Klimakonferenz in Bonn | Das Klimaabkommen muss konkreter werden

Der Dienstag beginnt mit dem Vorsatz: Lasst uns gemeinsames „Wir-waren-da“-Foto für die Posts machen. Kein schwieriges Projekt sollte man meinen, im Vergleich zu den Klimaverhandlungen und der zu treffenden Auswahl unter den zirka 30 Veranstaltungen, die ab morgens um neun Uhr täglich parallel laufen. Es bleiben nur noch ein bis zwei Tage. Und dann?

Tag 9 / Dienstag, 14. November 2017

Doch der Abend zuvor war lang. CIDSE, die Internationale Allianz von katholischen Entwicklungsorganisationen, hatte auf ein Vernetzungsabendessen eingeladen. Und prompt ist der Kalender für Dienstagfrüh mit neuen Meetings und bilateralen Gesprächsabsichten gefüllt. Als die letzten zum Fotoshooting kamen, waren die ersten schon wieder unterwegs. So war es auch gestern schon.

von links nach rechts: Benson Kibiti, Martina Backes, Sara Lickel, Adriana Opromolla, Julianne Hickey

Ohne die App, auf der wir uns gegenseitig mitteilen, was wann wo verhandelt wird und wer mit wem wo hingeht oder wer noch geweckt und gebrieft werden muss, wäre die eher kleine Gruppe der acht Caritas BeobachterInnen in der globalen Konferenz mit über 25.000 Teilnehmenden vermutlich auf immer verstreut.

Nur noch ein bis zwei Tage. Und dann?

Ab Mittwoch beraten sich die Unterhändler mit ihren Ministerinnen und Ministern, die dann am Ende entscheiden, welche Textentwürfe für weitere Verhandlungen verabschiedet werden und welche nicht. Immerhin, nach einem eher trägen Wochenende gab es gestern eine gute Nachricht: Ein kleiner aber dennoch wichtiger Ausschnitt für eine Vorlage zum Regelwerk des Klimaabkommens wurde auf den Weg gebracht – und zwar im heftig umstrittenen Bereich der Landwirtschaft.

Die Feierlaune im UN-Gebäude war groß, als sich die Vertragsstaaten gestern Abend um 18 Uhr nach fünf Jahren zäher Verhandlungen auf einen Textentwurf einigten. Das Gremium der Klimarahmenkonvention für wissenschaftliche und technische Fragen (SBSTA – Subsidiary Body for Scientific and Technical Advice) hat damit eine von vielen noch zu bewältigenden Hürden genommen: Die Länder wurden aufgefordert, Methoden einzureichen, mit denen sie künftig messen können, wie der Zustand des Bodens ist, wie reich oder arm an Kohlenstoff die Böden sind und wie der Einsatz von Düngemitteln verbessert werden kann. Auch der so wichtige Bereich Widerstandsfähigkeit (Resilienz) und Anpassung an klimawandelbedingte Veränderungen wurde gestärkt.

Ob der Text förderlich für eine auf agrarökologischen Prinzipien basierende nachhaltige Landwirtschaft ist, die weniger klimaschädliche Form der Landwirtschaft, muss sich erst noch zeigen. Offen bleibt bisher, wie der wichtige Bereich der Katastrophenvorsorge im Bereich der Landwirtschaft konkret integriert werden kann oder soll. Die vielen kleinen diplomatischen Gehversuche und ersten Schritte für ein Regelwerk zum Pariser Klimaschutzabkommen erscheinen sehr mühsam.

Stimmungsschwankungen als ständige Begleitung

Doch die Stimmung des Caritas COP-Teams ist heute gut, vor allem nachdem Mary Robinson, ehemalige UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, die Enzyklika (Laudatio Si’) des Papstes zitierte und seine Haltung zur Klimakonferenz und der Bedeutung der Klimapolitik damit würdigte. Sie legte allerdings Wert darauf, dass gerade die Erfahrungen der Frauen auf einer lokalen Ebene in die Bemühungen zum Klimaschutz und vor allem bei der Frage der Anpassung deutlich stärker Eingang in die Programme finden müssen. Da auch die gemeinsame Position der Caritas Delegation genau diesen Punkt bekräftigt, ist die Stimmung gut – jede und jeder freut sich hier über so prominenten Rückenwind.

Und tatsächlich ließen sich dann doch ein paar Fotos vor einer Stellwand neben einer Kantine machen, bevor die ersten schon wieder Richtung Verhandlungsraum, Flughafen und Podiumsdiskussion unterwegs sind.

Die “Caritas-Family” auf der COP23: Neil Thorns (CAFOD Director of Advocacy), Mercy Chirambo (Livelihood Programs Officer von Caritas Malawi), Julianne Hickey (Director Caritas Neuseeland); Yohan Yohan Rahmat Santosa (Caritas Indonesien) und Adriana Promolla (Caritas internationalis)

Was tut die Caritas

Gemeinsam mit CAFOD, KOO und CIDSE und in Zusammenarbeit mit Trocaire, Misereor und Caritas Internationalis wird es am Mittwoch in einer Veranstaltung um die Frage gehen, wie die Prinzipien der Enzyklika von Papst Franziskus für die Klimabemühungen angewendet werden können. Um den nötigen Wandel zu vollziehen, lädt die Enzyklika dazu ein, verantwortlich zu handeln, sowohl individuell, als auch im Rahmen der Gemeinden und auf politischer Ebene.

Um dieser Haltung mehr Gewicht zu verleihen, wird heute von der internationalen Allianz von katholischen Entwicklungsorganisationen (CIDSE) auf der Veranstaltung ein Bericht veröffentlicht werden. Dieser zeigt detailliert auf, wie eng die Klimakrise mit Armut und sozialen Belangen verknüpft ist. Für die Mitgliedsorganisationen der katholischen Weltgemeinschaft hat der Bericht einen praktischen Wert: Sie erhalten damit Richtlinien, mit denen sie ihre eigene Arbeit im Bereich Klimaschutz und Klimaanpassung überprüfen können. Und zudem, wie sie ihre Regierungen und Partner von der Bedeutung der Prinzipien der Enzyklika für gerechte Klimaprogramme überzeugen können.
Hier geht es zum Bericht: Climate action for the common good, written by CIDSE.

Prälat Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritas Verbandes, hat eine klare Haltung und Botschaft zum Klimathema verfasst: Klimaschutz ist eine soziale Aufgabe. Und die Rolle der Caritas im Rahmen des Klimaschutzes ist es insbesondere, ökologische und soziale Fragen miteinander zu verknüpfen und gemeinsam mit den betroffenen Menschen nach Lösungen zu suchen. Hierzu ist es notwendig, die Erfahrungen aus unterschiedlichen Projekten in öffentliche Debatten einzubringen. Denn nur im Austausch lässt sich ein Verständnis von Fortschritt entwickeln, das “gesünder, menschlicher, sozialer und ganzheitlicher ist” (LS 109), wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika “Laudato si” eindrücklich beschreibt (siehe Neue Caritas).


Martina Backes

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Autor: Martina Backes

(MB) Martina Backes, Biologin und Redakteurin, arbeitet als freie Mitarbeiterin für Caritas international. Meine Arbeit ermöglicht es mir, mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, ins Gespräch zu kommen und Aufmerksamkeit auf ihre Schicksale zu lenken.

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