Haiti – Projektbesuch, Teil 1: Die Bilder vor der Reise

Wie sieht es in Haiti aktuell aus? Ist das Erdbeben von 2010 noch sichtbar? Was ist seitdem passiert? Martina Backes, Mitarbeiterin bei Caritas international, geht diesen Fragen auf ihrer Haiti-Projektreise nach. In diesem Blogbeitrag spricht sie über die Bilder vor der Reise.

Haiti: Von keinem anderen Land, das ich noch nie selber betreten habe, erscheinen so viele Bilder in meinem Kopf. Vom Erdbeben zerstörte Häuser, Kirchen, Straßen, Brücken, Schulen, Kirchen. Bilder von Zeltlagern mit Planen dicht an dicht. Umgeben von Militärs und Polizei. Paletten voller Hilfsgüter. Eine Matratze mitten auf der Straße, auf der eine ganze Familie wohnt. Risse im Mauerwerk, verlassene Gebäude, die einzustürzen drohen. Oder Häuser, die, wie auf den Kopf gestellt, in der Landschaft bizarre Monumente bilden. Bilder der Erinnerung an den Schrecken, an diese zwei Minuten, während der die Erde bebte. Damals, im Januar 2010.

Für mich war das weit weg, für viele lokale und internationale Hilfskräfte werden diese Bilder ein Karussell an Flashbacks auslösen.

Nur Schutt und Provisorien ?

Bei dem Gedanken an unseren bevorstehenden Besuch in Haiti kommende Woche sehe ich neben Schutt und Provisorien vor meinem inneren Auge auch sehr viele Menschen, die warten, warten, warten. Die Medien haben damals getan, was sie tun konnten und mussten, um die Weltgemeinschaft angesichts dieser Katastrophe des Jahrzehnts zu solidarischem Handeln aufzurufen. Viele Menschen aus Deutschland drückten ihr Mitgefühl in großen Spendensummen aus. Das Aktionsbündnis „Südbaden hilft!“ hat darüber berichtet. Über eine Million Menschen in Haiti waren betroffen, über 230.000 verloren ihr Leben.

Doch es kommt mir wenig angemessen vor, diese Bilder abzurufen, die vor gut zehn Jahren in meiner Vorstellung eine visuelle Landschaft von Haiti wachsen ließen.

Viele Fragen im Gepäck

Heute frage ich mich: Wie wird es jetzt dort aussehen? Welche Spuren bleiben? Warum sind nicht die tausenden helfenden Hände der Haitianerinnen und Haitianer, die sich nach dem Erdbeben gegenseitig trösten, in meiner Erinnerung präsent? Die ihr ganzes Tun darauf ausrichteten, sich und ihren Nachbarn aus der Krise der Zerstörung herauszuhelfen? Die lokalen Hilfskräfte, die weiter Hilfe leisteten, nachdem die Medien die öffentliche Aufmerksamkeit auf andere Erdteile lenkten?

Der blinde Fleck der Karibik

Es ist kein Geheimnis: Nicht alle internationale Nothilfe, die Haiti zuteilwurde, war wirksam. Das Chaos vor Ort erschwerte den Zugang zu den Menschen. Inzwischen sind Studien über das teilweise Scheitern eines Wiederaufbaus erschienen, inzwischen kamen und gingen zahlreiche humanitäre Hilfsorganisationen.

Seither ist die öffentliche Aufmerksamkeit für Haiti nahezu gleich null. So zählte die „Deutsche Welle“ Haiti dieses Jahr zu den Ländern vergessener Krisen. Der Karibikstaat belegte im vergangenen Jahr Rang 113 (von 119) auf dem Welthungerindex. Nach Angaben des Welternährungsprogramms ist aktuell die Hälfte der haitianischen Bevölkerung unterernährt. Während das schwere Erdbeben von 2010 weltweit Schlagzeilen machte, fand die jüngste Wirtschafts- und Nahrungskrise in dem Karibikstaat kaum Erwähnung. Und auch die Schäden, die der Wirbelsturm Matthew vor genau drei Jahren angerichtet hatte, haben vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit auf das Land gezogen.

Vorsorge treffen gegen künftige Katastrophen

Gerade taucht der tropische Sturm Dorian auf den Frühwarnsystemen auf, fünf Tage vor unserer geplanten Abreise. Zu dritt planen wir den Besuch eines Projektes zur Katastrophenvorsorge. In eben jene Region, die von Hurrikan Matthew im Oktober 2016 stark getroffen wurde, als der tropische Wirbelsturm mit Windgeschwindigkeiten bis zu 230 Stundenkilometern durch die Karibik fegte. Über 24.000 Häuser wurden zerstört, rund 1.000 Menschen verloren ihr Leben.

