Klimakonferenz in Bonn | Zum Wohle aller – der Talanoa Spirit

Heute ein paar Gedanken zu Fidschi: dem Inselstaat aus der Südsee, der dieses Jahr den Vorsitz der Weltklimakonferenz innehat und deren Akteure nach einer vollen Woche sicher auf ein paar ruhigere Stunden am Wochenende schielen.

Tag 5 / Freitag, 10. November 2017

Insbesondere die Gruppe der 77 hat auf Fidschis Premierminister Frank Bainimarama große Hoffnungen gesetzt. Darunter die Allianz der kleinen Inselstaaten (AOSIS), ein Zusammenschluss von 39 Insel- und Küstenstaaten aus der Karibik, Afrika, Asien und dem Südpazifik. Sie liegen nach gängiger fachlicher Einschätzung an der vordersten Front der globalen Klimakrise. Und das, obwohl lediglich 0,3 Prozent der weltweit ausgestoßenen Treibhausgase auf das Konto der südpazifischen Inselstaaten gehen. Denn anders als den Gesellschaften des globalen Nordens, die sich durch technologisch wie finanziell anspruchsvolle Anpassungen wohl weitestgehend schützen können, ist der drohende Entzug ihrer Lebensgrundlage infolge des Klimawandels für den Großteil der BewohnerInnen der AOSIS Länder und der Gruppe der 77 nahezu alltäglich.

Um die jeweiligen Argumente eines Verhandlungsakteurs zu verstehen, kann es erhellend sein, nach den Erfahrungen zu fragen, die dieser Akteur mitbringt. Ereignisse wie der Zyklon Winston ist eines von vielen Wetterereignissen, die Inselstaaten wie Fidschi im emotionalen Gepäck mit nach Bonn bringen:

Szenen der Zerstörung und des Lebens nach dem Zyklon Winston in Viti Levu Island, Fiji. Sakobo Waqa (68) lebt in einem Dorf, das von dem Wirbelsturm stark getroffen wurde. Er hat schon vorher viele Zyklone miterlebt, aber keinen wie diesen, berichtet er. Foto: Mark Mitchell/ Caritas Aotearoa New Zealand

Winston traf im Februar 2016 mit einer Stärke der Kategorie 5 auf die Inselgruppe. Mit Spitzengeschwindigkeiten von über 220 Kilometern pro Stunde fegte der tropische Wirbelsturm über Fidschi hinweg. Sturmfluten mit bis zu zwölf Meter hohen Wellen hinterließen vielerorts ein Trümmerfeld der Zerstörung. Trotz frühzeitiger Warnungen verloren über 40.000 Menschen ihr Hab und Gut. Ganze Dörfer wurden zerstört, 44 Menschen kamen ums Leben. Besonders betroffen waren die niedrig gelegenen Küstenregionen. Hier lebt der größte Teil der Bevölkerung. Der geschätzte Gesamtschaden von 1,4 Milliarden US Dollar entspricht einem Drittel des gesamten Bruttoinlandsprodukts.

Fiji: Die Caritas unterstütze die Bevölkerung nach dem Zyklon mit Nothilfe und Wiederaufbaumaßnahmen. Foto: Caritas Aotearoa New Zealand

Land unter? Fidschi will Visionen!

Gestern machte sich in den Verhandlungsräumen erster Unmut über Fidschis Premierminister Bainimarama breit, gerade von der Gruppe der 77, zu denen das Land selber gehört. Die Gruppe wünscht sich wohl deutlichere Unterstützung. Fidschi ist da in einer etwas ambivalenten Rolle: Bainimarama will bei den Klimaverhandlungen auf die Prinzipien globale Gerechtigkeit, Solidarität, Geschlossenheit und Nichtausgrenzung als ethische Basis der klimapolitischen Entscheidungen setzen. Die klingen ja gut, diese großen Worte. Ökonomische Interessen einzelner Regierungen, von fossilen Brennstoffen abhängige Industriesektoren und Lobbyorganisationen des globalen Nordens haben die Klimaverhandlungen nach Ansicht des Premierministers zu lange dominiert – und versuchen das auch weiterhin.

