Blick auf überwachsene Grabstätten

Haiti – Teil 3: Die Zeugnisse des Erdbebens

In Port-au-Prince konnten sich nur wenige Menschen seit dem desaströsen Erdbeben von 2010 eine sichere Zukunft aufbauen. Das verrät das Stadtbild selbst in den weniger armen Vierteln.

Von einer hohen Mauer umgeben wacht der Hauptfriedhof von Port-au-Prince über tausende Tote, die hier in teils aufwändig verzierten, teils längst verfallenen Grabstätten ruhen. Eine Tafel informiert, dass der Grand Cimetière nationales Denkmal und kulturelles Erbe des Landes ist. Auch in der Stadt Léogâne wurden über 3.000 Erdbebenopfer auf dem Stadtfriedhof begraben. Heute treffen sich hier Menschen, um zu rasten, zu schlafen oder zu debattieren. Denn der von einer dicken Mauer umgebene Friedhof ist ein Ort der Ruhe in dem ansonsten geschäftigen Viertel.

Friedhof in Leogâne: Nach dem Erdbeben wurden hier über 3.000 Menschen in einer Woche begraben. Später dann kamen die Opfer der Cholera-Epidemie dazu.

„Nach dem verheerenden Erdbeben von 2010 wuchs mit der Ankunft zahlreicher Hilfsorganisationen bei den Menschen die Hoffnung auf Strom, Schulen und Wasseranschlüsse, vielleicht gar auf ein stabiles Haus“, erzählt der Leiter der nationalen Caritas, Père Hervé. Viele Menschen aus den entlegenen Regionen des bergigen Haiti migrierten damals in die Stadt. Viele blieben dort für immer.

Père Hervé, Direktor der Caritas Haiti, im Gepräch.

„Faktisch haben die meisten Menschen ihre Behausungen weitgehend selbst gebaut“, meint Père Gardy, der technische Direktor der Caritas aus Port-au-Prince. Bis heute sei der Bedarf der Menschen nach sicherem Wohnraum, Wasser und Nahrung zentral für die Krise im Land. Ein paar lange Hölzer oder Eisenstangen, verstaubte Plastikplanen, die mit zerschnittenen Plastikgegenständen geflickt, gestopft und verstärkt werden – diese provisorischen Behausungen sieht man rund um Port-au-Prince zuhauf.

Bei einer Arbeitslosigkeit von über 75 Prozent fällt es den Familien schwer, sich durchzuschlagen. Erst letztes Jahr sprach die Hilfsorganisation Care international von über 2,6 Millionen Menschen, die in Haiti auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, weil eine Ernährungskrise herrscht.

Wenn der Staat abwesend ist

Auf dem Land erweist sich die Lage für viele Menschen als aussichtsloses Warten auf den Staat. Immer wieder brechen Menschen auf, um sich in der Metropole Port-au-Prince durchzuschlagen. Bewaffnete Gangs kontrollieren zeitweise ganze Stadtteile, vor allem dort, wo der Staat wenig präsent ist: in den Armenvierteln. Kommt es zu Protesten gegen die gescheiterte Energiepolitik des Landes, ist die Gefahr groß, dass hier Bandenmitglieder auftauchen und sich ein Gefecht mit der Polizei liefern. Beide Seiten sind hoch bewaffnet. Es heißt, die Banden hätten die besseren Schusswaffen.

„Es gibt keine Studien darüber, wie die verbreitete Unsicherheit die Armut verstärkt“, beklagt Colette Lespinasse. Die Menschenrechtsexpertin hat die Organisation GARR gegründet, die eine Rechtsberatung für Migranten und Migrantinnen anbietet.

Colette Lespinasse arbeitet in Léogâne im Asile St. Vincent de Paul, das mit Hilfe von Caritas international wieder aufgebaut wurde. Zudem engagiert sich die Menschenrechtsexpertin für die Vertriebenen in Haiti und die Migranten und Migrantinnen, die abgeschoben wurden.

Aus der Dominikanischen Republik, mit der sich Haiti die Insel Hispaniola und eine 360 Kilometer lange Grenze teilt, sind in den letzten Jahren hunderte Haitianer und Haitianerinnen abgeschoben worden. Oft waren bereits ihre Eltern in das spanischsprachige Nachbarland migriert, denn dort gibt es Arbeit in der florierenden Landwirtschaft und im Tourismus. Abgeschoben, ohne Papiere und ohne soziale Kontakte in Haiti, gehören diese Menschen zu den verwundbarsten Personen überhaupt. „Es sind tausende“, sagt Frau Lespinasse. Die meisten sind staatenlos.

Heute ist Colette Lespinasse in der Verwaltung eines Heims für Senioren und Seniorinnen tätig, das nach dem Erdbeben mit Hilfe von Caritas international und der Aktion „Südbaden hilft” wieder aufgebaut wurde – doch dazu später mehr. Colette wird nicht müde, über die Situation der haitianischen Migranten und Migrantinnen zu berichten. Ohne das Geld, das die Menschen in der Diaspora jährlich an ihre Verwandten schicken, sähe alles noch viel schlimmer aus in Haiti, meint sie. Rund ein Viertel des Bruttoinlandsproduktes machen diese Rücküberweisungen aus (im Jahr 2017 waren es 29,3 Prozent), ein Vielfaches der heute getätigten internationalen Hilfe.

