16. Juni 2018   | Neuer Kommentar

Blick hinter die WM-Fassade | Caritasarbeit in Russland

Wer die Kehrseite der schillernden Kulturmetropole St. Petersburg in Russland kennenlernen will, muss nur die Suppenküche der Caritas für Obdachlose besuchen.

Sehr einfach und trotzdem sehr gefragt – über 150 Menschen kommen täglich in die Suppenküche der Caritas. Foto: Philipp Spalek

Suppenküche in St. Petersburg, Russland

Mit der Einrichtung dieser Kantine für sozial schwache Menschen wurde nach dem Zerfall der Sowjetunion der Grundstein für die Caritasarbeit in St. Petersburg gelegt.

Heute bekommen hier circa 150 überwiegend obdachlose Menschen jeden Tag eine warme Mahlzeit. Im Nebenzimmer werden außerdem kleine Wunden versorgt und bei Verdacht auf Tuberkulose auch Medikamente ausgegeben. Das ist wichtig, um möglichst schnell weitere Ansteckungen zu verhindern. „Kein Tag vergeht“, sagt die Krankenschwester Tatjana Sisowa, „an dem in unserer Sprechstunde nicht irgendein besonderes Problem auftaucht, für das wir dann gemeinsam eine Lösung finden müssen.“

Fast fünfzig Prozent der Menschen, die hierherkommen, sind nicht aus St. Petersburg, sondern sind irgendwann in die Metropole migriert. Weil sie nicht offiziell registriert sind, haben sie auch keinerlei Anspruch auf Hilfe.

„Ich war einmal ein intelligenter Mensch mit anständigem Beruf.“

„Für unsere Leute“, sagt die Leiterin der Suppenküche, Swetlana Stepanowa, „bringt die WM nur Probleme. Denn sie sollen in dieser Zeit aus der Stadt verschwinden.“ Die resolute Frau wäre eigentlich schon in Rente, macht aber trotzdem weiter. Denn wo sollen Menschen wie Alexander Z. hin, wenn sie nicht mehr hierherkommen können?

Das Team der Obdachlosenküche – in der Mitte die Leiterin Swetlana Stepanowa.

Alexander Z. ist 60 Jahre alt und stellt sich mit dem Satz vor: „Ich war einmal ein intelligenter Mensch mit anständigem Beruf.“ Wer sich mit ihm unterhält, glaubt ihm das auch sofort.

Früher hat er in einer Metallwerkstatt gearbeitet. Aber dann fingen die Probleme an. Er beging eine Straftat, was genau, sagt er nicht. Auf alle Fälle musste er für eine Zeit ins Gefängnis und als er wieder herauskam, hatten seine früheren Mitbewohner die gemeinsame Wohnung verkauft. Seither hat er nie wieder eine Wohnung gefunden und lebt auf der Straße.

Er kommt hierher, weil er hier etwas zu Essen kriegt. Aber auch, weil das der einzige Ort ist, an dem er sich wie ein ganz normaler Mensch fühlt, Bekannte trifft, sich unterhalten kann. „Die Mitarbeiterinnen hier“, sagt er, „geben uns das Gefühl, dass wir willkommen sind. Das sind wir sonst nirgends.“

Seit seine früheren Mitbewohner die gemeinsame Wohnung verkauft haben, lebt Alexander Z. auf der Straße.

Seit seine früheren Mitbewohner die gemeinsame Wohnung verkauft haben, lebt Alexander Z. auf der Straße.

Die Situation in Kaliningrad, vor allem in den ländlichen Gebieten, sieht ähnlich aus wie in St. Petersburg: steigende Mieten bei sinkenden Reallöhnen und als Folge eine zunehmende Verarmung der Bevölkerung. Die Leiterin mehrerer Jugendzentren der Caritas zeigt hier einen Blick hinter die Kulisse des WM-Standorts Kaliningrad.

Print Friendly, PDF & Email

Arbeitsfelder, Chancen für Chancenlose, Europa

Über Andrea Edler

Andrea Edler ist Journalistin und Feature-Autorin. Als freie Mitarbeiterin erstellt sie die Wanderausstellungen von Caritas international zu verschiedenen Themen der Humanitären Hilfe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.