8. November 2017   | Neuer Kommentar

Klimakonferenz in Bonn | Pariser Wunsch und Bonner Wirklichkeit

Bonn. Auf der COP23 verhandelt die Staatengemeinschaft in Bonn seit gestern über den Klimaschutz. Doch die Lücke zwischen dem Pariser Wunsch und der Bonner Wirklichkeit klafft noch über ein ganzes Grad auseinander. Dabei drängt die Zeit: Klimatisch bedingte humanitäre Katastrophen nehmen stetig zu.

Die Caritas-Delegation forderte die COP 23 in einem Statement dazu auf, politisches Commitment an den Tag zu legen und die Stimmen der Marginalisierten einzubeziehen.

TAG 3 / Mittwoch, 8. November 2017

Die Top-Nachricht des gestrigen Tages auf allen Portalen: Syrien will Teil des Vertragswerks von Paris werden. Ein syrischer Delegierter kündigte auf der Weltklimakonferenz COP23 an, das Beitrittsdokument würde sehr bald übermittelt. Erst Ende Oktober hatte Nicaragua den Beitritt zugesagt – das Land haderte lange, weil es das Abkommen von Paris als nicht weitreichend genug bewertete. Nun sind, von dem Ausstiegskandidaten USA abgesehen, alle UN-Länder beim Klimaabkommen dabei.

Doch leider ziehen nicht alle am gleichen Strang. Die Lücke zwischen dem Pariser Wunsch und der Bonner Wirklichkeit klafft noch über ein ganzes Grad auseinander: Die Summe aller Klimabemühungen und bisher eingereichten nationalen Beiträge zum Klimaschutz ergibt momentan einen Temperaturanstieg von drei Grad. Zu viel also, um die schlimmsten Folgen abzukehren. Dabei drängt die Zeit: Mehr Hitze, mehr Wasser, heftigere Unwetter und Hurrikans in schneller Abfolge sorgen für humanitäre Katastrophen.

Verhandlungen auf der Cop23. Foto: Cop23, Twitter

Deswegen machten bis gestern die Menschen auf der Straße Druck und riefen dazu auf, das fossile Zeitalter zu beenden und die Kohle im Boden zu belassen. Auf dem People’s Climate Summit trafen sich Tausende, um konkrete Lösungen für Klimagerechtigkeit voranzubringen und die sozialen Bewegungen zu stärken. Der People’s Climate Summit setzt sich für einen Wandel hin zu einer Gesellschaft ein, in der die Sorge für den Planeten und für die Mitmenschen im Fokus steht. Hier waren Erzählungen über die Folgen des Klimawandels von den Pacific Climate Warriors zu hören sowie von der Anwältin Makereta Waqavonovono aus Fidschi, die den fossilen Extraktivismus aufhalten will und schon jetzt Klimasünder zur Verantwortung zieht.

Stetig steigt das Meer

Kurz vor Beginn der Weltklimakonferenz gab die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) bekannt: 2017 wird wohl wieder eines der drei heißesten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Im Vergleich zur vorindustriellen Zeit ist es der WMO zufolge bereits 1,1 Grad wärmer geworden, die Meerespegel steigen Millimeter um Millimeter.

Der Zustandsbericht über die Erderwärmung kommt zeitlich wie eine Mahnung an die Klimapolitik. Und auch der Präsident der Bonner Klimakonferenz, Frank Bainimarama, Regierungschef aus Fidschi, findet warnende Worte als er bei der Eröffnungsrede erklärt, wie seinem Inselstaat im Südpazifik das Wasser das Land abgräbt. Längst wurden auf Fidschi die ersten Dörfer umgesiedelt.

Insbesondere die Gruppe der 77 forciert das 2 Grad Ziel, darunter die Allianz der kleinen Inselstaaten (AOSIS), ein Zusammenschluss von 39 Insel- und Küstenstaaten aus der Karibik, Afrika, Asien und dem Südpazifik. Denn anders als den Gesellschaften des globalen Nordens, die sich durch technologisch wie finanziell anspruchsvolle Anpassungen wohl weitestgehend schützen können, droht einem großen Teil der Bevölkerung der Gruppe der 77 der Entzug ihrer Lebensgrundlage infolge des Klimawandels.

