„ES MUSS WEITERGEHEN“

Im Caritas-Büro in Beira herrscht seit nun fast drei Wochen Hochbetrieb. Obwohl die Mitarbeiter selbst von Wirbelsturm Idai betroffen sind, haben sie schnell damit begonnen, ihre ganze Energie in die Nothilfe für jene zu stecken, die es noch schlimmer getroffen hat.

Auch internationale Caritas-Kolleginnen und Kollegen sind angereist, um die lokale Caritas bei der Umsetzung der Notfallmaßnahmen bestmöglich zu unterstützen. Für mich beginnt heute bereits der letzte Tag meines Einsatzes in Mosambik.

Von der Schaltzentrale der Koordination geht es durch einen verwinkelten Gang zur Lagerhalle, vorbei an einem Gemälde von Papst Johannes Paul II. Ordentlich sortiert stapeln sich im Lager bunte Säcke und Pakete gefüllt mit Grundnahrungsmitteln wie Reis, Bohnen oder Speiseöl. Der Lagerbestand verändert sich ständig, weil neue Dinge angeliefert, Hilfspakete geschnürt und zur Verteilung auf LKWs verladen werden. Jeder packt hier mit an. In wenigen Minuten soll die erste Lieferung des Tages an ihren Zielort gebracht werden: Eine Schule, nur etwa eine halbe Stunde vom Büro entfernt.

Im Caritas-Büro in Beira herrscht Hochbetrieb. Die erste Lieferung des Tages ist schon bereitgestellt.

Es sind seit dem Wirbelsturm etliche Sammelunterkünfte in Beira entstanden, in denen Menschen derzeit ein Dach über dem Kopf finden. Zum Teil sind es Zeltcamps, in die sich Menschen aus den von Überschwemmungen betroffenen Gebieten geflüchtet haben oder sie evakuiert worden sind. Oft sind es aber auch Menschen aus ärmeren Stadtteilen, deren Häuser so stark beschädigt wurden, dass sie zum Beispiel in Schulen Zuflucht suchen mussten. So auch in der “Escola especial”, eine Art Sonderschule. 85 Familien sollen hier nach dem Wirbelsturm Unterschlupf gesucht haben. Um die Intimität insbesondere der Mütter zu schützen, wurden in einem Saal die Männer und in einem anderen die Frauen und Kinder untergebracht. Inzwischen sind es etwas weniger Menschen geworden, weil die Schulleitung jeden bittet, der in der Lage ist, sein Haus notdürftig zu reparieren, die  Schule wieder zu verlassen. Der Unterricht für die Kinder soll bald wieder aufgenommen werden.

Schulen sind zu Sammelunterkünften geworden.

In einigen Fällen ist die Rückkehr nachhause jedoch kaum möglich. Etwa bei Rosa Zucchia Sie ist sehr dankbar für die Lebensmittellieferungen der Caritas, welche  Reis, Bohnen und Speiseöl enthalten. Ihr Mann schlägt sich mit Hilfsarbeiten durch, das Geld reicht jedoch selbst in normalen Zeiten nur gerade so, um über die Runden zu kommen. Entsprechend bescheiden ist das aus Wellblech gebaute Häuschen der Familie mit fünf Kindern. “Wir hatten keine Ahnung, dass es so schlimm werden würde”, erzählt Rosa und meint damit den Zyklon Idai. “Es war sehr beängstigend. Obwohl es bereits unser Dach weggerissen hatte, trauten wir uns nicht, das Haus zu verlassen, weil wir Angst hatten, von umherfliegenden Gegenständen getroffen zu werden.”

Doch als der Regen das Haus und das wenige, was die Familie besitzt, unter Wasser setzte, sah sich Rosa Zucchia gezwungen, sich in das Schulgebäude zu retten. Von einer ihrer Töchter, die bei Verwandten in Buzi lebt, bekam sie erst Tage später ein Lebenszeichen. Mit dem Boot wurde sie auf dem über die Ufer getretenen Buzi-Fluss nach Beira gebracht. Kaum ein Auge hätte sie zugemacht, bis ihre Tochter wieder bei ihr war. “Aber wir sind alle gesund, das ist das Wichtigste. Irgendwie muss es jetzt weitergehen”, zeigt sich die fünffache Mutter kämpferisch. Es sei typisch für die Mosambikaner, nicht so schnell aufzugeben, höre ich immer wieder.

In einigen Fällen ist die Rückkehr nach Hause kaum noch möglich.

