menschen in einer sehr trockenen Landschaft mit Regenschirmen und Wasserkanistern

Klimapolitik-Notstand

Die Chefin des UN Klimasekretariates spricht inzwischen vom Klimanotstand – und das sicher nicht aufgrund der Hitze vor den Konferenzräumen in Bonn. Sie will die Mitglieder der kleinen Klimakonferenz zu mutigeren Schritten beim Klimaschutz motivieren. Bisher mit wenig Erfolg.

Derzeit steigt das Barometer in Indien auf bis zu 50 Grad im Schatten. Gleichzeitig verhandeln in Bonn zum fünfzigsten Mal die Staaten über den Klimawandel. Nicht nur die Hitze in Indien steht. Auch die Verhandlungen zu klimabedingten Schäden und Verlusten stocken, die derzeit auf der Klima-Zwischenkonferenz in Bonn geführt werden.  Sie sind ein Gradmesser für den politischen Willen zur Solidarität mit den Menschen, für die die negativen Folgen des Klimawandels längst Teil ihrer Lebensrealität sind.

Der Wechsel von Dürren und Zyklonen mit starken Überschwemmungen hat Anfang des Jahres Mosambik hart getroffen. Rund 1,8 Millionen Menschen sind dort auf humanitäre Hilfe angewiesen – und das wohl mindestens für ein Jahr, weil in vielen Regionen die gesamte Ernte vernichtet wurde. 2017 hatten extrem warme Meeresströmungen vor der südamerikanischen Küste zu katastrophalen Regenfällen und Überschwemmungen in Peru geführt, rund eine Million Menschen waren betroffen.

Der Zyklon Fani traf als stärkster Wirbelsturm seit rund 20 Jahren im Mai 2019 auf Indien. Nachdem Fani im Osten des Landes gewütet hatte, zog der Zyklon abgeschwächt auf rund 90 Kilometer pro Stunde nach Bangladesch weiter. Mindestens 30 Menschen kamen durch die Stürme und Wassermassen in Folge des schweren Regens ums Leben. Zahlreiche Häuser und ein Großteil der Infrastruktur wurden zerstört.

Im Juni starben in Indien aufgrund einer Hitzewelle mit Temperaturen bis 50 Grad Celsius rund 100 Menschen. Zehntausende Menschen in den von der Dürre betroffenen Dörfern in Nordindien hatten ihre Häuser verlassen, weil sie weder für sich noch für ihr Vieh Trinkwasser haben.

Klimaextreme wie Dürren, tropische Stürme, Hagel oder Hitzewellen scheinen sich zu verstetigen. Eine vorsorgliche Anpassung an ihre verheerenden Folgen wird umso dringlicher. Sie kann jedoch bei weitem nicht verhindern, dass schon jetzt Menschen ihrer Lebensgrundlagen beraubt werden. Klimabedingte Schäden und Verluste sind längst Teil ihrer Lebensrealität. Fakt ist, dass gravierende Klimawandelfolgen nicht mehr vermeidbar sein werden. Katastrophenvorsorge kann Schäden begrenzen, aber nicht verhindern. 

Verluste sind dauerhaft, Schäden sind reversibel

Das hat auch die Staatengemeinschaft mit dem Pariser Klimaabkommen als Realität anerkannt. In Artikel 8 wurden Verluste und Schäden (loss and damage) als eigenständiges Thema der Klimapolitik formuliert. Über die Praxis im Umgang mit ihnen muss sich die Staatengemeinschaft – unabhängig vom Bemühen um die  Anpassung an den Klimawandel – Gedanken machen und Pläne entwickeln. Dafür war bereits 2013 der “Warschau-Mechanismus” unter dem Dach der UN-Klimakonvention gegründet worden: Er soll vor allemEntwicklungsländer dabei unterstützen, mit den wachsenden Klimaschäden zurechtzukommen. Das Thema „Verluste und Schäden“ ist für die Humanitäre Hilfe ein enorm wichtiger Bestandteil der Klimapolitik.

Es braucht mehr politischen Willen für eine solidarische Klimapolitik

Der für viele Entwicklungsländer so wesentliche Bereich ist umstritten. Einige Delegierte fürchten, sie könnten in Zukunft gezwungen werden, finanzielle Ausgleichszahlungen an jene Länder tätigen zu müssen, die wie Haiti, Mosambik oder die Philippinen schwere Schäden durch schwere Taifune erlitten. Vor allem Staaten mit geringem Ausstoß an Klimagasen fordern hingegen verbindliche Absprachen über einen angemessenen Ausgleich für die unvermeidbaren Schäden und Verluste.

Die aktuellen Verhandlungen in Bonn über diesen gerade für Humanitäre Hilfe wichtigen Bereich der Klimapolitik verlaufen entsprechend stockend. Dabei haben die Industrieländer als Hauptverursacher der Erderwärmung kaum etwas zu befürchten: Im Pariser Klimaabkommen wurde bereits festgehalten, dass entwickelte Länder nicht verpflichtet sind, Schäden und Verluste zu kompensieren. Warum also das ständige Vertagen und Verschieben?