Einen Tag vor unserer Abreise wird die Lage nochmal sicherheitstechnisch gecheckt. Denn je mehr man weiß, desto besser kann man sich schützen. Das gilt nicht nur für uns, sondern vor allem für die Menschen in Haiti. Katastrophenvorsorge – im Kern ist es genau das, was die Caritas Nippes, eine Partnerorganisation von Caritas international, professionell aufbaut und vorbereitet. Die Vorsorgearbeit für einen effektiven Zivilschutz besteht vor allem aus einem funktionierenden Kommunikationssystem und vielen kleinen Einzeltaten: Neben kleineren Schutzgebäuden geht es um soziale Interaktionen für einen effektiven Zivilschutz. Menschen treffen Absprachen darüber, wie im Falle einer Katastrophe zu reagieren ist. Denn die Folgeschäden können so tödlich sein wie der Wirbelsturm selbst. Weil Bergrutsche, Wasserverschmutzung und Überflutungen, das Abgeschnittensein von jeglicher Versorgung und knappe Nahrungsmittel sowie fehlende medizinische Hilfen tödliche Risiken bergen. Wie genau wird die Caritas Nippes die Gemeinden im ländlichen Haiti auf künftige Katastrophen vorbereiten?

Die Suche nach der Wahrheit und den Schicksalen

Werden die Menschen überhaupt Kraft und Reserven haben, sich gegen künftige Katastrophen besser zu wappnen? Schließlich gehört Haiti zu den ärmsten Ländern der Welt. Wir reisen mit einer langen Liste an Fragen in den Südwesten des Landes. Immer ist das Ziel eines Projektbesuches, so viele Details und genaue Fakten wie möglich über den Lebenskontext der Menschen zu erfahren. Denn jede Vorsorge gegen Katastrophen muss perfekt eingebettet werden in den sozialen Kontext der Gesellschaft, angepasst an die lokalen Bedingungen. Um sich ein Bild zu machen, dass möglichst konkret ist, suchen wir Alltagsgeschichten. Geschichten des Scheiterns an den Verhältnissen und der bislang nicht vorhandenen Möglichkeiten effektiver Vorsorge auf der einen Seite. Doch auch die Geschichten des engagierten Gestaltens von Bedingungen für ein besseres, weniger von Willkür bedrohtes, würdiges, gerechtes und erfülltes Leben. Wahre Geschichten, die Hoffnung bergen.

Journalistischen Ansprüchen gerecht werden:

Jede wahre Geschichte bleibt ein Ausschnitt …

Bei jeder Reise beschäftigt mich aufs Neue die Frage: Wie können wir ein weitgehend wahres Bild von einem Land und seinen Bewohnerinnen vermitteln, das den Gegebenheiten und der Gesellschaft gerecht wird? Das nicht unnötig vereinfacht, wo doch die Realität immer sehr komplex ist? Ein Bild, das die Privatsphäre der Menschen respektiert, das nicht mit dem Leid spielt, um für Empathie zu werben? Wie können wir die Projektarbeit unserer Partner in Nippes so erzählen, dass aus den Menschen in Haiti, die ihr herausforderndes Leben schließlich täglich meistern, trotz aller Widrigkeiten, trotz weithin fehlender Zukunftsperspektiven, keine sprachlosen Opfer werden?

… aus einer noch größeren Realität

Am Ende stehen zwei oder drei Reportagen, sie geben bestenfalls einen kleinen Ausschnitt aus einem sozialen Kosmos wieder, der sich nur ausschnitthaft darstellen lässt. Die Wahl einer Geschichte wird zugleich das Zurückhalten weiterer Erzählungen bedeuten. Portraits und Einblicke in das Leben von Menschen, die wir auch treffen und die uns  ihre Sicht erzählen werden – und die am Ende keinen angemessenen Platz finden werden, nicht in der Zeitung, nicht auf der Homepage, nicht in den Videos.

Haiti ist weit weg von der deutschen Lebensrealität. Über die politische Krise und die Instabilität ist hier wenig bekannt. Es gab Massenproteste schon im Februar, bei denen schätzungsweise 12 Menschen ums Leben kamen. Dann ist da der Skandal um einen leergeräumten Fonds – die Folge illegitime Geschäfte. Die Ärmsten in Haiti sind um ihre Entwicklungschancen betrogen worden. Und das wirtschaftliche Leben infolge von Benzinknappheit gelähmt. Die Regierung steckt in einer Krise.

Die Erdbeben-Bilder aus dem Karibikstaat sind nicht die einzigen visuellen Artefakte, die in meiner Erinnerung abrufbar sind, aber sie sind sehr dominant. Dann ist da noch das Satellitenbild vom dicht besiedelten, entwaldeten, in weiten Teilen trockenen Inselteil. Dann die Pressefotos von aufgebrachten Menschen auf den Straßen, die gegen politische Willkür und gegen die Versorgungskrise, gegen Benzinmangel und Preissteigerung protestieren. Schicht um Schicht werde ich das alles abtragen müssen, um mit freiem Kopf zu sehen und zu verstehen, was mir die Menschen zeigen und erzählen werden.

Hier erfahrt ihr mehr über die Projekte von Caritas international in Haiti.

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