Die Region Marsabit in Kenia liefert ein dramatisches Beispiel für die zunehmenden Extremwetterereignisse. Die Region pendelt zwischen trockender Dürre und extremen Überschwemmungen. Foto: Caritas international

Ein gutes Zeichen fürs Verhandlungsklima?

Zum Auftakt der Weltklimakonferenz hat die Bundesregierung angekündigt, Entwicklungsländer mit 100 Millionen Euro bei der Anpassung an den Klimawandel zu unterstützen. 50 Millionen Euro kommen vom Bundesentwicklungsministerium, die anderen 50 Millionen will das Umweltministerium übernehmen. Ein gutes Zeichen fürs Verhandlungsklima?

Bedingt. Während dieser Tage schaut die Welt nicht nur nach Bonn, sondern auch nach Berlin – um zu sehen, wie ernst es Deutschland mit dem Klimaschutz meint. Dort stocken nämlich die Koalitionsverhandlungen über das Klimathema, und Umsetzungsschritte für die international angekündigten Klimaziele lassen auf sich warten. Gestern verkrachten sich Außenminister Sigmar Gabriel und Umweltministerin Barbara Hendriks über die Frage der Abgasvorschriften für die Automobilindustrie. Für die soll es laut Gabriel wieder eine neue Schonzeit geben.

100 Millionen für die Klimaanpassung, das klingt beim ersten Lesen nicht schlecht. Doch ist Deutschland damit „auf einem guten Weg“? Klare Fahrpläne und Termine für den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor oder aus der Kohleverstromung wären ein wirklich starkes und deutliches Zeichen – auch im Sinne der Solidarität mit jenen Inselbewohner/innen, denen das Wasser bereits jetzt bis zum Halse steht.

Die Caritas-Delegation forderte die COP 23 indes in einem gemeinsamen Statement dazu auf, wirkliches politisches Commitment an den Tag zu legen. Sie formulierte in ihrem gemeinsamen Statement den unbedingten Wunsch, die Staatengemeinschaft müsse „nicht nur technische Kleinarbeit leisten“, der Talanoa Dialog sei durchweg konstruktiv, inklusiv, transparent und partizipativ zu führen. Soll heißen: Die Stimmen der Armen und Marginalisierten müssen mit einbezogen werden.

Hier gibt es das Dokument zum Download: Ci Position Statement Cop23.


Was tut die Caritas

Zugang zu Land und Ernährung für kleinbäuerliche Familienbetriebe sichern – zum Beispiel mit Agroforstsystemen
Gestern wurde in einem Site-Event in der inneren Verhandlungszone der Konferenz von der Caritas auf die Dringlichkeit der Ernährungssicherung aufmerksam gemacht. Unter dem Titel “Klima, Land und Nahrung – positive Synergien für unser gemeinsames Haus” präsentieren Julianne Hickey (Caritas Aotearoa Neuseeland), Ben Kibiti (Caritas Kenia), Dennis Garrity (Evergreen Agriculture Partnership) und Kirsten Walker Painemilla (Policy Centre for Environment and Peace International) ihre Positionen zu diesem wichtigen Bereich.

Wer die Diskussion im Videoraum nachträglich anschauen möchte, kann das in einem Video-Newsroom tun: einfach diesem Link folgen – das Video startet ab der Zeiteinstellung 3:49:50. 


Martina Backes

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Katastrophenhilfe und -vorsorge, Klimakonferenz 2017

Über Martina Backes

Martina Backes (MB) Martina Backes, Biologin und Redakteurin, arbeitet als freie Mitarbeiterin für Caritas international. Meine Arbeit ermöglicht es mir, mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, ins Gespräch zu kommen und Aufmerksamkeit auf ihre Schicksale zu lenken.

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