Das Warenhaus der Caritas beinhaltet Nahrungsmittelpakete, Matratzen, Kochgeschirr, Kleidung, Hygieneartikel und vieles mehr.

Überleben in Trümmern – Mein Besuch in Aleppo

„Ich reise nach Syrien.“ Dieser Satz brachte mir in den vergangenen Wochen viele sorgenvolle Nachfragen ein. Kaum jemand reist zurzeit in dieses Land, aus dem wir seit über 8 Jahren nur noch Schreckensmeldungen hören. Viele nehmen wir gar nicht mehr wahr. So übersättigt sind wir. Johanna Klumpp, Mitarbeiterin bei Caritas international, begleitete eine Woche die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen der Caritas Syrien, vor allem in Aleppo.

Nach eindrücklichen Besuchen in Damaskus und Homs sind wir heute in Aleppo angekommen. Der Weg führte uns stundenlang durchs Niemandsland. Die viel kürzere Verbindung über die Autobahn darf nicht benutzt werden: Zu nah fährt man an Idlib vorbei, wo immer noch gekämpft wird. Zudem wird die Straße für militärische Operationen gebraucht. Denn der Krieg ist, auch wenn es immer wieder verbreitet wird, noch nicht vorbei.

Trümmer als Mahnmal in Jabal Badro

In Aleppo steht mir der härteste Besuch meiner Reise bevor: Ich werde zum ersten Mal eine “Hot Zone” betreten: Der Stadtteil Jabal Badro war sechs Jahre lang von der Opposition besetzt und wurde  im Dezember 2016 durch Assads Regierungstruppen zurückerobert.

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In Aleppos Stadtteil Jabal Badro ist kein einziges Haus und keine Familie vom Krieg verschont geblieben. Das Caritas-Zentrum ist Treffpunkt und spendet Hoffnung: Hier werden die Menschen gehört, hier erhalten sie Rechtsberatung und Nahrungsmittel.

Auf der kurzen Fahrt vom Caritas-Büro in Aleppo nach Jabal Badro werden die Wege immer holpriger. Die Gebäude sind hier von Straßenecke zu Straßenecke mehr von den Kämpfen gezeichnet. In Jabal Badro besteht  die Umgebung nur aus Trümmern, die dort wie gewaltige Mahnmäler auch zweieinhalb Jahre nach der Eroberung noch immer herumliegen. Erst als wir von der Hauptstraße abbiegen, tauchen die ersten Menschen auf: Sie warten vor einem Gebäude. An dem Schild über der Tür erkenne ich, dass das auch unser Ziel ist: Neben arabischer Schrift prangt das rote Caritaskreuz über dem Stadtteilzentrum.

Hilfe, wo sie am dringendsten benötigt wird

“Direkt nachdem die Truppen der syrischen Regierung Aleppo im Dezember 2016 wieder unter Kontrolle hatten, haben wir angefangen, uns um die Menschen hier in diesem Stadtteil zu kümmern”, erklärt Magda Tabbakh die Leiterin des Caritas-Büros in Jabal Badro.

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Magda Tabbakh, die Leiterin des Caritasbüros in Jabal Badro, erklärt mir, wie sich die Frauen und Männer für die Verteilung der Nahrungsmittel registrieren können.

“Am Anfang haben wir 300 Familien versorgt, die den Krieg hier hautnah erlebt haben und schwer traumatisiert waren. Doch es wurden schnell mehr. Nachdem das Militär erste Teile des Stadtteils von Minen und anderen tödlichen Waffen befreit hatte, sind rasch über 2.500 Familien zurückgekehrt. Das sind ungefähr 10.500 Menschen”, beschreibt Tabbakh die Entwicklung der Caritas-Hilfen. “Wir arbeiten eng mit dem ‚Roten Halbmond‘ zusammen. Auch die orthodoxe Kirche stellt Hilfsgüter zur Verfügung. Außerdem leisten wir Rechtsberatung. Und wir bieten psychosoziale Aktivitäten an, für Kinder, aber auch für Senioren.”

“Die Menschen sind offiziell nicht existent.”

Das Warenhaus der Caritas

Das Warenhaus der Caritas beinhaltet Nahrungsmittelpakete, Matratzen, Kochgeschirr, Kleidung, Hygieneartikel und vieles mehr.