Sorgenkind Klimapolitik

Das bereitet der Delegation von Caritas Internationalis, die sich mit Statements bei der Klimapolitik zu Wort meldet, große Sorgen. Denn Klimaschutz ist eine soziale Aufgabe. Wenn arme Familien durch die Folgen von Dürren und Flutkatastrophen ohne sicheren Schlafplatz und ohne Nahrung, ohne Land und ohne Schutz dastehen, dann müssen diejenigen sie unterstützen, die am meisten zum Klimawandel beigetragen haben.

Aktualisierung 28. Juli: Das Mandat für die Überprüfung des Warschauer Internationalen Mechanismus für Verluste und Schäden im Zusammenhang mit den Auswirkungen des Klimawandels wurde in Bonn auf der kleinen Klimazwischenkonferenz angenommen. Darin wird der Umfang der Überprüfung des WIM festgelegt, die auf der Konferenz zum Klimawandel in Santiago im Dezember 2019 stattfinden soll.

Die Klimakrise kann nur bewältigt werden, wenn die Solidarität zwischen Verursachern und Betroffenen wächst. Die Verhandlungen zu klimabedingten Schäden und Verlusten, die derzeit in Bonn auf der Zwischenkonferenz geführt und im Dezember 2019 auf dem Weltklimagipfel  in Chile vorangebracht werden sollen, sind ein Gradmesser für den politischen Willen zur Solidarität.  Derzeit herrscht nicht nur der Klimanotstand, der in Indien und Pakistan in den vergangen zwei Wochen tödliche Folgen hatte. Es herrscht auch ein Klimapolitiknotstand. Der sorgt indes dafür, dass das Vertrauen in die Politik, den Klimawandel aufhalten zu können, schwindet, während die Fieberkurve der Erde steigt.

26. Juni 2019

"Klimawandel als Herausforderung für die humanitäre Hilfe"
Hier geht es zum Themendossier Klimawandel als humanitäre Herausforderung von Caritas international

Caritas zu Schäden und Verlusten

Erst im vergangenen Jahr veröffentlichte die Caritas Neuseeland einen Erfahrungsbericht über die enormen Schäden und Verluste ihrer Partnerorganisationen in Ozeanien. An das Klimasekretariat in Bonn sandte die Caritas Neuseeland nun ein Positionspapier mit Empfehlungen, um die Erfahrungen aus ihrer Arbeit in diesem so wichtigen Bereich zu teilen.

Hintergrund “Schäden und Verluste”

Die jüngsten Prognosen über den Klimawandel gehen davon aus, dass extreme Wetterereignisse immer häufiger auftreten und an Intensität gewinnen. Auch der langsame Anstieg des Meeresspiegels und der schleichende Verlust von Ackerkrume sind Folgen des Klimawandels. Selbst wenn die Weltgemeinschaft es schaffen sollte, den Ausstoß klimaschädlicher Gase zu kontrollieren und herunterzufahren, sind Schäden und Verluste unvermeidbar. Sie werden auch dann eintreten, wenn sich die Menschen an den Klimawandel anpassen und sich vor den Folgen und Risiken bestmöglich schützen werden.

Das ist der Grund, warum der Internationale Warschauer Mechanismus für den Umgang mit Schäden und Verlusten geschaffen wurde. Verluste wie das Artensterben sind dauerhaft. Schäden wie etwa zerstörte Brücken und Straßen sind reversibel. Schäden und Verluste umfassen physische, aber auch solche sozialen und wirtschaftlichen Klimafolgen, die durch aktiven Klimaschutz und Klimaanpassung nicht mehr vermieden oder rückgängig gemacht werden können.

Wer ist von Schäden und Verlusten betroffen?

Betroffen sind: Fischergemeinschaften, die ihren vom Meer weggespülten Wohnort verlassen mussten oder umgesiedelt werden und damit ihre sozialen Netzwerke verlieren. Bauernfamilien, die keine Ernten mehr einfahren, weil die Böden dauerhaft versalzen. Arme Familien, die wie in Peru auf hochwassergefährdeten Stadtrandgebieten in Wellblechhütten wohnen und von Sturzfluten überrascht wurden.

Im Pariser Klimaabkommen wurden Schäden und Verluste in Artikel 8 als eigenständiges Thema anerkannt. Als 2013 der sogenannte Warschau-Mechanismus unter dem Dach der UN-Klimakonvention gegründet worden war, schien das Ziel klar: Er sollte vor allem Entwicklungsländer dabei unterstützen, mit den wachsenden Klimaschäden zurechtzukommen und dafür Wissen generieren und teilen – ein systematischer Erfahrungsaustausch für gegenseitiges Lernen.

In seiner ersten, rund zweijährigen Aufbauphase konzentrierte sich die Arbeit des Warschau-Mechanismus folglich darauf, wie und wo in welchem Umfang Schäden und Verluste erhoben werden sollen. Auf der Klimakonferenz in Marrakesch Ende 2016 wurden Eckpfeiler für einen Fünf-Jahres-Arbeitsplan vorgeschlagen, der sich unter anderem mit der  klimabedingten Migration und mit der strittigen Frage der Finanzierung beschäftigt. Auch die Bedürfnisse besonders verletzlicher Bevölkerungsgruppen sind Thema.

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