18. Mai 2018   | Neuer Kommentar

Ukraine – Selbsthilfe für Jugendliche mit Behinderung

Knapp 1500 km sind es von Osthessen in die Westukraine. Der Weg geht fast schnurgerade immer auf der A4 entlang, die auch in Polen diese Nummer hat und von Jahr zu Jahr besser ausgebaut ist. Caritas-Vertreter aus Fulda und aus Iwano-Frankiwsk kennen praktisch jeden Baum entlang der Strecke. Neun Jahre läuft nunmehr die Partnerschaft zwischen den beiden Schwesterverbänden, und so mancher Besuch fuhr in dieser Zeit die Tour hin oder her.

Zentrum für Jugendliche mit Behinderung

Gerade haben wir uns aus Fulda wieder einmal zu dritt Richtung Osten aufgemacht. Der erste Aufenthaltstag dient dort traditionell der großen Gesprächsrunde mit den Akteuren der Zusammenarbeit im Caritas-Haus in Iwano-Frankiwsk. Die letzten vier Jahre der deutsch-ukrainischen Kooperation waren bestimmt von einem Projekt zur Selbstbestimmung und Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung und ihrer Familien, das von der Aktion Mensch gefördert wurde.

Viele Jugendliche mit Behinderung lernen im Caritas Zentrum zum ersten Mal, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. Foto: Caritas Ukraine, Iwano-Frankiwsk

Die Caritas unterstützte die Betroffenen bei der Gründung von Selbsthilfegruppen, die sich anschließend eigenständig – oft mit dem örtlichen Pfarrer – organisierten, einen Raum für die Zusammenkünfte suchten, mit der Kommune womöglich Zusammenarbeit und finanzielle Unterstützung aushandelten und die eigenen Aktivitäten festlegten. Dazu gehörten Beschäftigungs- und Betreuungsmaßnahmen für die jungen Familienangehörigen mit Handicap, Ausloten von Arbeitsmöglichkeiten, Aktivitäten zur Freizeitgestaltung, Verbesserungen zur Mobilität und Betreuung, Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit.

Zentrum für Jugendliche mit Behinderung: Malen, Modellieren und Musizieren fördert die Fingermotorik und die Kreativität. Foto: Caritas Ukraine, Iwano-Frankiwsk

In einer Sitzung präsentierten uns alle sieben entstandenen Gruppen ihre Arbeit. Es war für uns berührend und beeindruckend zu sehen, was die Menschen mit minimalen Mitteln, aber viel Elan bewegen konnten. Ein Beispiel ist die Gruppe in Kalusch. Hier hat der Pfarrer sogar ein paar Arbeitsplätze in einem Kerzen-Produktionsprojekt schaffen können. Seht selbst:

Dialog zwischen Frontkämpfern aus dem Westen und Flüchtlingen

Und was gab es noch gleich an diesem ereignisreichen Tag? Die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ostukraine wirken sich auf das ganze Land aus. Überall gehört die Betreuung der Binnenflüchtlinge zur Caritas-Arbeit. Verstärkt steht dabei der Friedens- und Versöhnungsgedanke im Vordergrund. Ein Projekt in Iwano-frankiwsk soll Familien von Frontkämpfern aus dem Westen und Ostflüchtlinge, die teilweise Anhänger der separatistischen Gruppierungen hinter der Frontlinie sein können, miteinander ins Gespräch und in Kontakt bringen. Die Caritas lud diesmal zu einem Zeitzeugengespräch mit alten Veteranen ein. Ihre Botschaft: In und um die Ukraine wurde schon viel zu oft gekämpft. Und seit 2014 sind genug Menschen völlig sinnlos gestorben. Wir haben in unserem Leben die Erfahrung gemacht, dass es, ungeachtet ihrer Herkunft, überall gute Menschen gibt. So sollte uns das friedliche Zusammenleben in der Ukraine doch eigentlich auch wieder gelingen.

Hier erfahrt ihr mehr über Projekte von Caritas international in der Ukraine.

Zeitzeuge Wolodymyr S. sprach als „lebendiges Buch“ bei dieser Caritasveranstaltung vor Binnenflüchtlingen aus dem Osten und jungen Studenten und Studentinnen aus Iwano-Frankiwsk. Foto: Christian Scharf

 

Print Friendly, PDF & Email

Arbeitsfelder, Caritas für Caritas, Gesundheit, Pflege, Sucht, Teilhabe bei Behinderung

Über Christian Scharf

Christian Scharf Dr. Christian Scharf ist Pressereferent vom Caritasverband der Diözese Fulda. Er schrieb für den Blog bereits von Dialog- und Pressereisen aus Kambodscha, Jordanien und dem Libanon. Regelmäßig ist Christian Scharf in der Ukraine unterwegs, denn hier hat Caritas Fulda einen Schwesterverband in der westukrainischen Stadt Iwano-Frankiwsk, und von dort berichtet Christian Scharf immer wieder über den Fortgang gemeinsamer Hilfsprojekte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.