13. November 2017   | Neuer Kommentar

Klimakonferenz in Bonn | Nachhaltiger Konsum

Heute berichte ich über die ersten Ergebnisse und die Stimmung auf der 23. Klimakonferenz in Bonn. Eingeschränkte Transparenz bei Verhandlungen und ungeklärte Maßnahmen, zum Beispiel zur Wiederbewaldung von Landflächen. Die Zwischenbilanz der COP23 spiegelt sich in der Stimmung wieder: zwischen erschöpft und aufgebracht.

Tag 8 / Montag, 13. November 2017

Katerstimmung am Wochenanfang

Den gestrigen Tag haben die Beobachter der Klimakonferenz vor allem für Strategieplanungen genutzt. So auch die Caritas Delegierten. Die Stimmung pendelt zwischen „erschöpft und aufgebracht“, denn immer wieder werden Nichtregierungsorganisationen von den Verhandlungen ausgeschlossen.

Auf den vorangegangenen Weltklimakonferenzen waren die Nichtregierungsorganisationen als Beobachter in jedem Verhandlungsraum zugelassen. War ein Saal voll, wurde per Video die Debatte in einen zweiten übertragen, denn der Transparenz wegen ist der Beobachterstatus ein wichtiges Instrument – sozusagen eine limitierte Öffentlichkeit in einem nichtöffentlichen Rahmen. Diese Woche gab es in Bonn mehrfach Ausschlüsse, weil die Unterhändler einzelner Vertragsstaaten die NGOs nicht im Raum sitzen und zuhören lassen wollten.

Die Vergabe von limitierten Tickets an die zivilgesellschaftlichen Beobachter machte es nicht wirklich besser. „Sie bewegen sich nicht, oder sie wollen sich nicht bewegen“, meint Benson Kibiti von Caritas Kenia, die Verhandlungen um den Fond für die Finanzierung der Anpassung kommentierend. Zudem verpasste ihm das nasskalte Rheinlandklima einen kräftigen Schnupfen.

Und Mercy Chirambo von der Caritas Malawi bestärkt, was nahezu alle BeobachterInnen der Nichtregierungsorganisationen sagen: Die inhaltlich wirklich spannenden Gespräche finden in der Bonn Zone statt und nicht in der internen BULA Verhandlungszone. Die Tatsache, dass die USA aus dem Klimaabkommen aussteigen wollen, während zahlreiche Beobachter aus den USA für einen Verbleib plädieren, raubt in den Verhandlungsgesprächen viel Zeit. Offensichtlich lässt sich der Vorsatz, „business as usual“ zu betreiben, nicht so einfach umsetzten.

Impressionen aus der Bonn Zone
Foto: BMUB/Sascha Hilgers

Große Töne, große Gäste, große Gesten.

Und was gibt es sonst zur Zwischenbilanz der Verhandlungen zu sagen? Große Töne, große Gäste, große Gesten. Zum Beispiel Initiativen wie die bereits letzte Woche vom Bundesumweltministerium in den Medienkanälen beworbene Bonn-Challenge, durch die bis 2030 weltweit 350 Millionen Hektar degradierter und entwaldeter Landfläche wiederbewaldet werden sollen, mögen zunächst vielversprechend klingen. Doch abzuwarten, was solche Versprechen dem Klimaschutz bringen, darf man nicht.

Unklar ist weiterhin noch, wie dieser Waldschutz konkret aussehen wird: Megaprojekte durch transnationale Firmen, die über den Holzhandel oder biomassebasierte Verstromung wirtschaftliche Gewinne erzielen wollen und müssen, in Konkurrenz zu anderen Gewinn orientierten Akteuren auf dem Weltmarkt? Und die geneigt sind, die ohnehin noch nicht klar definierten sozialen Standards eher großzügig zu übersehen? Oder werden es eher lokale und mit der Bevölkerung ausgehandelte Aufforstungs- und Waldschutzprogramme sein, die als Daseinsvorsorge von der Basis her so gestaltet werden, dass die Interessen und Bedürfnisse derer angemessen integriert sind, die derzeit auf den künftigen Waldflächen leben? Sicher gibt es auch innovative Lösungen zwischen diesen beiden Enden der Skala.