Am nächsten Tag fahren wir etwa eine Stunde aus Beira heraus zu einem Ort namens Tica. Caritas-Mitarbeitende treffen sich dort an einer Schule mit Vertretern von acht umliegenden Siedlungen, die von den Überschwemmungen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Die „Community-Leader“ haben eine Liste der am stärksten betroffenen Familien in ihren Siedlungen erstellt. Sie bekommen nun von der Caritas so genannte „Voucher“, die die Betroffenen in den nächsten Wochen dazu berechtigen werden, an den Hilfslieferungen zu partizipieren. Gleichzeitig sollen die Gutscheine den Ablauf der Verteilung vereinfachen. Wir kommen mit Mateus Cosme Andiczne, einer der Gemeindevertreter, ins Gespräch. Er will uns einige Familien vorstellen, die von dem Projekt profitieren. Wir begleiten ihn zu seiner etwa zwei Kilometer entfernten Siedlung.

Die „Community-Leader“ bekommen von der Caritas so genannte „Voucher“.

Als wir dort ankommen, finden wir zu unserer Verwunderung zunächst ein großes mehrstöckiges Haus neben einem kleinen Fluss vor, was untypisch ist für diese ländliche Gegend. Es gehört Rosa Mombe, eine in der ganzen Siedlung – und vermutlich darüber hinaus – bekannte Frau. Das Gebäude wurde vor dem Bürgerkrieg in den 1970er Jahren gebaut. Es diente seinerzeit als Residenz und beherbergte die einzigen Läden der Region. Heute gleicht der wohl einst stolze Bau eher einem Betonrohbau, doch für die Bewohner der Siedlung ist er ein Glücksfall. Etwa 200 Personen suchten hier während der Überschwemmungen nach dem Wirbelsturm Schutz vor dem Wasser. Einer von ihnen ist Mari Fernando Lazar.

Fernando Lazar erzählt Ingo Steidl von seinen Erlebnissen.

“Das Wasser stand hier an manchen Stellen hüfthoch”, erzählt Lazar. Er habe mit seiner Familie zunächst Schutz in einer nahegelegenen kleinen Kirche gesucht. Doch als auch diese einstürzte, rettete sich die Familie in das Betongebäude von „Senhora Rosa“. Lazars Haus sieht man die Folgen der Überschwemmung noch deutlich an. Er hat inzwischen versucht, es mit Betonsteinen zu stützen. Die Steine spart er sich seit drei Jahren zusammen, aber es reichte noch nicht für ein ganzes Haus. Ein Sack Zement kostet ihn umgerechnet etwa sechs Euro, davon kann er etwa 45 Steine herstellen.

Von Davids alter Hütte ist nur das Skelett zu sehen.

Sein Nachbar David Luis Senguerer ist schon etwas weiter mit seinem Steinhaus, aber es hat noch kein Dach, weshalb er während des Wirbelsturms noch in seiner alten Hütte wohnte. Von dieser ist nur noch das Skelett zu sehen. “Als es so stark stürmte, dass es sogar Bäume umriss, fiel mein Haus auf einen Schlag in sich zusammen.“ Um sich vor dem Regen zu schützen, zwängte er sich mit der ganzen Familie in eine kleine Strohhütte auf seinem Grundstück. Aufgrund der Überschwemmung fürchtet Senguerer, dass das Grundwasser verseucht sein könnte. Viele haben hier bereits Probleme mit Durchfall. Immerhin wurden in dem Dorf inzwischen alle gegen Cholera geimpft. Die Cholera-Kampagne der Regierung scheint also langsam zu greifen. Sorgen macht Senguerer aber vor allem, dass seine gesamten Felder und Ernten zerstört sind: “Wir bräuchten dringend Saatgut, um uns bald wieder selbst versorgen zu können.”

Die Caritas hat bereits Überlegungen angestellt, wie sie die flutgeschädigten und von Subsistenzwirtschaft lebenden Kleinbauern in der Region unterstützen kann. Fast täglich werden neue Waren am Lager angeliefert. Kurz vor unserer Rückreise nach Deutschland werden gerade die Plastikplanen verladen, die am Tag davor durch einen von Caritas international organisierten, mit Hilfe des Auswärtigen Amtes finanzierten, Charterflug ins Land gebracht wurden. Ich verlasse das Land mit der Hoffnung, dass viele Menschen sich dadurch bald wieder in ihre eigenen vier Wände zurückziehen können und dort vor Wind und Wasser geschützt sind. Und ich wünsche mir, dass die Hilfe solange andauert, bis die Menschen in Mosambik wieder zur Normalität zurückkehren – und im besten Fall sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Ingo Steidl vor seinem Abflug.

Im Flugzeug sehe ich einige Mitarbeiter internationaler NGOs, für die es nach ihren Einsätzen vermutlich auch wieder in die Heimat geht. Für uns beginnt jetzt erstmal wieder der Alltag – welch ein Privileg!

Ingo Steidl, 7. April 2019

Ingo Steidl ist zur Zeit in Mosambik unterwegs zusammen mit Jutta Herzenstiel, Referentin für Mosambik bei Caritas international. Sie stehen für Medienanfragen zur Verfügung, Kontakt über Holger Vieth, 0761 – 200 514

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