“Kinder sind die Gestalter ihrer eigenen Entwicklung”

In diesem Gastbeitrag berichtet Nataliya Tkachenko, Fachkraft der Kinder- und Jugendhilfe der Caritas Ukraine, von ihrem Besuch im St. Jakob Kinderhaus des Caritasverbandes München-Freising. Demokratiebildung und Wahlfreiheit stehen bei der Erziehungsarbeit im Mittelpunkt. Ganz anders als in ihrem Heimatland, in dem bislang kaum antiautoritäre Erziehungskonzepte gelebt werden. 

Wie man Kindern Demokratieverständnis und Teilhabe beibringt – Erfahrungsbericht aus Deutschland

Wenn Demokratie und Teilhabe erlernt werden können, wie lernt man sie dann und wann soll man damit beginnen? Wir erfahren mehr im St. Jakob Kinderhaus des Caritasverbandes München-Freising, das Kleinkinder sowie Kinder im Vorschul- und Schulalter betreut. Die Leiterin Irmgard Löffler führt uns durch das Haus.

Die Leiterin des St. Jakob Kinderhauses, Irmgard Löffler, zeigt den ukrainischen Kolleginnen Nataliya Tkachenko, Iryna Puhnyak und Zoryana Lukavecka die Räumlichkeiten der Einrichtung. Foto: Stefan Teplan

„Erstaunlich, wie frei und unabhängig diese Kinder sind“

Jedes Kind macht etwas anderes – ein Mädchen heftet Sterne an ein Papier, zwei Jungen beobachten sie. Drei, als Prinzessinnen gekleidete Mädchen trinken Tee, andere Kinder backen Kekse. Jeder scheint Spaß zu haben. Es gibt einfach so viele Wahlmöglichkeiten! Zu sehen, wie sie so frei, unabhängig und selbstbewusst sind, ist erstaunlich. Ein Mädchen fragt uns, wer wir sind. Als sie herausfindet, dass wir aus der Ukraine kommen, schreit sie vor Aufregung: „Meine Mutter kommt aus Polen, ich kann Polnisch sprechen”. Plötzlich sind wir von einer Schar Neugieriger umgeben. Im Hauptsaal der Sporthalle tanzen und jauchzen Kinder, einige Jugendliche sitzen zusammen und diskutieren, andere lesen auf einem Sofa. Die einzige Pflicht, um die sie nicht herum kommen, ist das Hausaufgabenmachen. Aber auch dazu dürfen sie sich im Zimmer organisieren, wie sie wollen. Und nach Erledigung der Hausaufgaben dürfen sie wieder gehen. Mädchen und Jungen haben genau die gleichen Möglichkeiten.

Eigene Erfahrungen machen statt bevormundet zu werden

Aufgabe der Pädagog(inn)en ist es, Kinder zu betreuen, zu schützen und zu unterstützen, egal was sie tun. „Das Personal kann nur beraten”, bemerkt Irmgard Löffler, „aber den Kindern nie etwas aufzwingen”. Dies zeigen die Pädagog(inn)en auch den Eltern. „Wir bringen den Eltern bei, ihre Kinder zu beraten und nicht die Entscheidungen an ihrer Stelle zu treffen“. Anstatt ein Kind zu zwingen, einen Hut oder eine Jacke zu tragen, sollten sie besser darauf hinweisen oder Informationen geben, dass das Kind frieren könnte und es daher sinnvoller sei, eine Mütze oder eine Jacke zu tragen. Es ist jedoch wichtig, das Kind selbst entscheiden zu lassen. „Wenn das Kind sich weigert, warten wir, bis es friert und selbst nach einer Mütze fragt, dann ziehen wir es an”, sagt Barbara Zajonz, Koordinatorin im Familienzentrum, “wir lassen sie ihre Erfahrungen machen.

Irmgard Löffler gibt ein weiteres interessantes Beispiel dafür: „Kinder wollten einmal jeden Tag Pasta, und so haben wir sie ihnen gegeben. Bis sie selber sagten, dass sie es satt hätten, also gaben wir ihnen erst dann etwas anderes”, lacht Löffler, „sie hatten es irgendwann auch satt, eine Woche lang Schokolade zu essen; also haben sie aufgehört, danach zu fragen.“ Was die Kinder zum Mittagessen bekommen, entscheiden sie auch auf demokratische Weise, durch Abstimmung. „Kinder sind Schöpfer ihrer eigenen Entwicklung”, fasst Löffler zusammen. So einfach ist das. Kinder Dinge für sich selbst erleben zu lassen, die Welt um sich herum zu entdecken, an der Entscheidungsfindung teilzunehmen, ist äußerst entscheidend für ihre Entwicklung.