Ein Provisorium ohne Aussicht auf ein Ende

Schnell wird ersichtlich, dass der Wiederaufbau von Haiti auch zehn Jahre nach der Jahrhundertkatastrophe noch lange nicht abgeschlossen wurde. Sicher, es gibt einige Vorzeigeprojekte. Familien, die Häuser mit erdbebensichereren Standards beziehen konnten, sind bis heute darüber glücklich. Gemessen am tatsächlichen Bedarf der haitianischen Bevölkerung sind es aber nur wenige. Die Frage, wie und mit welchen Konzepten hier für die Menschen humanitäre Notlagen aufgefangen und künftig verhindert werden können, bewegt uns umso mehr.

Derzeit spricht die Internationale Organisation für Migration (IOM) von rund 39.000 Vertriebenen – die Mehrzahl infolge von Erdbeben, Hurrikans und Armut. Doch wie lange ist eine Person, die vertrieben wurde, eine Vertriebene oder ein Vertriebener? „Die wahre Zahl der Menschen, die seit dem Erdbeben kein stabiles Zuhause mehr gefunden haben, kennt niemand. Kinder, die auf sich gestellt sind, alte Menschen, die keine Familie mehr haben, Personen, die in der Stadt blieben und in provisorischen Behausungen leben“, meint Msgr. Pierre André Dumas, Bischof des Departement Nippes.

Kenner des Landes berichten, dass die Zusammenarbeit zahlreicher Hilfsorganisationen mit dem Staat vielerorts gescheitert sei – die Verantwortung hierfür tragen meist beide Seiten. Sicher ist: Eine enge Kooperation mit staatlichen Strukturen ist unverzichtbar, wenn Hilfe nachhaltig wirken soll.

Damit nicht nur ein paar hundert Modellhäuser entstehen, sondern viele weitere in lokaler Verantwortung. Damit nicht nur ein paar Menschen sauberes Wasser vom Hahn abfüllen können, sondern auch diejenigen, die in den wachsenden Armenvierteln leben. Damit Schulen zugänglich werden, denn ein Recht auf Bildung haben alle. Doch all das ist kaum geschehen. Die allermeisten Menschen haben sich selber geholfen, mit dem wenigen, was ihnen blieb. Was genau ist nun der richige Hilfsansatz, zehn Jahre nach dem Erdbeben und drei Jahre nach dem Wirbelsturm? Dieser Frage nachzugehen und mit den Projektpartnern offen darüber zu sprechen, ist Teil unserer Mission.

Und nun – zehn Jahre später?

Wo anfangen? Diese Frage haben sich alle hier tätigen Hilfsorganisationen bereits unmittelbar nach dem Erdbeben gestellt. Sie stellt sich jetzt aufs Neue. Inzwischen sind viele Organisationen nur noch mit Kleinstprojekten präsent, andere zogen es vor, sich aus Haiti gänzlich zurückzuziehen. Umso mehr sind die Menschen darauf angewiesen, dass staatliche Strukturen funktionieren. Doch das tun sie nicht. Nicht einmal die staatlichen Schulen. Rund Dreiviertel der Schülerinnen und Schüler besuchen eine private Schule, weil die staatlichen schlecht ausgestattet und überlastet sind.

Die wechselnden Regierungen sind seit Jahren mit politischen Querelen und mit sich selber beschäftigt, mit Schulden und Korruptionsgeschäften. Die humanitäre Not ist groß, ebenso der Bedarf an sozialer Entwicklung. Soziale Sicherungssysteme für die Bevölkerung wie eine Rente oder ein Zuschuss für Bedürftige sind nicht in Sicht, Infrastrukturprojekte wie Straßenbau, Elektrifizierung oder Krankenhäuser fehlen weiträumig. Es ist vor allem dem Nachbarland Kuba zu verdanken, dass es private Ärzte und Gesundheitsstationen gibt.

Kooperation als Schlüssel

Von Msgr. Dumas wollte ich wissen, woher er seinen Mut nimmt, trotz der wenig erfreulichen Erfahrung mit der Wiederaufbauhilfe in Haiti so vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken. „Die Menschen in Haiti haben einen ausgeprägten Sinn für gemeinschaftliches Handeln. Wer mit ihnen kooperiert, mit ihnen gemeinsam plant, mit ihnen auch durch die Krise geht, die das Land derzeit erlebt, wird die Kraft der Gemeinschaft miterleben dürfen.“ Aus seiner Sicht ist die Kooperation auf der Ebene der Kommunalverwaltung der Schlüssel zu einer nachhaltigen und effizienten Hilfe.

Monsignore Pierre André Dumas, Bischof des Departement Nippes, im Caritas Haus in Port-au-Prince. Er hat Visionen für Haiti und ist von der Kraft der Gemeinschaft tief überzeugt.

Mit diesen Erfahrungen aus Port-au-Prince werden die Projektbesuche umso spannender werden. Inzwischen haben wir sehr konkrete Fragen im Gepäck.

Lest hier meine weiteren Blogbeiträge aus Haiti:
Haiti: Teil 1 – die Bilder vor der Reise
Haiti: Teil 2 – wenn einem Land der Treibstoff ausgeht
Haiti: Teil 4 – Projektbesuch im Foyer St. Antoine

Hier erfahrt ihr mehr über die Projekte von Caritas international auf Haiti.

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