Klimakonferenz in Bonn | Montreal torpediert Bonn

Rückschritte im weltweiten Klimaschutz kommen heute nicht aus Bonn, sondern aus Montreal. Das verdirbt in Bonn vielen Teilnehmenden der Weltklimakonferenz die Wochenendstimmung und Feierabendlaune.

Tag 6 / Samstag, 11. November 2017

Feierabend und Wochenende: Was machen die vielen Leute, die seit einer geschlagenen Woche tagsüber in Bonn von Panel zu Panel und von einer Sitzung zum nächsten Briefing springen, eigentlich am Freitag nach Feierabend? Zeit für soziale Events? Das Angebot ist groß. So wie die anderen Wochentage auch heißt es aber: Erst kurz die Berichte aus den Sitzungen checken. Um zu sehen, ob irgendwo gerade Gefahr im Verzug ist. Und Tatsächlich: Am Freitagabend ist keine Zeit für Ermüdungserscheinungen. Denn:

Der Etikettenschwindel mit dem Bio-Wörtchen

Die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO), eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, hat fernab von Bonn in Montreal beschlossen, von den 12 anvisierten Nachhaltigkeitskriterien für Biodiesel 10 fallen zu lassen. Darunter Schutzvorkehrungen, um soziale Belange wie Ernährungssicherung, Arbeitsrechte, Landrechte oder den Erhalt der biologischen Vielfalt und der Wälder durch den wachsenden Bedarf an Energiepflanzen für Biodiesel nicht zu gefährden.

Um dann voraussichtlich die letzten 2 Nachhaltigkeitskriterien auch noch zu kippen (Anbauverbot auf Flächen ehemaliger Regenwälder, die nach 2009 gerodet wurden und auf Feldern für den Anbau von Nahrungspflanzen). Dahinter stehen vor allem Brasilien (Exporteur von Agrotreibstoffen) und die USA. Dabei hatten die Mitgliedsstaaten der ICAO erst am 18. September den Plan verworfen, die Hälfte der Treibstoffe für die zivile Luftfahrt bis 2050auf Biokraftstoffe umzustellen.

Das dramatische an dieser Nachricht ist: Biotreibstoffe sind extrem umstritten und klimaschädlich. Mit der angekündigten Entscheidung der ICAO untergräbt diese komplett, was 193 Mitgliedstaaten der UN 2015 an Nachhaltigkeitszielen beschlossen haben. Wenn die Luftfahrt so weiter macht, torpediert sie alle guten Bemühungen um das Klimaabkommen.

Das Primat der Ernährungssicherung wahren

Der Anbau von Energiepflanzen zur Herstellung von Treibstoffen ist schon lange ein umkämpftes Feld. Agrartreibstoffe galten und gelten als ein Baustein bei der Suche nach einem Energiekonzept bzw. einem Energiemix, der den Ausstoß von Treibhausgasen verringert. Doch der GLOBIUM-Bericht der EU-Kommission machte jüngst deutlich, dass Agrokraftstoffe eine schlechte Klimabilanz haben; im Durchschnitt sind die CO2-Emissionen bis zu 80 Prozent höher als die aus fossilen Kraftstoffen.

Zwar muss die Biomasse, die Europa für die Herstellung von Agrotreibstoffen importiert, inzwischen zertifiziert werden. Doch auch die Auflage, dass importierte Biomasse wie Palmöl nicht von Flächen stammen darf, auf denen vor 2008 noch Regenwald wuchs, hat die Bilanz nicht verbessert: Inzwischen räumen der Nahrungspflanzenanbau oder die Viehwirtschaft für die Energiepflanzen das Feld und ziehen weiter in die Regenwälder, auf frisch gerodete Flächen.

Diese indirekte Landnutzungsänderung sorgt für die schlechte Klimabilanz vieler Biotreibstoffe – während die Sicherheit der Ernährung auf dem Spiel steht. Menschen werden vertrieben oder verlieren den Zugang zu ihren Feldern. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft zieht in diesem Monopoly oft den Kürzeren. Das Primat der Ernährungssicherung ist dann gefährdet.

Die Neuauflage der Erneuerbaren Energien-Richtlinie der EU will daher den Anteil von Biotreibstoffen von derzeit 8 Prozent auf 3,4 Prozent drosseln. Mit der neuen, ab 2021 wirksam werdenden Richtlinie („RED II“) soll also die Verwendung von Agrotreibstoffen, die aus Lebensmittelpflanzen wie zum Beispiel Palmöl, Getreide, Mais, Zuckerrüben oder Soja produziert werden, zuerst gedeckelt und dann schrittweise bis 2030 zurückgefahren werden.

Denn eine Konkurrenz um die besten Flächen zwischen dem Anbau von Energiepflanzen einerseits und dem Anbau von Nahrungspflanzen andererseits wird durch die Agroindustrie verschärft. Und das, obwohl Biokraftstoffe mit der „Tank oder Teller“ Diskussion längst ein schlechtes Image in der europäischen Klimapolitik haben. Die Debatte, ob es ethisch vertretbar ist, Palmöl, Raps, Soja oder Zuckerrohr in den Tank zu stecken, wird weiter geführt werden müssen. Zum einen, damit die Verbrennungsmotoren der Pkws auf den Straßen nicht weiterhin den Regenwald durch ihren Auspuff jagen. Zum anderen, weil die Bekämpfung des Hungers Vorrang hat.


Was tun?

Heute Vormittag wollen Tausende Menschen zum Tagungsort der Weltklimakonferenz marschieren. Sie demonstrieren für mehr Klimaschutz, Kohleausstieg und Menschenrechte im Klimaschutzabkommen. Damit wollen sie den Druck auf die Konferenzteilnehmenden erhöhen, das Paris Abkommen mit starken Verpflichtungen zu stützen, statt mit kontraproduktiven Lösungen aufzuwarten. Auch die Kirchen mobilisieren ihre Mitglieder, hier ein Zeichen zu setzten.


Martina Backes

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Autor: Martina Backes

(MB) Martina Backes, Biologin und Redakteurin, arbeitet als freie Mitarbeiterin für Caritas international. Meine Arbeit ermöglicht es mir, mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, ins Gespräch zu kommen und Aufmerksamkeit auf ihre Schicksale zu lenken.

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