Jordanien: Hunderttausende Flüchtlinge warten auf Frieden und Sicherheit

Jordanien, eines der rohstoff- und wasserärmsten Länder der Welt, hat infolge der vielen Krisen und Kriege im Nahen Osten seit 1948 mehreren Millionen Flüchtlingen Schutz gewährt. Seit Beginn des Syrienkrieges im Jahr 2011 kamen nochmals 650.000 Flüchtlinge dazu. Inzwischen zählt das Land mehr als neun Millionen Einwohner. Und dennoch erscheint uns Jordanien in diesen Tagen wie ein ruhiger Hafen mitten im Minenfeld des Nahen Ostens, das jeden Moment zu explodieren droht.

Jordanien: Kaum Rohstoffe, kaum Wasser und Millionen Geflüchtete. Trotzdem scheint es wie eine Oase der Ruhe im Nahen Osten.

Donnerstag. Es ist Tag vier unserer Jordanienreise und für die meisten der Flüchtlinge, denen wir begegnen, bereits das fünfte, sechste oder gar neunte Jahr in bitterer Armut, ständiger Angst und Unsicherheit. Wir blicken in die Abgründe der verzweifelten Seelen dieser Menschen und fragen uns beklommen, wie unsere Kolleg(inn)en der Caritas Jordanien das tagein, tagaus verkraften.

Vorbeugung vor dem Burn-Out

Lana Snoubar, Psychologin und EMDR Trauma-Therapeutin (Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung), begleitet syrische und irakische Flüchtlinge seit sieben Jahren. Sie arbeitet in einem der vielen Projekte, die Caritas international gemeinsam mit der lokalen Caritas-Organisation in Jordanien für Geflüchtete umsetzt.

Atem- und Achtsamkeitsübungen mit Lana Snoubar im Caritas-Zentrum in Zarqa.

Inzwischen bietet Lana auch Selbstfürsorge-Seminare für ihre Caritas-Kolleg(inn)en an: „Der erste Schritt besteht darin zu erkennen, dass wir psychischen Druck erfahren und diesen durch unsere hohen Ansprüche an uns selbst oft mit auslösen“, sagt sie. Wer die Wechselwirkungen zwischen Gefühlen, Gedanken und Verhalten erkennt, kann das Muster durchbrechen und sich Entlastung schaffen: durch Achtsamkeit (sich selbst spüren), Entspannung (Meditation, Yoga) und Dankbarkeit, für das was uns trägt (die Partner, Familie, Freunde, der Glaube). Hinzu kommen Angebote wie Sport, gemeinsame Unternehmungen oder Ernährungskurse.

Statt weiterer Erklärungen reicht Snoubar eine Platte mit frischen Pfefferminzblättern rum und bittet uns, ein Blatt in die Hand zu nehmen, es zu fühlen, daran zu riechen, es zu schmecken. Wir folgen erst zögerlich, dann erstaunt über unsere eigenen Sinneswahrnehmungen. Dann führt sie uns durch eine Atemübung, die sie mit der Bitte beendet, uns nun einen Ort vorzustellen, an dem wir uns sicher und geborgen fühlen. Meine Gedanken schweifen nach Hause und zurück ins hier und jetzt: Wo mag bloß der sichere Ort für die junge Flüchtlingsfrau sein, deren Familie nur aus Frauen besteht und die nur noch „die eigene Ehre verkaufen“ kann, um zu überleben?

Mit Minzblättern die Sinne stärken und das Hier und Jetzt spüren. Im Bild: Helene Trautwein, St. Josef Seniorenhaus der Cellitinnen in Meckenheim.

Caritas: Mehr als ein Job

Wir sind im Caritas-Zentrum in Zarqa. Die Industriestadt mit 700.000 Einwohnern liegt vor den Toren der Hauptstadt Amman, die weitere vier Millionen Einwohner hat.

Auf dem Weg von Amman nach Zarqa.