Transparenz gefordert

Die praktische Frage ist immer auch eine der Klimagerechtigkeit. Und die treibt die Caritas dieser Tage sehr um: nicht nur Transparenz ist nötig, also Beobachtung durch zivilgesellschaftliche Akteure in allen Sessions. Transparenz lässt sich nicht auf die lange Bank schieben. Und: Wie wird ein konkretes Projekt umgesetzt, mit wem, unter welchen Bedingungen? Wie können marktbasierte Großprojekte, die am Ende dem Profitdenken zu gehorchen drohen, schon im Vorfeld unterbunden werden? Das Konzept der Klimagerechtigkeit schaut aus gutem Grunde genau hin und beäugt die großen Versprechen vorsichtig.

Die Caritas vertritt auch hier die Position, dass Klimaschutz nicht nur aus wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Sicht bewertet werden darf. Es geht immer auch um ethische und moralische Sichtweisen. Sie betont die Bedeutung von praktischer Solidarität, die nicht zuletzt mit der Einsicht mündete, für das Gemeinwohl zu handeln.

Wer kommt für die Kosten auf?

Den Klimawandel aufzuhalten, wird einen Preis haben. Und es wird nicht dadurch billiger, dass niemand mehr zuhören darf. Zwar liegen die Antworten auf die Krise durch den Klimawandel in den Händen der gesamten Menschheit, gerechterweise sollten diejenigen jedoch den Löwenanteil auf sich nehmen, denen es besser geht und die das Privileg haben, am meisten vom Wohlstand zu profitieren, der seinerseits den Klimawandel mitverursacht hat.

Dieser Wohlstand ist im Übrigen eine Art Umwelthypothek. Die Art und Weise, wie der nicht allen Menschen in gleicherweise zugängliche Wohlstand geschaffen wurde, hat Kosten verursacht: die Emissionen in der Atmosphäre, den Klimawandel mit seinen Folgen wie Wassermangel, Dürre und Wüstenbildung, Artensterben und ein erhöhtes Risiko für Millionen von Menschen, ihre Existenz zu verlieren. Diese Menschen müssen täglich mit der Gefahr leben und zurechtkommen, ihre Existenz zu verlieren oder ihr Leben zu verlassen. Oder aber sie sind längst nach Ernteverlusten und Überschwemmen, die ihre Häuser mitgerissen haben, auf Hilfe angewiesen. Die erzeugte Hilfsbedürftigkeit ist mit die schlimmste Folge: der Verlust einer Umwelt und der Möglichkeit, aus eigenem Vermögen eine Existenz in Würde zu führen.

Hypotheken sind Lasten für künftige Generationen

Das rücksichtslose Schuldenmachen ruft angesichts der akuten Bedrohung von Millionen und auch gegenüber künftigen Generationen stark nach einer gerechten und fairen Lastenverteilung. Insbesondere gilt das, wenn es um die Finanzierung und die Anstrengungen zum Klimaschutz geht. Auch für die Finanzierung der so wichtig gewordenen Katastrophenvorsorge sowie Katastrophenanpassung und der Schadensminderung sind die wohlhabenden Gesellschaften gefragt.

Um das Prinzip der Klimagerechtigkeit zu unterstreichen, hatte Caritas Internationalis gemeinsam mit CIDSE, der Allianz katholischer, europäischer Entwicklungsorganisationen, bereits vor acht Jahren auf der Klimakonferenz in Kopenhagen zu einer gemeinsamen Kampagne für Klimagerechtigkeit aufgerufen. Unter dem Titel „Grow Climate Justice“ mobilisierte die Kampagne 170 katholische Organisationen.

Längst verstärkt der Klimawandel die Armut, längst ist das Recht auf sicheres Trinkwasser, auf Nahrung, auf Gesundheit und auf angemessenes Wohnen vielerorts nicht mehr gewährleistet. Es darf nicht passieren, dass Menschenrechte, die durch den Klimawandel ohnehin schon stark belastet werden, nun auch noch durch Programme zum Klimaschutz verletzt werden.

