Westjordanland: Leben in Freiheit?

Unglaubliche Weite am Horizont und im Tal reges Treiben auf den Straßen. Das sind die ersten Eindrücke beim frühmorgendlichen Blick aus dem Gasthaus in Bethlehem, in dem ich die nächsten Tage wohnen werde. Aus dem obersten Stockwerk kann man in der Ferne die Hügel Jordaniens sehen. Ein Gefühl von Freiheit macht sich breit. Trügerisch. Denn die Palästinenserinnen und Palästinenser sind alles andere als frei.

Wenn ich unsere gestrige Fahrt vom Flughafen in Tel Aviv in Israel bis ins Westjordanland Revue passieren lasse, sind mir vor allem die Grenzkontrollen am Checkpoint nach Bethlehem im Gedächtnis geblieben, mit Wachtürmen, die die Umgebung in unangenehm grelles Scheinwerferlicht tauchen. Bethlehem liegt in Palästina, genauer gesagt im Westjordanland, und wird durch diese Sperranlage von den israelischen Gebieten abgetrennt. Kontrolliert werden unsere Pässe von jungen Israelis, die mit ihren Waffen bedrohlich wirken, andererseits aber nur einen lässigen Blick auf unsere Papiere werfen. Ich, Mitarbeiterin bei Caritas international, bin mit Philipp unterwegs, ein Profi-Fotograf, der uns schon auf vielen Reisen begleitet hat. Wir können den Checkpoint in beide Richtungen leicht durchqueren.

Anders sieht das für viele Palästinenserinnen und Palästinenser aus. Sie brauchen eine spezielle Genehmigung, um von Bethlehem nach Israel zu passieren, die je nach Situation vom israelischen Staat erteilt oder zurückgewiesen wird. Mit einem grünen, palästinensischen Pass kommt man oft nicht weit. So ist zum Beispiel Jerusalem nur einen Katzensprung von Bethlehem entfernt, für viele Palästinenser aber trotzdem schwer zu erreichen. Auch die Nummernschilder unterscheiden die Menschen, die mit ihnen fahren. Autos mit weiß-grünen palästinensischen Kennzeichen dürfen den Checkpoint nach Israel nicht passieren. Fahrzeuge mit gelben israelischen Nummern hingegen werden ins Westjordanland eingelassen und können auf den meisten Straßen fahren.

“Der Blick schweift weit, gewöhnen möchte ich mich daran jedoch nicht, denn unsere Freiheit reicht kaum bis zum nächsten Hügel”, beschreibt eine Mitarbeiterin unserer Partnerorganisation ihre Situation als wir von einem Hausdach über das Westjordanland blicken.

Bethlehem: Omnipräsenz der Mauer mit künstlerischer Vielfalt

Philipp und ich werden in den nächsten Tagen verschiedene Projekte von Caritas international und unseren Projektpartnern hier im Westjordanland besuchen und euch mit auf diese Reise nehmen. Die Schwächsten der Gesellschaft stehen dabei im Mittelpunkt. Das sind Frauen mit Behinderung, Kinder mit und ohne Behinderung sowie Beduinen- und Hirtenfamilien, die aufgrund von israelischem Siedlungsbau und dem Klimawandel immer weniger nahrhaftes Weideland zur Verfügung haben.

Der Weg zum ersten Projektbesuch, zu einem Zentrum für Frauen und Kinder mit Behinderung in Idna, führt uns direkt an der Mauer in Bethlehem vorbei, die die palästinensische Stadt von Israel abgrenzt.

Eine Absperrung in Form von Beton oder Stacheldraht gibt es an der gesamten Grenze zwischen Israel und der Westbank, an der damals als Waffenstillstandslinie gezogenen „grünen Linie“.

Aus israelischer Perspektive soll die Abgrenzung als „Terrorabwehrzaun“ vor palästinensischen Angriffen und Sprengstoffattentaten schützen. Aus palästinensischer Perspektive führt die Mauer zu Diskriminierung, Benachteiligung und einer weiteren Verhärtung der Fronten.

Hier in Bethlehem geschieht damit allerdings etwas Besonderes: Graffiti-Künstler nutzen die Mauer als Leinwand für einen friedlichen Protest. Mit ihrer Street-Art thematisieren sie das tägliche Leben, den Wunsch nach Freiheit und schmälern die bedrohliche Größe der Mauer mit ironischen Sprüchen wie „Make Hummus not Walls“.

Gegensätze auf den Straßen Bethlehems

Auf unserem Weg durch Bethlehem nach Idna zum Projektbesuch werden wir von tanzenden Figuren aus Pappmaschee und Kindertanzgruppen mit lauter Musik aufgehalten, die durch die Straßen ziehen. Die Rhythmen haben Ohrwurmcharakter. Eine Mischung aus Karneval und Straßenfest. Bunter Ausdruck von Freude direkt neben dem grauen Wachturm an der Mauer. Für uns ein Kontrast, für die in Bethlehem lebenden Palästinenserinnen und Palästinenser ist es Normalität.

Sogar die israelischen Wachen halten ihre Handykameras aus den winzigen Fenstern des Turms, durch die sie sonst nur finstere Blicke werfen. Absurd zu beobachten, aber auch motivierend zu sehen, wie trotz schwierigster politischer Begebenheiten das alltägliche Leben seinen Lauf nimmt.

Als die Straßen langsam wieder frei werden, können wir unseren Weg nach Idna zum Zentrum für Frauen und Kinder mit Behinderung fortsetzen.

Anders als erwartet finden wir uns in einem pinkfarbenen Hochzeitssaal wieder und treffen dort auf die 44-jährige Najat. Sie sprüht voller Ideen, als sie uns lebhaft gestikulierend von ihrer Leidenschaft erzählt – dem Schneidern. So war es nicht immer, sie hat den Großteil ihrer Zeit aufgrund ihrer Behinderung bislang alleine zuhause verbracht erzählt sie uns – bis sie von diesem Zentrum erfuhr. Auch begegnen wir dort den beiden Mädchen Sadeel und Ouroubah mit Down Syndrom, die uns stolz ihre Fortschritte zeigen.

Menschen mit Behinderung in Palästina stärken
Najat aus dem Idna-Zentrum

Mehr über die beiden Mädchen, über Najat und die Unterstützungsangebote für Menschen mit Behinderung erfahrt ihr hier.

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Ein Gedanke zu „Westjordanland: Leben in Freiheit?“

  1. Cooler Einblick. Ich war auch letztens da. Es ist erschreckend, wie wenig der langsam schleichende Landraub der israelischen Siedler fortschreitet und konsequent weitergeht. Auf eine Zweistaatenlösung ist kaum mehr zu hoffen… finde es gut, dass ihr euch für die Palästinenser einsetzt.

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