Wir verabschieden uns, setzen unsere Reise fort und ich kann nicht aufhören an diese Erfahrung im St. Jakob Kinderhaus zu denken. Was ich gerade gesehen habe, hat mich inspiriert. Die Vermittlung von Demokratie und Partizipation von klein auf wird Kinder als Erwachsene einmal unabhängiger machen und sie befähigen, bewusste und auf gutem Informationsgehalt beruhende Entscheidungen über jeden einzelnen Aspekt ihres Lebens zu treffen.

Am Ende des Besuchs entstand ein Gruppenfoto im Foyer des St. Jakob Kinderhauses mit den Kolleginnen der Caritas Ukraine (v.l.) Zoryana Luavecka, Iryna Puhnyak, Irmgard Löffler (Leitung), Stefan Teplan (Caritas international) und Nataliya Tkachenko. Foto: Tim Dünkel

Demokratie und Wahlfreiheit waren in der Ukraine Fremdworte

Ich vergleiche das mit der Situation in der Ukraine, wo aufgrund der langen sozialistischen Herrschaft Kinder entmutigt werden, eine Entscheidung zu treffen, da sie angeblich, wie bei uns behauptet wird „zu jung sind, um Entscheidungen zu treffen” und ihre Eltern und Lehrer alles sicherlich „besser wissen”.

Diese Entscheidungen basieren allerdings auf Erfahrungen von Eltern und Lehrern, nicht von Kindern. Während der UdSSR-Jahre wurde die Kindheit vom Staat bestimmt und die Zukunft der Kinder war so ziemlich vorbestimmt – Mädchen sollten Erzieherinnen oder nur Hausfrauen werden, und Jungen sollten weitgehend Ingenieure oder Mechaniker werden (und wer unglücklicherweise mit einer Behinderung auf die Welt kam, sollte für den Rest seines Lebens zu Hause bleiben).

Während fast alle Kinder kostenlos an außerschulischen Aktivitäten teilnahmen, gab es klar definierte Geschlechterrollen – Ballett, Gymnastik und Malen für Mädchen, Fußball oder Schach für Jungen. Wenn Jungen Balletttänzer oder Maler werden wollen, wurde dies als „falsche sexuelle Orientierung” angesehen und verlacht. Man musste einfach den Stereotypen folgen. Man durfte nicht „zu viele Fragen stellen” oder Dinge ganz allgemein nicht in Frage stellen, man durfte nicht gegen Eltern oder Lehrer sein, sonst wurde man als „Rebell” bezeichnet, der bestraft werden muss. Bestrafungen fanden oft zu Hause in gewalttätiger Form statt. Die Begriffe Wahlfreiheit, Demokratie und Partizipation waren entweder unbekannt oder galten als Elemente aus der „verdorbenen westlichen Welt”.

Auch wenn heute noch ein Echo dieser Vergangenheit nachklingt, entsteht die Ukraine neu als unabhängiger Staat, der nach westlichen Werten, einschließlich der Demokratie, strebt. Viele neue Ansätze in der Arbeit mit Kindern werden aus dem Ausland übernommen, angepasst und in der Ukraine angewendet. Ein besserer Zugang zu Informationen ermöglicht es Kindern und Jugendlichen, ihre eigenen unabhängigen Entscheidungen zu treffen. Diese jungen Menschen ändern sich, und sie werden wahrscheinlich eine andere, eine demokratischere Haltung als ihre Eltern, entwickeln.

Kinder merken oft nicht, dass ihnen Demokratie und Partizipation beigebracht wird. Dieses unterirdische Fundament sorgt jedoch dafür, dass das Haus fest steht. Dies ist die Voraussetzung allen Lernens, für jede Entwicklung und für den Erfolg, wie individuell man diesen auch immer definieren mag. Und selbst wenn es eine Generation dauern sollte, bis dieses Fundament aufgebaut wird, lohnt es sich, heute damit zu beginnen, morgen eine bewusstere, besser informierte und unabhängigere Gesellschaft aufzubauen.

Mehr Beiträge von der Begegnungsreise mit unseren Kolleginnen aus der Ukraine gibt’s hier:

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