Wir sind eine Gruppe von 15 Fachkräften aus deutschen Caritasverbänden, Einrichtungen und Diensten sowie drei Begleiterinnen von Caritas international und der Fortbildungs-Akademie des Deutschen Caritasverbandes. In den Tagen zuvor haben wir die Caritas-Zentren in Madaba und Irbid sowie das Migrationszentrum in Amman besucht. Die erwartungsvollen, hoffnungsfrohen und verzweifelten Blicke von irakischen und syrischen Flüchtlingen, von hilfsbedürftigen Jordanier(innen) mit ihren Kindern und von illegalen und chronisch kranken Arbeitsmigrant(inn)en überwiegend aus Asien und Afrika prägen sich tief ein.

Cosima Reichert (links) und Christine Decker (rechts, Autorin dieses Blogbeitrags) auf dem Berg Nebo in Jordanien.

Im Caritas-Zentrum in Zarqa arbeiten – ähnlich wie in den übrigen fünfzehn jordanischen Caritas-Zentren – 37 festangestellte und fünf ehrenamtliche Fachkräfte Hand in Hand. An diesem Donnerstag stehen viele Menschen Schlange vor den ärztlichen Behandlungsräumen und Ausgabestellen für Rezepte und Medikamente. Auch vor den Tisch an Tisch aneinander gereihten Beratungsplätzen. Caritas-Mitarbeitende erfassen hier mithilfe elektronischer Fragebögen in 30-minütigen Interviews die Anliegen und Bedürftigkeit der Hilfesuchenden. Derweil betreuen mehrere Freiwillige bis zu zwanzig Kinder im Spielzimmer. Ein „Kinder freundlicher Raum“ gehört zum Konzept und zur Standard-Ausstattung jedes Zentrums. Unsere haupt- und ehrenamtlichen Kolleg(inn)en verleihen dem Leitmotiv der Caritas Jordanien eine Seele: „Caritas ist ein Auftrag, kein Job“.

Ein „Kinder freundlicher Raum“ gehört zum Konzept und zur Standard-Ausstattung jedes Zentrums, wie hier in Madaba.

Der brüchige Frieden und die Wasserarmut sind die brennenden Fragen, die uns in dieser Woche begleiten. Schon morgens unter der Dusche. Über die überreich gedeckten Tische zum Abendessen, eine Selbstverständlichkeit für die orientalische Gastfreundschaft, würden wir uns gerne richtig freuen. Doch die Worte vieler Flüchtlinge hallen in uns nach, dass sie zum Überleben mit einer Mahlzeit auskommen müssen und oft im Müll der Bessergestellten nach Essensresten suchen; dass sie ihre minderjährigen Söhne zum Arbeiten schicken und die Töchter zuhause herumsitzen, weil ihnen das Geld fehlt, sie zur Schule zu schicken; dass sie ständig umziehen müssen, weil sie die Miete zu oft gestundet haben, und Schuldenberge anhäufen.

Die Mehrheit schweigt

„Wir leben in einer der schönsten Regionen der Erde, die auf die Anfänge der Menschheitsgeschichte zurückschaut“, schwärmt Wael Sulaiman, Generaldirektor der Caritas Jordanien: „Wir haben alle Religionen und Glaubensrichtungen, wir haben das leckerste Essen, die größte Gastfreundschaft. Alles ist schön bei uns. Aber wir haben keinen Frieden!“ Und nachdenklich fügt er hinzu, dass er den Tag herbeisehne, an dem die schweigende Mehrheit, die den Frieden will, aufstehe und sich endlich der kleinen Minderheit der Kriegstreiber entschlossen entgegenstelle.

Hier erfahrt ihr mehr über die Caritas-Arbeit mit und für Geflüchteten in Jordanien.

Höchste Auszeichnung für die Caritas Jordanien. Im Mai erhielt Generaldirektor Wael Sulaiman den “Unabhängigkeitsorden 1. Grades” des jordanischen Königshauses.
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