Indonesien: Nachbeben der großen Katastrophe

Jetzt habe auch ich eine ungefähre Ahnung davon, wie sich ein richtiges Erdbeben anfühlen könnte. Am 17.1. tanzte in meinem Zimmer in einem Gasthaus in Palu auf Sulawesi drei Sekunden lang die Erde. Für die Menschen hier ist ein solcher Erdstoß kaum der Erwähnung wert. Es handelte sich um eines der zig kleinen Nachbeben, von der Regierung wird es auf eine Magnitude von nur 4,1 eingestuft.

„Zwischen einem Erdbeben der Stärke 5 und 7 liegen Welten“

“Erst ab Stufe 6 werden wir nervös”, erklärt mir Putu Ardika. Er hat erst vor wenigen Monaten das große Erdbeben und den anschließenden Tsunami auf der Insel miterlebt. Seither schließt er nie mehr seine Zimmertür ab und hat immer wieder Albträume, die ihn an jene Nacht im Dezember zurückerinnern. Doch zwischen einem Erdbeben der Stärke 5 und 7 lägen Welten, erklärt er mir und simuliert mit seinen Händen, wie unterschiedlich intensiv die Erdstöße sein können.

Putu Ardika arbeitet als Psychologe im Nothilfe-Team der Caritas in Indonesien und hilft den Überlebenden der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe. Dabei hat er selbst Unglaubliches in jener schicksalhaften Nacht Ende September erlebt und ist gerade so mit dem Leben davongekommen.

Wie mächtig die Kraft der Natur ist, lernen wir, die wir im behüteten Deutschland aufgewachsen sind und die schon eine Windhose staunen lässt, hier in Indonesien immer wieder. Die naive und trügerische Gewissheit, dass man stets mit beiden Beinen auf dem Boden steht, wird uns auf dieser Reise genommen. Liegt nicht auch der Schwarzwald in einer tektonisch aktiven Region? Aber es wird schon nichts passieren. Oder?

Die Katastrophe ist längst vorbei, die Schäden bleiben

floating mosque
Schwimmende Moschee in Indonesien

Nicht nur dieses Ereignis lässt mich und meine Kollegen nachdenklich zurück. Noch immer sieht man die Schäden, die der bis zu acht Meter hohe Tsunami an der Küste vor allem vor der Stadt Palu angerichtet hat. An dem in allen Medien verbreiteten Bild einer Moschee, die vollständig vom Wasser umspült wurde, hat sich fast nichts geändert. Noch immer liegt sie wie ein Mahnmal in der Brandung, noch immer liegen überall Trümmer herum. Dazu verpestet noch immer ein fauliger Geruch die Luft. Auch ein Schiff, das es anderer Stelle mitten in ein Dorf gespült hat, steht noch dort, wo es der Tsunami abgestellt hat.

Das Partnerprinzip

All das zeigt auch, wie wenig die Regierung, die den ausländischen Nichtregierungsorganisationen die Arbeit hier untersagt, zu leisten im Stande ist. Wir als Caritas international haben das Privileg, über unsere lokalen Partner im Land umfassend Hilfe leisten zu können. Da auch der Zugang zur Insel Sulawesi für Ausländer beschränkt wurde, sind wir eine Art Attraktion für die Einheimischen, die gelegentlich Scherze über unsere Sonnenbrände machen.

Wir als Caritas international haben das Privileg, über unsere lokalen Partner im Land umfassend Hilfe leisten zu können.

Liquifaction: Wenn der Boden sich verflüssigt

Am meisten in Erinnerung bleibt mir der Besuch in den Gegenden, in denen selbst für die mit Naturkatastrophen vertrauten Indonesierinnen und Indonesier etwas außergewöhnlich Dramatisches und Unerwartetes geschah. Auf dem sumpfigen Untergrund mehrerer Siedlungen hatte sich infolge des Erdbebens der Boden aufgetan. Wie in einem Mixer wurde der Untergrund mit massiver Kraft durcheinander gewirbelt. Immer wieder berichten uns Menschen, dass sie von den Erdmassen verschluckt und wieder ausgespuckt wurden. Andere waren weniger glücklich und kamen in dieser Tragödie nach der Tragödie ums Leben. Die Schätzungen über die Zahl der Opfer gehen in die Tausende. Nur ein Bruchteil der Toten könnte geborgen werden. Die hektargroßen Felder dieser “Liquifaction” sind nichts anderes als ein Massengrab. Der Besuch in dem durchwalzten Trümmerfeld lässt uns für Minuten schweigen.

Nach vorne blicken, statt zurückschauen

So furchtbar all diese Ereignisse auch gewesen sind, treffen wir auch hier auf den typisch indonesischen Stehaufmännchen-Spirit. Es bringe nichts, zurückzuschauen, hören wir oft. Viele der Überlebenden packen daher auch selbst mit an.

Bei dem lokalen Partner SKP-HAM treffen wir zum Beispiel erneut auf Freiwillige aus dem ganzen Inselstaat. Sie kümmern sich wie auch in Banten in Westjava mit psychosozialen Angeboten um Schulkinder und Erwachsene. Mit anderen Partnern kümmern wir uns um den Wiederaufbau auf Sulawesi. Die Dankbarkeit vor Ort ist immens und ich bin froh, dass wir diese wunderbaren Menschen unterstützen können – auch dank einer außerordentlich großen Spendenbereitschaft. Dafür auch von mir ein ❤liches Dankeschön!

Mehr Infos über die Caritas-Hilfen in Inonesien gibt’s hier.

Indonesien: Holger Vieth

Über den Autor: Holger Vieth ist Politikwissenschaftler und ehemaliger Agenturjournalist. Er ist seit 2014 bei Caritas international und ist als Pressereferent tätig.

Print Friendly, PDF & Email
Please follow and like us:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.