Inklusion: Ein Radiosender für Ernesto I Dialogreise Peru

In Peru gilt heute noch rund ein Fünftel der Bevölkerung als arm. Es fehlt an Bildung und damit auch an Wissen über Behinderungen. Besonders schwierig haben es Menschen mit geistiger Behinderung in Peru. Ohne Aussicht auf frühe und individuelle Förderung, auf Schulbildung, Arbeit und finanzielle Unterstützung der Familien bleibt vielen Menschen mit Behinderung oft nur die Existenz am Rande der Gesellschaft. Eine Inklusion findet nur selten statt. Bei Ernestos Familie ist das anders – auch dank der Caritas del Peru.

Die Antenne des kleinen Senders "Radio Spinar" streckt sich hoch in den Himmel.
Die Antenne des kleinen Senders “Radio Spinar” streckt sich hoch in den Himmel. Die Reichweite ist nicht groß, die Wirkung jedoch schon.

Hier in einem sehr einfachen Vorort von Arequipa betreibt Ernesto einen kleinen Radiosender. In einem winzigen Container, seinem Studio, schiebt er am Mischpult den Regler hoch, plaudert dann auf Quechua und spielt Musik aus dem heimischen Hochland. Der 42-Jährige macht das für seine Nachbarn im Viertel, die „Radio Spinar“ als einzige empfangen können. Er macht das aber auch für seinen Sohn. Der 14 Jahre alte Ernesto junior kann sich aufgrund einer geistigen Behinderung nur schwer artikulieren. „Das Sprechen am Mikrophon motiviert ihn jedoch, deutlicher zu sprechen“, sagt der Vater.

Ernesto senior in seinem kleinen Studio, das er für die Dorfbewohner und seinen Sohn, Ernesto junior, betreibt.

In Arequipa bringt die Caritas die Inklusion voran

Dass er und seine Frau Maximiliana die Bedürfnisse von Ernesto junior so gut in den Blick nehmen, hat auch mit Angela zu tun. Die soziale Arbeit Studentin besucht die Familie wöchentlich etwa zwei Stunden, im Rahmen eines Inklusionsprojekts von Caritas del Peru, das von Caritas international unterstützt wird. Zwei Hauptberufliche und weitere Freiwillige betreuen in der Region Arequipa rund 140 Familien mit behinderten Kindern.

Gemeinsam mit Ernesto junior stellt Angela einen Tagesplan zusammen, überlegt, welche Aufgaben er selbst übernehmen kann. Sie übt mit ihm seinen weiten Weg zur Schule oder spricht mit ihm über gesunde Ernährung. „Eine ganz wichtige Rolle spielt aber die Elternarbeit. Ich unterstütze auch Ernestos Eltern und seine sieben Jahre alte Schwester“, erzählt Angela. „Ich höre zu, erkläre und tröste.“

v.l. Vater Ernesto Senior, Ehrenamtliche Angela, Mutter Maximiliana

Das tut der Familie gut. Ernesto senior kam mit seiner Frau Maximiliana vor 19 Jahren aus dem Hochland Perus nach Arequipa, weil er der körperlich schweren Arbeit als Bergarbeiter nicht mehr gewachsen war. Heute arbeitet Ernesto für ein bescheidenes Gehalt als Wächter auf einer Baustelle. Wenn das Bauprojekt in einigen Wochen endet, wird er seine Familie vermutlich als Tagelöhner über Wasser halten. Gerade einmal zwei Jahre hat er die Schule besucht, Maximiliana kann nicht einmal lesen und schreiben.

