Ukraine: Ein Land voller offener Wunden und Kriegsnarben

Meine Dienstreise in die Ukraine begann an genau jenem Tag, als in der Meerenge von Kertsch die ukrainischen Schiffe von der russischen Marine angegriffen wurden und ihre Besatzung festgenommen wurde. Kurz darauf stimmte das ukrainische  Parlament darüber ab, ob das Kriegsrecht ausgerufen wird. Ergebnis war ein „Kriegsrecht light“: 30 Tage statt 60 Tage und auch nur in den Regionen, die an Russland und an Transnistrien (Moldawien) grenzen.

Pufferzone Ukraine
Linda Tenbohlen, Mitarbeiterin bei Caritas international, besucht die Projekte in der Ukraine, um sich einen Überblick über die Arbeit vor Ort zu verschaffen.

Was das genau bedeutet, wusste von unserer Reisegruppe niemand so recht. Der Sicherheitsbeauftragte der Caritas Ukraine, ein ehemaliges Mitglied der ukrainischen Marine, sagte, seine ehemaligen Kollegen vom Militär wüssten es ebenso wenig. Genau für den Tag, an dem das Kriegsrecht in Kraft trat, hatten wir unsere Fahrt in die sogenannte Pufferzone geplant, ein 20 Kilometer breiter Korridor entlang der Frontlinie im Osten des Landes. Erst am Morgen des Reisetages entschieden wir, dass die Sicherheitslage stabil genug sei, um tatsächlich in die Pufferzone zu reisen.

Der Krieg in der Ukraine ist im Rest der Welt vergessen

Mehr als 10.000 Tote und 25.000 Verwundete hat der Krieg auf ukrainischer Seite bisher gefordert, darunter nicht nur Soldaten, sondern auch Zivilisten und Zivilistinnen. 1,7 Millionen Menschen sind Binnenflüchtlinge im eigenen Land sowie 3,8 Millionen von humanitärer Hilfe abhängig. Viele sind vor den Kämpfen geflohen oder wollten sich nicht unter die Kontrolle der separatistischen Bewegung begeben. Sie wohnen nun in Dnipro, Kramatorsk, in anderen Städten des Ostens oder in Kiew. Die meisten leben unter sehr schwierigen Bedingungen und in einem von Entbehrungen geprägten Alltag. 

Sinnbildlich für den vergessenen Krieg in der Ukraine säumen zerstörte und verlassene Häuser den Straßenrand in der Pufferzone.

Drei Dinge wurden mir während meiner Reise klar:

Erstens: Der Krieg in der Ukraine ist von der Welt vergessen, wenn nicht Zwischenfälle wie jener in der Meerenge von Kertsch die Öffentlichkeit wieder aufrütteln.

Zweitens: Die Proteste auf dem Maidan, die im Februar 2014 gewaltsam eskalierten, und der darauf folgende Angriff Russlands haben die Ukrainer zum einen geteilt. Doch zum anderen haben sie zugleich die pro-ukrainische Bevölkerung, die weitaus die Mehrheit stellt, zusammengebracht und unter ihr ein starkes Nationalgefühl wachsen lassen.

Mein dritter Punkt ist weniger politische Analyse, für die Menschen jedoch umso wichtiger: Die Caritas Ukraine leistet hervorragende Arbeit und ist eigentlich DER zivilgesellschaftliche Akteur im Land.

Auch die Caritas musste fliehen

Viele ältere Menschen haben sich eine Flucht aus ihrer Heimat nicht mehr zugetraut. Viele jüngere Menschen jedoch sind seit Ausbruch des Krieges 2014 aus den umkämpften Gebieten im Osten des Landes geflohen. Doch nicht nur die Bewohnerinnen und Bewohner mussten ihre Heimat verlassen – auch ein ganzer Caritasverband trat geschlossen die Flucht an: Die Caritas Donezk. Sie ist komplett nach Dnipro (ehemals Dnipropetrowsk) gezogen und hat dort ein Sozialzentrum aufgebaut. In Dnipro gab es vorher keine Caritas.

Und auch das nationale Büro der Caritas verlagerte den Standort: Vor dem Krieg lag es in Lemberg (Lviv) im äußersten Westen des Landes. Mit Kriegsbeginn sind die Mitarbeitenden samt Büro nach Kiew gezogen, weil die Caritas nun vermehrt in der Nothilfe im Osten tätig ist.

Anna Lomonos (89) und ihre Tochter Tamara (70) bekommen in der Containersiedlung in Dnipropetrowsk medizinische Unterstützung.

Der Krieg sät Missgunst und spaltet die Gesellschaft durch Familien hindurch

Die Lebensbedingungen der intern Vertriebenen sind von Entbehrung, Verlust und teilweise von Kriegstrauma geprägt. Sie mussten ihre Heimat verlassen, sich neue Wohnungen und Arbeitsplätze suchen. Dabei konkurrieren sie in diesem armen Land mit der lokalen Bevölkerung, die sie deswegen oft argwöhnisch betrachtet und nicht immer freundlich aufnimmt. Wo Armut herrscht, ist Konkurrenz oft ein unschöner Begleiter. Außerdem fällt auf die Menschen aus dem Osten immer der Verdacht, pro-russisch zu sein, was zu großem Misstrauen führt.