Faktisch erfordert der Vorsatz von Bainimarama, gegenüber den Blockierern wie der Kohlelobby (ja, auch die sind auf der COP vertreten) und gegenüber der klimaschädlichen Agrotreibstoff-Industrie oder auch den Staaten, die den Einigungsprozess über das zu erarbeitende Regelwerk erschweren, entsprechendes Standing an den Tag zu legen. Alles im Namen der Klimadiplomatie.

Talanoa: Aktiv zuhören und die Sichtweisen des Gegenübers respektieren

Fidschi möchte die diesjährige Weltklimakonferenz mit neuen Visionen versehen – der Austausch mit der Zivilgesellschaft gehört zum Kern des „Talanoa-Spirit“. Geschaffen wurde dafür eine Kontaktzone zwischen den vielen Menschen, die auf der Straße in kreativen Protestaktionen ihre Forderungen kundtun und den Delegierten aus dem Inneren der Verhandlungszone. “Talanoa” ist ein im Pazifischen Raum verbreitetes Konzept: Der Austausch untereinander ist dann inklusiv und transparent, wenn Menschen sich gegenseitig zuhören und die Sichtweise des Gegenübers respektieren – für Lösungen zum Wohle aller. Der so genannte “Talanoa Space” befindet sich jenseits der geschlossenen Verhandlungsräume in der Bonn Zone, zugänglich für die akreditierten  zivilgesellschaftliche Akteure.

Talanoa – Raum für interaktiven Austausch

Neben Nichtregierungsorganisationen haben zudem Städte und Gemeinden sowie die Wirtschaft das Wort auf der Talanoa-Bühne. Hier ist – zumindest im Rahmen der immer zu knappen Zeit – Platz für Fragen, Bedenken, Konzepte, Ideen, Kritik. Heute zum Beispiel lädt der deutsch-fidschianische Jugendaustausch dazu ein, gemeinsam auf das Klimathema zu schauen. Am Montag geht es u.a. um die Migration im Kontext des Klimawandels. Das Programm des Talanoa Space spiegelt zum einen die Themen aus den Verhandlungsräumen der BULA Zone wieder. Zudem dreht es sich hier viel um faire Entwicklungsperspektiven. Eine Programmübersicht gibt es hier.


Was tut die Caritas

Vielleicht ist auch dies der Talanoa Spirit: In zahlreichen Projekten der Caritas mit einem Schwerpunkt auf Katastrophenvorsoge gegen Dürren und Fluten spielen selbstorganisierte Komitees eine Vorreiterrolle: Hier erörtern die von Fluten Betroffenen gemeinsam mit Verwaltungen und ExpertInnen, was Katastrophenschutz ganz praktisch bedeutet.

Gemeinsam besprechen die Dorfbewohner die Notfallpläne. Hier im Distrikt Jalpaiguri. Foto: Caritas international

In Indien zum Beispiel setzt sich die Dorfbevölkerung im Rahmen der Katastrophenvorsorge in Assam in demokratischen Prozessen für ihre Belange ein. Vor allem Frauengruppen treiben diese Projekte voran. In Komitees erarbeiten die Dorfgemeinschaften Notfallpläne für eine schnelle Evakuierung aus bedrohten Gebieten. Engagierte DorfbewohnerInnen werden darin geschult, die Vorsorgemaßnahmen eigenständig zu organisieren und darüber auf den Versammlungen zu berichten. Mehr Informationen zu diesem Projekt gib es hier.

Frauen sind bei Katastrophen meist am stärksten betroffen. Foto: Caritas international

Martina Backes

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Autor: Martina Backes

(MB) Martina Backes, Biologin und Redakteurin, arbeitet als freie Mitarbeiterin für Caritas international. Meine Arbeit ermöglicht es mir, mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, ins Gespräch zu kommen und Aufmerksamkeit auf ihre Schicksale zu lenken.

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