Fortbildungen für Eltern von Kindern mit Behinderung

Zum Inklusionsprojekt der Caritas in der Region gehört es auch, Fortbildungen für Eltern von Kindern mit Behinderung anzubieten und sie in Austausch zu bringen. „Ich freue mich, etwas zu lernen“, sagt Ernesto senior. „Vor allem, weil ich ja selbst nur eine ganz geringe Bildung bekommen habe.“ Er wünscht sich, dass sein Sohn später einmal sein Leben selbst bestreiten kann. Als Schreiner vielleicht. Maximiliana nickt: „Es macht ihm Spaß mit den Händen zu arbeiten. Er bastelt immer irgendetwas.“

Ernesto junior ist geistig behindert. Er kann sich zwar nicht so gut artikulieren, bastelt jedoch gerne und ist handwerklich begabt.

Ernesto junior, der während unseres Gesprächs gerade in der Schule ist, ist gut im Viertel integriert. So spielt er zum Beispiel Fußball mit den Kindern aus dem Dorf.. Aber er macht mit benachbarten Familien auch negative Erfahrungen. Das liege meist an deren Unsicherheit, sagt Angela. „Zum Projekt gehört es daher auch, über Behinderung aufzuklären.“ Vielleicht trägt auch „Radio Spinar“ ein bisschen dazu bei. 

54 Schulen auf ihrem Weg zur Inklusion

Im Innenhof der Schule Marceyra im Großraum Arequipa wird gebolzt. Fröhlich lärmend jagen die Jungen hinter dem Fußball her. Dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen, ist in Peru nicht selbstverständlich. Landesweit sind nur 13 Prozent der beeinträchtigten Kinder in Bildungseinrichtungen angemeldet. Vor allem auf dem Land müssen sie oft ohne jegliche Bildung zuhause bleiben. Im Rahmen des Inklusionsprojektes im Raum Arequipa unterstützt die Caritas del Peru 54 Schulen auf ihrem Weg zur Inklusion, zum Beispiel durch Schulungen der Lehrerinnen und Lehrer. Hier erfahrt ihr mehr über die Arbeit von Caritas international mit und für Menschen mit Behinderung.

„Die Arbeit mit beeinträchtigten Kindern hat unsere Schule menschlicher gemacht.“

An der Primarschule lernen 180 Kinder, davon 15 mit besonderem Förderbedarf. Ein staatliches Inklusionsteam ist mit an Bord. „Jedes Kind hat ein Recht darauf zu lernen und das Leben selbst zu gestalten“, sagt Schulleiterin Roksana Gamberra. Seit Aufnahme des ersten Kindes mit Behinderung 2005 hat sich viel getan. „Die Arbeit mit beeinträchtigten Kindern hat unsere Schule menschlicher gemacht.“ Caritas habe bei diesem Bewusstseinswandel eine wichtige Rolle gespielt, sagt sie.

An der Primarschule Marceyra spielen Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam Fußball – in Peru ist das keine Selbstverständlichkeit.

Doch es bleibt eine große Aufgabe, Mitschüler, Eltern, Lehrer und Behörden für die Bedürfnisse von Kindern mit Behinderung zu sensibilisieren, berichtet Pilar von der Caritas Arequipa. Davon kann Lupe ein Lied singen. Sie ist die Mutter von Dangelo, einem autistischen Schüler. „Die größte Hürde sind diejenigen, die Dangelo mit Mitleid behandeln. Hier in der Schule läuft es anders, und darüber bin ich froh.“ Lupe weiß, dass es zu einer inklusiven Gesellschaft noch ein langer Weg ist. „Aber ich werde nicht aufgeben, denn ich habe die Pflicht, meinem Kind zu seinem Recht zu verhelfen.“

Hier geht es zu weiteren Blogbeiträgen aus Peru von Julia Gaschik.

Schulleiterin Roksana Gamberra

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Autor: Julia Gaschik

Julia Gaschik ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Diözesancaritasverband in Mainz. "Ich bin gebürtige Hildesheimerin, gelernte Journalistin und seit 2011 für die Caritas im Bistum Mainz im kommunikativen Einsatz. Ich freue mich sehr, die Dialogreise von Caritas international nach Peru als Kommunikatorin zu begleiten, die Menschen vor Ort zu treffen und zu erfahren, was die Caritas in diesem spannenden Land bewegt."

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