Tabbakh zeigt mir das Warenhaus der Caritas, aus dem die Bewohner Jabal Badros die Hilfsgüter erhalten:  Je nach Größe der Familie erhalten sie alle zwei, vier oder sechs Monate Nahrungsmittelpakete. Außerdem bekommen sie Matratzen, Kochgeschirr, Kleidung und Hygieneartikel wie Shampoo oder Waschmittel. Um eine Berechtigung zu erhalten, müssen sich die Männer und Frauen im Caritas-Zentrum registrieren und nachweisen, wie viele Familienmitglieder zu versorgen sind.

Das Problem ist, dass den meisten die Papiere fehlen, um zu beweisen, dass sie Kinder haben oder eine Familie sind: “Während des Krieges wurde keine Eheschließung und keine Geburt registriert. Die Menschen sind offiziell nicht existent. Mit unserer Rechtberatung können wir dabei helfen, dass die Leute endlich wieder Papiere haben. Die brauchen sie für Vieles, nicht nur für unsere Lebensmittelverteilung”, erklärt Tabbakh.

“Wir haben sieben Jahre Hunger gelitten”

Dann machen wir uns auf den Weg, um Menschen im Stadtteil Jabal Badro besuchen. Mit einem ruckeligen Pick-up fahren wir los und halten schon bald vor einem kleinen Gebäude. Das Haus hat keine Tür. Links vom schmalen Flur liegt ein winziger Raum. Dort leben Mustafa Abdallah und seine Frau Fahrija, beide über 60 Jahre alt. Das Ehepaar hat schon sein ganzes Leben in Jabal Badro verbracht. Auch während der Zeit der Besatzung von Sommer 2012 bis Dezember 2016 haben sie hier ausgeharrt. Nur während der schlimmsten Kämpfe, bevor die Truppen des syrischen Regimes Aleppo wieder übernommen haben,  sind sie fünf Tage nach Jibrin, in eine ländlichere Gegend im Umland Aleppos, geflüchtet.

„Während der Besatzung haben wir sieben Jahre Hunger gelitten. In unserer Not haben wir sogar Insektenlarven in Brot eingewickelt, um satt zu werden. Wir haben kaum das Haus verlassen, weil es zu gefährlich war. Frauen hat man auf der Straße fast gar nicht gesehen. Auch die meisten Kinder mussten zu Hause bleiben. Zu groß war die Gefahr, dass sie von einem Geschoss getroffen oder entführt werden könnten”, erzählt Mustafa Abdallah.

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Fahrija schlägt die Hände vors Gesicht und ergänzt mit erstickter Stimme: “Wir hatten zwei Kinder. Unsere Tochter ist tot. Ihr Mann hat wieder geheiratet und die Enkelkinder mitgenommen. Wir haben keinen Kontakt mehr zu ihnen und wissen nicht wo sie sind. Unser Sohn ist verschollen, niemand kann uns sagen, ob er noch lebt oder tot ist.” Ihr Blick ist gesenkt, ihre Hände zittern, es fällt der alten Frau schwer, davon zu erzählen. “Wenn wir unsere Kinder noch hätten, könnten sie uns helfen. Aber so sind wir ganz alleine. Ohne die Caritas wären wir hier verloren. Wir bekommen Lebensmittel und wenn einer von uns krank ist auch medizinische Hilfe.” Sie strahlt, als ich sie darauf anspreche, dass die direkte Umgebung um das kleine Häuschen sehr gepflegt wirken: “Ordnung halten ist das einzige, was ich alleine tun kann. Für alles weitere brauchen wir die Hilfe der Caritas.”

Wir dürfen die Menschen in Aleppo nicht vergessen

Mit jeder Begegnung an diesem Tag fällt es mir schwerer, mir vorzustellen, wie diese Menschen in absehbarer Zeit wieder ein menschenwürdiges Leben erlangen können. Sie haben nichts, leben in Trümmern, es gibt keine Arbeit und keine Möglichkeit, sich alleine aus der Not zu befreien.  Ich sehe, wie dringend die Hilfe der Caritas hier gebraucht wird und bin überwältigt von der großen Not, die hier immer noch herrscht, auch wenn Aleppo seit zweieinhalb Jahren nicht mehr besetzt ist.

Helfen Sie Menschen in Syrien, wie Mustafa Abdallah und seine Frau Fahrija, mit Ihrer Spende.

Hier erfahren Sie mehr über die Arbeit der Caritas in Syrien.

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