Auch in den Industriestaaten ist die Frage nach der Klimagerechtigkeit relevant. So können sich Besserverdienende die Angebote des nachhaltigen Konsums eher leisten: Fleisch von der Biotheke, Nahrungsmittel aus nachhaltigem Anbau, faire Textilien. Sie können, durch individuellen Konsum ökoeffizienter Technologien, eher nach dem Prinzip leben „Mehr und Besseres mit weniger erreichen“: Indem sie ihre Häuser isolieren, nachhaltige Reisen buchen, teure Bahntickets oder Elektroautos kaufen. Den nachhaltigen Konsum oder das nachhaltige klimaneutrale Wohnen in der Verantwortung des Einzelnen zu sehen, ist zu kurz gedacht. Vernünftige und bezahlbare öffentliche Verkehrsnetze sind als kommunale Aufgabe mit dem Klimaschutz verknüpft. Klimaneutralen bezahlbaren Wohnraum wird es nur geben, wenn es politischen Willen dafür gibt. Der Einfluss der KonsumentInnen ist begrenzt – wenngleich hier die persönlichen Möglichkeiten keineswegs ausgeschöpft werden.

Auf der Klimakonferenz geht es in nahezu allen Verhandlungsbereichen auch in der zweiten Woche darum, das Gerechtigkeitsprinzip zu stärken.


Was tut die Caritas

Energiearmut – das kennt man aus dem Entwicklungskontext. Doch auch hierzulande ist es gerade für Menschen mit geringem Einkommen schwer, an den Angeboten des nachhaltigen Konsums teilzuhaben. Was tun, wenn die Stromrechnung nicht mehr bezahlt werden kann und der Stromversorger den Strom abstellt?

Das Stromspar-Check-Projekt des Deutschen Caritasverbandes ist ein kostenfreies Angebot für Bezieher sozialer Leistungen und niedriger Einkommen. Die Akteure im Projekt – aber auch die Teilnehmenden am Stromspar-Check – leisten auf ihre Weise einen Betrag zum Gelingen der Energiewende. Rund 275.000 Haushalte mit geringem Einkommen haben seit 2008 am Stromspar-Check teilgenommen und so ihre Energiekosten deutlich gesenkt. Viele von ihnen konnten dank dieser individuellen Hilfe zur Selbsthilfe drohende Energieschulden oder gar Stromsperren vermeiden. Eine gelungene Verknüpfung von Klimaschutz und Sozialpolitik!

Im Mittelpunkt des Stromspar-Checks stehen eine Energiesparberatung sowie die kostenlose Installation von Energiespar- und Wasserspartechnik. Dabei beraten umfassend geschulte Stromsparberater die Haushalte „auf Augenhöhe“, da sie als ehemals langzeitarbeitslose Menschen die Probleme armer Haushalte kennen.

Die Energieeinsparung summiert sich inzwischen auf mehr 1.000 GWh, die CO2-Einsparung auf über 467.000 Tonnen. Damit zeigt der Stromspar-Check eindrücklich, wie die gesamte Gesellschaft an Maßnahmen zur Energieeffizienz beteiligt werden kann. Hier gibt es mehr Informationen zum Projekt.

Der Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm “Power to Change – die Energierebellion” zeigt den Stromsparcheck als Beitrag der Caritas zu einer Vision einer demokratischen, nachhaltigen und bezahlbaren Energieversorgung aus 100 % erneuerbaren Energien.


Martina Backes

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Katastrophenhilfe und -vorsorge, Klimakonferenz 2017

Über Martina Backes

Martina Backes (MB) Martina Backes, Biologin und Redakteurin, arbeitet als freie Mitarbeiterin für Caritas international. Meine Arbeit ermöglicht es mir, mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, ins Gespräch zu kommen und Aufmerksamkeit auf ihre Schicksale zu lenken.

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