Rohingya-Camp

Bangladesch, Rohingya-Camp: Und trotzdem hofft man auf ein kleines Wunder …

Mit einigen Stunden Verspätung kommen wir endlich am Flughafen in Cox’s Bazar in Bangladesch nahe des Rohingya-Camps an. Mein Kollege Stefan Teplan und ich haben Glück: Unsere Fluglinie ist die einzige, die an diesem Tag noch fliegen wird. Alle weiteren Flüge wurden wegen schlechter Wetterverhältnisse gestrichen. Seit Anfang Juni hat in Bangladesch die Regenzeit begonnen und die Wettervorhersage kündigt bereits seit Tagen einen langandauernden Monsun mit Sturm und Starkregen an.

Pfützen wie Seen

27 Stunden waren wir insgesamt unterwegs. Warme, schwüle Luft kommt uns entgegen, als wir in Cox‘s Bazar aus dem Flugzeug steigen. Es riecht nach Feuchtigkeit, der Himmel ist grau. Riesige Wasserpfützen bedecken wie kleine Seen die Landebahn. Der Wind dreht immer wieder und kommt aus allen Richtungen. Insgeheim frage ich mich, ob das Wetter in den kommenden Tagen tatsächlich so bleiben wird.

Cox´s Bazar – eine Stadt am längsten Strand der Welt

Cox’s Bazar gilt zwar als die Touristenmetropole von Bangladesch, macht aber einen eher überschaubaren Eindruck. Hauptattraktion ist der mit 120 Kilometern Länge längste ununterbrochene Sandstrand der Welt. Auf unserem Weg zum Hotel passieren wir immer wieder nicht fertig gebaute Hochhäuser, die wie Ruinen auf mich wirken, wie Symbole dafür, dass hier einiges viel mehr Zeit bedarf.

Pragmatismus vs.
Auflagen und Genehmigungen

Meine Kollegin Christin, die seit einem Jahr in Bangladesch lebt und Projekte von Caritas international vor Ort begleitet, erklärt mir, wieso das so ist. Die Häuser können nicht fertiggestellt werden, weil den Bauherren das Geld plötzlich ausgeht oder sich die Baubestimmungen erneut ändern. So ist es wohl auch im Rohingya-Camp, das ich bereits am folgenden Tag besuche. Auch hier scheint die tägliche, sehr beeindruckende Arbeit der Caritas-Kollegen von den sich häufig ändernden Auflagen und Bestimmungen der Regierung des Landes abhängig zu sein. Nichts ist einfach – jede Maßnahme bedarf einer Genehmigung auf die hunderte von NGOs, die im Camp aktiv sind, aufs Neue warten. Jeder Schritt muss mit der Regierung abgestimmt werden.

Regenzeit im Rohingya-Camp: Warum ist Hilfe gerade jetzt notwendig?

Die NGOs nehmen unterschiedliche Aufgaben in den 20 einzelnen Campabschnitten wahr, in die das größte Flüchtlingslager der Welt unterteilt ist. Rund eine Million Menschen leben hier zusammengepfercht auf etwa 14 Quadratkilometern, allein 600.000 in Kutupalong, dem größten zusammenhängenden Bereich des Lagers. In diesem ist die Caritas aktiv.

Unsere Kollegen der Caritas Bangladesch leisten Hilfe in unterschiedlichster Weise, unter anderem unterstützen sie den Bau von Unterkünften und schulen die Rohingya darin, ihre Behausungen selbst zu reparieren. Die Hütten werden durch starken Wind und heftige Regenfälle, besonders jetzt während der Monsunzeit, immer wieder beschädigt.

Der Monsun reißt ganze Hütten mit sich und verwandelt das Camp in eine Schlammlandschaft.

Normalerweise beginnt die Monsunzeit erst Ende Juni. Dieses Jahr verwüsten jedoch bereits seit April Regenfälle das Camp. Aktuell wird die Situation extremer, zwischen dem 02. und 04. Juli erreichten die Regenfälle ihren bisherigen Höhepunkt. Der Sturm lässt ganze Hütten zusammenbrechen und der schlammige Boden birgt die Gefahr, dass durch Erdrutsche Behausungen auf den steilen Hügeln abrutschen. Über 11.000 Menschen sind betroffen und mehr als 2.400 Menschen haben kein Dach mehr über dem Kopf. Auch wurden über 100 Schulen beschädigt. Ein siebenjähriger Junge ertrank vor wenigen Tagen in einem überfluteten Abwasserkanal. Gleichzeitig wurde eine Rohingya-Frau in ihrer Hütte von den zusammenstürzenden Wänden getroffen und erlag wenig später ihren Verletzungen.

Der Monsun reißt ganze Hütten mit sich und verwandelt das Camp in eine Schlammlandschaft.

