragen, Ernährungssicherung und Menschenrechte im Blick haben, für kommunale öffentliche Verkehrsmittel. Damit weniger Pkws mit weniger Fahrleistung im Jahr den Treibstoffverbrauch insgesamt senken, statt ihn weiter zu erhöhen. Denn jeder Tankfüllung eines hiesigen Pkw ist mit der Frage verknüpft, was und wie viel die Menschen in ländlichen Gemeinden in Brasilien oder Paraguay täglich zu essen haben.

Stärkung der Lebensgrundlagen von Kleinbauern zur Anpassung an den Klimawandel in Madre de Dios, peruanisches Amazonasgebiet. Foto: Caritas international

Gemeinsame Regeln

Um sich über diese und viele weitere komplexe Fragen einig zu werden, gilt es nun in Bonn einen Textentwurf zu erarbeitet, der Umsetzungsrichtlinien für das Paris-Abkommen formuliert. Diese Paris-Regeln sollen dann, so das Ziel, beim Klimagipfel 2018 in Polen verabschiedet werden. Das Abkommen braucht eine verlässliche Struktur – sozusagen ein robustes Betriebssystem, um die unverzichtbare Wende weg vom fossilen Zeitalter zu schaffen.

Eine wichtige Funktion spielt das sogenannte Regelbuch. Es soll ermöglichen, dass die Berichte aus den verschiedenen Ländern über ihre jeweiligen Anstrengungen zum Klimaschutz vergleichbar und transparent sind. Dazu müssen Berichtsformate und Transparenzregeln aufgestellt werden, die von allen Vertragsparteien mitgetragen werden. Nur so wird vergleichbar sein, welchen Beitrag die Länder tatsächlich leisten, um ihre nationalen Klimaschutzziele zu erreichen und ihren Verpflichtungen nachzukommen. Und nur so wird messbar sein, wer nichts tut und die Ziele damit blockiert. 2023 wird nur dank eines solchen Regelsystems überprüfbar sein, ob die globale Gemeinschaft das gemeinsam verabschiedete Klimaschutzziel erreichen kann. Erst die Regeln machen aus dem Abkommen einen wirksamen Vertrag. Sie müssen streng ausfallen, um Schlupflöcher zu schließen.

Freiwillig, aber ambitioniert

Unter den zahlreichen technischen Begriffen, die dieses Jahr mit Leben gefüllt werden sollen, findet sich das Wort Ambitionsmechanismus. Dieser soll sicherstellen, dass die freiwilligen nationalen Beiträge der Länder insgesamt das gemeinsame Ziel ermöglichen, den Temperaturanstieg auf deutlich unter 2°C, möglichst auf 1.5°C, zu begrenzen. Auch sind die globalen Finanzflüsse entsprechend auszurichten: Vor allem arme und verwundbare Länder und Bevölkerungsgruppen sollen angemessen unterstützt werden. Für die Regeln des Ambitionsmechanismus wird die COP24 in Polen 2018 ein zentraler Meilenstein sein, doch der Fahrplan bis dahin wird dieses Jahr in Bonn von Fidschi vorgestellt werden.

Antworten auf häufig gestellte Fragen (FAQs) rund um das Thema Klima gibt es hier.


Was tut die Caritas?

Agroforstwirtschaft für den Klimaschutz
Besonders gefährdete Gemeinden am Rande des Regenwaldes in Madre de Dios in Peru werden bei der Umstellung zur Agroforstwirtschaft aktiv unterstützt und begleitet. In verschiedenen Kursen lernen Familien und Produzentengemeinschaften, die umweltschützenden und existenzsichernden Maßnahmen zu ihrem Wohle zu nutzen. Mehr dazu: Agroforstwirtschaft für den Klimaschutz.

Publikation: « Volle Tanks – leere Teller »
Das Buch « Volle Tanks – leere Teller » aus der Reihe caritas international – BRENNPUNKTE wirft die Frage auf, ob es ethisch zu rechtfertigen ist, Nahrungsmittel in Treibstoff umzuwandeln. Das Buch ist erhältlich im Lambertus-Verlag.

Hier der Link zum Bestellformular.


Martina Backes

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Autor: Martina Backes

(MB) Martina Backes, Biologin und Redakteurin, arbeitet als freie Mitarbeiterin für Caritas international. Meine Arbeit ermöglicht es mir, mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, ins Gespräch zu kommen und Aufmerksamkeit auf ihre Schicksale zu lenken.

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