15. August 2018   | Neuer Kommentar

Zu Besuch im größten Flüchtlingscamp der Welt

Rund ein Jahr leben die meisten geflohenen Rohingya bereits im Flüchtlings-lager Kutupalong. Ich habe die Gelegenheit, mich mit einigen zu unterhalten und herauszufinden, was sie am dringendsten benötigen.

Ein Caritas-Mitarbeiter interviewt einen Flüchtling.

Die Flüchtlinge haben viel erlebt. Auch das Leben im Flüchtlingscamp ist kein einfaches und birgt viele Gefahren. Foto: Caritas international

Aus ihrer Heimat in Myanmar vertrieben, harren über eine Million Angehörige der Volksgruppe der Rohingya im mittlerweile größten Flüchtlingslager der Welt aus, dessen Dimension nach wie vor ständig anwächst. Ohne Hilfe von außen könnten sie nicht überleben. Aber haben sie auch alles, was sie brauchen? Woran besteht nach wie vor Bedarf? Rund ein Jahr, nachdem die große Vertreibungswelle begann, lege ich diese Fragen den Betroffenen im Camp in Bangladesch selbst vor. Der Grundtenor: An humanitären Hilfsgütern fehlt es ihnen nicht, wenn auch beklagt wird, dass bei den Verteilaktionen ständig die gleichen Nahrungsmittel verteilt werden: Reis und Linsen. Aber es fehlt ihnen an Geld, an Einkommensmöglichkeiten, an Bildungsmöglichkeiten und generell an Zukunftsperspektiven.

Ungewisse Zukunft für die Rohingya

Niemand weiß derzeit, wie es mit ihnen weitergehen soll. Wird es ihnen je möglich sein, sicher in ihre Heimat Myanmar zurückzukehren? Oder werden sie über viele Jahre noch im Flüchtlings-Camp in Bangladesch bleiben müssen? Hier erhalten sie zwar das Lebensnotwendigste, bleiben aber gettoisiert, werden nicht in die Gesellschaft von Bangladesch integriert und verharren ohne Zugang zu Schulen und Ausbildungen.

Das fragt sich auch der 25-jährige Mahmud Tanjit, der in Myanmar mit einer kleinen Landwirtschaft seine Frau und fünf Kinder immer gut ernähren konnte. „Jetzt bin ich Almosenempfänger“, sagt er, „dabei kann ich doch wirklich jede körperliche Arbeit verrichten.“ Zwar bekommt er, wie auch viele andere Rohingya im Camp, immer wieder mal Gelegenheitsarbeiten von der Caritas und anderen Hilfsorganisationen angeboten, um beim Bauen neuer Häuser und sanitärer Anlagen mitzuhelfen. Aber er beklagt, dass dies immer nur tageweise sei und er nie wisse, ob er mit einer neuen Arbeit rechnen kann oder nicht. 350 Thakar (umgerechnet circa dreieinhalb Euro) erhält er für einen Acht-Stunden-Tag. „Das“, so sagt er, „hilft, dass ich auch mal anderes Essen kaufen kann als das, was wir von der humanitären Hilfe bekommen. Fisch zum Beispiel oder Obst und Gemüse.“

Die Menschen sind dankbar für das, was für sie getan wird

Zu kaufen gibt es im Rohinyga-Lager inzwischen genug, überall sind Märkte und Verkaufsstände, an denen oft auch Kaffee oder Tee ausgeschenkt wird. An einem solchen treffe ich Mahmud Tanjit, der dort mit mehreren Männern tatenlos sitzt und Tee trinkt. „In einer Woche feiern wir unser größtes islamisches Fest, das Fastenbre-chen“, erzählt einer von ihnen, „und dabei wird üblicherweise ein Tier geschlachtet. Aber woher sollen wir das ohne Geld bekommen? Wir brauchen einfach noch mehr Arbeit.“

Klagen hört man sonst wenig im Camp. Die meisten der Rohingya äußern sich, oft sogar überschwänglich, dankbar für alles, was sie an humanitärer Hilfe erhalten. Angemahnt werden nur Kleinigkeiten wie, neben den erwähnten Wünschen nach anderem Essen und Einkommensmöglichkeiten, die baldige Instandsetzung von durch den Monsun beschädigten Gebäudeteilen, Abwasserrinnen oder Latrinen. „Mein größter Wunsch“, erzählt mir die 45-jährige Familienmutter Hazina Begum, „ist hier schon in Erfüllung gegangen: in Frieden leben zu können. In Myanmar mussten wir jeden Tag Angst haben.“

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Asien, Flucht und Migration, Konflikte und Krisen

Über Stefan Teplan

Stefan Teplan Stefan Teplan ist Journalist und Öffentlichkeitsarbeiter für Caritas international. Seit 2007 begleitet er die jährlichen Begegnungsreisen mit Caritas-Mitarbeitenden aus aller Welt.

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