Hilfe zur Selbsthilfe

Die Caritas leistet derzeit Nothilfe, unterstützt bei Reparaturen und stellt Material wie Decken, Planen und Bambusrohre bereit. Um sich in weniger extremen Zeiten besser vorzubereiten, bieten unsere Partner der Caritas Bangladesch Trainingseinheiten für Männer und Frauen an, um sie zu lehren, wie sie ihre Unterkünfte noch besser stabilisieren und resistenter gegen die Naturgewalten bauen können. Nach Abschluss solcher Lehrgänge werden die Teilnehmer mit dem notwendigen Material ausgestattet – Bambusrohre, Seile zur Stabilisierung der Wände, Planen und als eine neue Maßnahme „Metallfüße“ zur Befestigung der Eckpfeiler in der Erde. Ansonsten würde der in den Boden gesteckte Bambus bei feuchtem Wetter schnell modrig werden. 50 Prozent der Lehrgangsteilnehmer sind Frauen, die häufig in Vertretung für ihre Ehemänner da sind, wenn diese keine Zeit dafür haben. Sie nutzen jede Gelegenheit, als Tagelöhner für sich und ihre Familien etwas dazu zu verdienen.

Die Caritas leistet Hilfe zur Selbsthilfe: Mit unseren Partnern bieten wir Trainingseinheiten für Männer und Frauen an, um sie zu darin zu schulen, wie sie ihre Unterkünfte noch besser stabilisieren und resistenter gegen die Naturgewalten bauen können.

Dieses Training ist für die Menschen im Camp eine nicht zu unterschätzende Hilfe, da ohne gute Vorkehrungen Regen und Schlamm während des Monsuns in ihre Behausungen eindringt. Das würde das Überleben der großen Familien auf engstem Raum unter extrem improvisierten Bedingungen weiter erschweren

Von Camp zur Stadt. Die Rohingya treiben die Entwicklung voran. Aber gibt es Perspektiven?  

Das Camp wirkt auf mich manchmal wie eine riesige, in sich geschlossene Stadt mit einigen Märkten, kleinen Geschäften, Reparatur-Anlaufstellen, Gemeinderäumen und Gesundheitszentren. Der Unterschied ist nur: alles ist extrem improvisiert. Mein Kollege Stefan, der mit mir reist, ist bereits zum vierten Mal vor Ort. Das erste Mal kam er vor zwei Jahren hierher, als fast eine Million Rohingya aus Myanmar nach Bangladesch fliehen mussten. Das Ausmaß der Katastrophe schien unbeschreiblich zu sein. Die Menschen kamen mit leeren Händen, viele mit nichts außer den Kleidern, die sie am Leib trugen. Die Caritas verteilte an sie Lebensmittel sowie Planen und Bambusstöcke, um sie vor Sonne und Regen zu schützen. Heute hat sich das Leben im Camp geordnet. Die Infrastruktur wurde verbessert, eine neugebaute Umgehungsstraße, die um und durch das Camp führt, erleichtert den Transport von Gütern, Beschilderungen helfen, sich zu orientieren, Solar-Straßenlampen beleuchten die Hauptwege auch nachts.

Und dennoch weiß ich, während ich mitten im Camp stehe, dass diese Menschen eigentlich keine wirklichen Perspektiven haben. Wie sieht wohl die Zukunft von Menschen aus, die staatenlos und nur auf Versorgung von außen angewiesen sind, weil sie das Camp nicht verlassen und sich so kein selbstbestimmtes Leben aufbauen dürfen? Und trotzdem hofft man auf ein kleines Wunder und baut auf die Menschen, die jeden Morgen aufstehen, um in das Camp zu fahren und die Rohingya Familien in allem zu unterstützen, was sie zum Überleben benötigen.

Wer kümmert sich um die Zukunft der 400.000 Rohingya-Kinder ?

Collins, ein junger Sozialarbeiter im Rohingya-Camp, zeigt meinem Kollegen Stefan die Lehrmaterialien.

So auch Collins Lawrence, ein junger Sozialarbeiter, der für die Caritas in einem der „Child-Friendly-Spaces“ (kinderfreunldiche Zonen) arbeitet und mit viel Leidenschaft und hohem pädagogischen und psychologischen Fachwissen Rohingya-Kinder und -Jugendliche mit Hilfe unterschiedlicher Aktivitäten Woche für Woche betreut und begleitet. Wachsen doch gerade etwa 400.000 Kinder und Jugendliche in diesem Camp heran, deren Zukunft völlig ungewiss ist.

„Fatima ist fünf Jahre alt und ein aufgeschlossenes, fröhliches Kind, das immer lächelt“, sagt ihre Lehrerin, die die Kleinsten im Child-Friendly-Spaces unterrichtet. (Fatima: zweite von rechts im pinkfarbenden T-Shirt)

Mehr über die Hilfe im Rohingya-Camp erfahrt ihr hier.

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