Es geht ein starker Riss durch die Gesellschaft, selbst durch die Familien. Die intern Vertriebenen haben teilweise traumatische Erfahrungen durchlitten, fühlen sich nicht willkommen und stehen gleichzeitig vor dem Problem, dass sie mit Freunden und Familienmitgliedern oft nicht mehr reden können. Zu fern sind inzwischen die Welten und zu groß ist oft die Enttäuschung über persönliche Fluchtentscheidungen. Zudem sät der Krieg in der Ukraine Missgunst und schürt Gefühle von Verrat und Verlassensein.  Auch das ist ein Grund, warum viele ihre Kontakte auf ein Minimum reduziert oder ganz abgebrochen haben. Was bleibt, ist der Schmerz über diesen zusätzlichen Verlust.

Bereit, um für die Freiheit zu kämpfen

Es ist nicht zu überhören: Viele Ukrainer und Ukrainerinnen sind stolz auf die Proteste auf dem Maidan und den anschließenden Regierungswechsel: Sie haben es geschafft, sich friedlich einem Regime entgegenzusetzen, mit dessen Kurs sie nicht mehr einverstanden waren. Aus diesem Erfolg ist inzwischen  ein neuer Nationalstolz erwachsen. Immer mehr Männer und auch einige Frauen aus verschiedensten Schichten der Bevölkerung und aus allen Teilen des Landes melden sich seitdem freiwillig zum Militärdienst. Sie wollen das, was sie erreicht haben, nicht durch Russland zerstören lassen. Die Freiheit sei für sie ein hohes Gut, für das sie bereit sind zu kämpfen, erzählen mir einige. An der Front machen jedoch viele von ihnen traumatische Erfahrungen mit Tod, Verwundungen und Gefangenschaft. Wenn sie von der Front zurückkommen, sind sie vom Krieg gezeichnet. Es fällt ihnen schwer, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Die Menschen haben Angst vor ihnen, Angst vor aufflammender Aggressivität. Sie begegnen den ehemaligen Soldaten und Soldatinnen mit Misstrauen, obwohl sie ihre Motive für die Entscheidung zum Kampf gut verstehen.

Gedenktafel für Gefallene ukrainische Soldaten im Konflikt mit Russland in der Innenstadt von Kiew.

Die Caritas verknüpft Friedensarbeit mit humanitärer Hilfe

Allen diesen Phänomenen und Sichtweisen der verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft versucht die Caritas mit Friedensarbeit-Projekten zu begegnen. So organisiert die Caritas Kiew zum Beispiel Abendveranstaltungen, auf denen Interessierte mit ehemaligen freiwilligen Kämpfern und Kämpferinnen über ihre Motivationen und ihr Leben ins Gespräch kommen können. Die Gesprächsleitung ermöglicht ein empathisches Zuhören, der erste Schritt zu einem heilenden Prozess. Der Film einer ukrainischen Dokumentarfilmerin lässt die Freiwilligen zu Wort kommen: https://youtu.be/fFb3xw-3oQs

Die Caritas Ukraine hilft – egal woher die Menschen kommen

Zudem leistet die Caritas all die praktischen Hilfen, die für Kriegsbetroffene notwendig sind: In der Pufferzone, wo vor allem die jungen Menschen und mit ihnen Ärzte und Geschäftsleute weggezogen sind, erhalten die Bewohner und Bewohnerinnen Winterhilfen in Form von Heizbriketts, Nahrungsmittelhilfen, medizinische Versorgung und Bargeldhilfen.

Oleksandra Luhova (70) lebt kurz vor der Kontaktline und direkt neben einem letzten Checkpoint. Sie hat bereits drei Mal die Fenster in ihrem Haus ersetzt. Jedes Mal wurden sie wieder zerschossen. Nun wohnt sie in der Sommerküche auf ihrem Grundstück.

Für die intern Vertriebenen bietet die Caritas zahlreiche soziale Dienste an: Suppenküchen, medizinische Hilfen, psychologische Betreuung, Angebote für Kinder mit Kriegserlebnissen, Beratung zur Existenzgründung, spezielle Angebote für behinderte Menschen, sowie allgemeine Sozialberatung.

Caritas Mitarbeiterin Iva Ivannik besucht die ältere Frau regelmäßig und unterstützt sie mit Heizbriketts, um sich gegen die Winterkälte zu wappnen. Die Dankbarkeit ist sichtbar.

Um keinen Neid aufkommen zu lassen und Vorurteile und Ressentiments nicht weiter zu verschärfen, richten sich die Projekte immer auch an die lokale Bevölkerung. Damit werden die Projekte der Caritas gleichzeitig zu einem Ort der Begegnung von Einheimischen und Vertriebenen.

Kinder basteln gemeinsam im Zentrum der Caritas Kiew.

Mehr Informationen über Projekte von Caritas international in der Ukraine gibt es hier.

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