3. August 2018   | Neuer Kommentar

Generation ohne Hoffnung?

Sandra Awad kommt aus Damaskus und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Caritas Syrien. In ihren Schreiben berichtet sie uns von ihren Eindrücken aus dem Bürgerkriegsalltag – so wie zuletzt beim Besuch eines Flüchtlingscamps in Adra, nördlich der Hauptstadt Damaskus.

Eine Frau unterhält sich mit zwei syrischen Mädchen.

Auch wenn sie wieder lachen können, sind viele Kinder stark traumatisiert. Foto: Caritas Syrien

Ich steige aus dem Bus und meine Füße berühren den sandigen Boden einer Notunterkunft im Industriegebiet von Adra, wo tausende vertriebene Familien aus den Dörfern von Ghouta Unterschlupf gefunden haben. Nervös schaue ich mich um: Um mich herum ein Meer aus Menschen – sonnenverbrannte Gesichter, auf denen ein Ausdruck von Schmerz, Langeweile und Hoffnungslosigkeit liegt. Die meisten tragen abgetragene Kleidung und Plastikschuhe. Einige Männer schlafen auf dem Boden. Von Weitem scheint es beinahe als hätte man sich zu einem abendlichen Picknick verabredet, aber die Gesicherter sprechen eine andere Sprache: Sie erzählen von der Langeweile, die hier die Tage füllt, von der eigenen Machtlosigkeit keine Aufgabe zu haben und kein Geld verdienen zu können, um die Familien mit dem Nötigsten zu versorgen.

Durst nach Frieden in Syrien

Während meine Kollegen beginnen, die Namen der Familien zu erfassen, damit die von uns mitgebrachten Lebensmittel und Windeln später gerecht verteilt werden können, bahne ich mir einen Weg durch die Menschenmenge und versuche das Ausmaß des Krieges hier vor Ort zu verstehen. Nach ein paar Minuten versperrt mir eine magere Frau den Weg: „Ich weiß, man sieht es mir nicht an“, beginnt sie zu erzählen, „aber ich bin im achten Monat schwanger. In einem Monat soll das Kind zur Welt kommen und ich habe Angst, dass etwas nicht in Ordnung ist. In der Krankenstation hat man mir gesagt, der Embryo sei zu klein für sein Alter.“ Ich fühle mich furchtbar, weil ich ihr nicht helfen kann. „Wie um Himmelswillen soll ihr Bauch auch größer werden, wenn sie nichts zu essen bekommt? Ein Stück Brot und eine Tasse Tee sind alles, was sie seit heute Morgen zu sich genommen hat“, ertönt eine zweite Frauenstimme hinter mir. Ich bin mir sicher, dass es sich um die Mutter der jungen Frau handelt. „Es werden bald Lebensmittelpakete ausgeteilt“, erkläre ich etwas hilflos.

Eine Menschengruppe betritt eine Lagerhalle.

Die Caritas Syrien verteilt Lebensmittel und Hygieneartikel an die Flüchtlinge. Foto: Caritas Syrien

Ich laufe weiter, steuere auf eine grüne Zeltsiedlung zu und bleibe vor zwei großen Wassertanks stehen, an denen ein rotes Kreuz und ein roter Halbmond prangen. Frauen und Männer stehen hier und stillen ihren Durst und irgendwie hat das Bild für mich etwas Symbolisches: Als würde der Durst für ihr Leid stehen, das hier – an Kreuz und Sichel, den Symbolen für Christentum und Islam sowie für die gemeinsame Arbeit der beiden Hilfsorganisationen – gelindert wird.

Nicht nur Städte müssen wieder aufgebaut werden

Ein kleines blondes Mädchen, das plötzlich vor mir steht und mich anstrahlt, reißt mich aus meinen Gedanken. Wir unterhalten uns ein wenig und sie erzählt mir von ihrer Mutter, die eine sehr kostspielige Operation benötigt, um wieder laufen zu können. Zwischen siebentausend und siebenhunderttausend syrischen Pfund – an die genaue Summe erinnert sie sich nicht mehr. Im Grunde spielt das aber auch keine Rolle, weil die Familie sowieso kein Geld für die Operation haben wird. Trotz allem strahlt das Mädchen etwas Positives aus – als wäre sie der beste Beweis dafür, dass der Mensch doch stärker sein kann als Krieg und Zerstörung. Fröhlich zeigt sie auf ein weiteres Mädchen mit zerrissener Kleidung und erklärt mir, dass diese ihre beste Freundin sei, die sie zufällig auf der Flucht kennengelernt habe. Die Familien der beiden planen zusammenzuziehen, sobald sie eine Unterkunft in Damaskus finden. „Und dann werden wir für immer Freundinnen bleiben“, erzählt mir das kleine blonde Mädchen stolz von ihren Zukunftsplänen.

Menschen drängen sich um ein Auto.

Syrien ist das Land mit den meisten Flüchtlingen weltweit. Foto: Caritas Syrien

Plötzlich kommt Bewegung in die Menschenmenge um mich herum, die hektisch in Richtung des Lebensmitteltrucks drängelt, der langsam anrollt. Ein Finger tippt mir im Gedränge auf die Schulter: „Gibt es auch große Windeln für meinen Sohn?“, fragt mich eine junge Frau. „Er ist acht und nässt sich ständig ein“, erklärt sie und zeigt auf den Jungen neben sich. Ich sehe die Urinflecken auf seiner Hose. „Ich fürchte nicht“, antworte ich zögerlich. „Was genau hat er denn? War er schon beim Arzt?“ Sie nickt und erklärt, dass es nichts Körperliches sei.

Als ich später am Tag in den Bus steige, fühle ich mich müde und ausgelaugt. Ich erinnere mich an die Bilder der zerstörten Stadtviertel, die uns auf der Fahrt hierher begleitet haben. So schlimm diese Bilder auch sind – sie berühren mich nicht so sehr. Städte lassen sich wieder aufbauen, aber wie will man all das retten, was zwischen den Menschen kaputt gegangen ist?

Während mein Blick aus dem Fenster schweift, entdecke ich das kleine blonde Mädchen wieder, das mir hektisch winkt und Küsse zuwirft. Ich muss lächeln…vielleicht gibt es sie doch noch, die Hoffnung.

Sandra Awad, übersetzt von Hannah Radke
August 2018

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Arbeitsfelder, Chancen für Chancenlose, Flucht und Migration, Konflikte und Krisen, Naher Osten / Nördliches Afrika

Über Sandra Awad

Sandra Awad Sandra Awad kommt aus Damaskus und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Caritas Syrien. In ihren Schreiben berichtet sie uns von ihren Eindrücken aus dem Bürgerkriegsalltag – so wie zuletzt beim Besuch eines Flüchtlingscamps in Adra, nördlich der Hauptstadt Damaskus.

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