3. Juli 2018   | Neuer Kommentar

Peru: Einfach jemand, der zuhört

Valeria lebt mit elf Familienmitgliedern in einer winzigen und improvisierten Unterkunft in Barrios Altos, einem ärmlichen Stadtteil der Hauptstadt Perus. Privatsphäre ist hier ein Fremdwort. Die Caritas will das Viertel von innen heraus stärken – nicht nur mit dem Kampf gegen Drogen, sondern auch mit der Mobilisierung nachbarschaftlicher Hilfe, Workshops, und Hausaufgabenbetreuung.

“Momentito”, “einen Moment bitte”, höre ich von innen. Kurz darauf öffnet sich die Sperrholztür, an die ich gerade geklopft habe. Die Tür zu den 45 Quadratmetern Wohnraum, den sich elf Mitglieder einer Familie teilen eröffnet mir einen Anblick, der mich auch noch nach neun Monaten als Freiwilliger im von Caritas international unterstützen Drogenprojekt herausfordert.

Valeria mit zwei Kindern und ihrer Mutter in ihrer improvisierten “Wohnung”. Foto: Luca Weigand

Gerade einmal 20 Minuten entfernt vom historisch-kolonialen Zentrum der Hauptstadt Lima, wo Touristen über die hübsche Plaza de Armas spazieren, arbeiten die Projektmitarbeiter in der als “huerta perdida” bekannten Zone, einem von Kriminalität, Drogenkonsum und sozialer Ausgrenzung geprägtem Viertel.

Zuhause bei Valerias Familie

Gemeinsam mit der Psychologin Sonia werde ich von Adriana, 11 Jahre alt, herein gewunken. Sie ist an unsere Familienbesuche gewöhnt und freut sich offensichtlich, uns zu sehen. Wir gehen am abgenutzten Gasherd und Spülbecken vorbei und gelangen in den hinteren Teil des “Hauses”, wo die drei Betten stehen, die sich die Familie teilt. Dort erwartet uns Adrianas Mutter Valeria, 39, gemeinsam mit ihrem gerade ein Jahr alt gewordenen Baby und ihrem drittältesten Sohn. Sie hatte uns gebeten, mit unserem Erste-Hilfe-Koffer vorbeizukommen. Bei dem Versuch, ihrem Sohn die Haare zu schneiden, bekam dieser einen epileptischen Anfall bekommen, was zu einem Schnitt am Kopf führte.

Während wir den Jungen verarzten, erzählt Valeria uns, dass ihre beiden ältesten Söhne kaum noch vorbeikommen. Nur deren Freundinnen mit den jeweiligen Babys sind zuhause und in ihre Handys vertieft. Die eine der beiden, Maria, grüßt mich fröhlich und bietet mir ein Stück Kuchen an, das sie für umgerechnet etwa 26 Cent verkauft – eine der vielen Möglichkeiten für sie, Geld zu verdienen. Sonia und ich hören den beiden Frauen einfach zu und bieten ihnen damit etwas, das sie sonst kaum erfahren – ein offenes, unvoreingenommenes Ohr.

So sieht es im Viertel Barrios Altos in Lima aus. Foto: Luca Weigand

Gemeinsam an einem Strang ziehen

Der Junge hat sich inzwischen beruhigt und seine Wunde ist verarztet. Wir sprechen nun mit Valeria darüber, wie wir eine einfache Holzwand finanzieren könnten, um die Betten von der Küche abzugrenzen und etwas mehr Privatsphäre zu schaffen. Wir verbleiben in einer “Pollada”, dem Verkauf von Essen an Nachbarn und Freunde mit dem Ziel, das nötige Geld einzunehmen, und vereinbaren, dass wir sie in diesem Prozess begleiten werden. Von heute an werden auch wir mit verschiedenen vor Ort lebenden Personen sprechen, die mit uns zusammenarbeiten und der Familie beim Aufstellen der Wand helfen könnten. Die Gespräche sollen die Familie auch unterstützen, neue soziale Kontakte zu knüpfen und somit ein Netz von Personen schaffen, die gemeinsam in ihrem Viertel aktiv werden und eine Weiterentwicklung anstreben. Engagement fördern und Zusammenhalt stärken – das ist eines unserer Ziele.

Selbstvertrauen für Kinder aus armen Familien stärken

Im Centro de Escucha können die Kinder den schwierigen Familienverhältnissen zuhause entkommen und basteln, spielen oder in Ruhe ihre Hausaufgaben erledigen. Hier finden sie Erwachsenen, die ihnen zuhören. Foto: Luca Weigand

Nach einer halben Stunde verabschieden wir uns; Valeria ist offensichtlich erleichtert, über die vielen Themen gesprochen zu haben, die sie belastet hatten. Ihre Tochter Adriana begleitet uns den kurzen Weg zurück zur Tür, mit ihrer kleinen Schwester im Arm. Für den Nachmittag laden wir sie in unser “Centro de Escucha”, das “Zuhörzentrum” ein. Hier bieten wir heute einen Workshop zum Thema Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl für die vielen Kinder des Viertels, die in ähnlichen Verhältnissen wie Adriana aufwachsen, an.

Sie verspricht uns, später vorbeizukommen und erzählt uns dann stolz von einer guten Note, die sie in einer Mathematik-Klausur bekommen hat. Das ermutigt uns sehr, denn damit wird erkennbar, dass unsere Hausaufgabenhilfe die Kinder weiter bringt.
Als sie wenig später tatsächlich mit ihrem Schulheft an unsere Tür klopft, freuen wir uns alle. Denn sie wird in ein paar Jahren die Möglichkeit haben, als erste in ihrer Familie die weiterführende Schule abschließen zu können.

Hier sieht man mich im Centro de Escucha bei der Hausaufgabenbetreuung. Spielerisch Lernen ist oft die wirksamste Methode.

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Arbeitsfelder, Chancen für Chancenlose, Gesundheit, Pflege, Sucht, Rechte für Kinder

Über Luca Weigand

Luca Weigand Luca Weigand stammt aus Mannheim und ist einer der ersten beiden Freiwilligen, die ihren "weltwärts"-Freiwilligendienst in einem Projekt von Caritas international (in Peru) verrichten.

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