4 Jungen im Vorraum des Wohnheims

Haiti Teil 4: Projektbesuch im Foyer St. Antoine

Tausende Kinder leben in der haitianischen Metropole Port-au-Prince ganz auf sich gestellt. Tausende sind auf der Suche nach Essen und einem sicheren Schlafplatz. Zwischen bewaffneten Gangs, gesellschaftlicher Geringschätzung, der Unnachgiebigkeit der Hitze und der tropischen Regengüsse. Jeden Tag aufs Neue. Im Foyer St. Antoine finden 32 Jungen einen behüteten Raum. Ziel ist der Weg zurück in die Schule und in die eigene Familie. Doch das braucht Zeit.

Das schwere Tor des Foyer St. Antoine ist rostrot, die Mauern grau. Im Innenhof des Jungen-Wohnheims im gleichnamigen Stadtteil St. Antoine steht ein alter Mangobaum, er spendet ein wenig Schatten. Der Lärm des Straßenverkehrs wird durch das Eisentor verstärkt, im Nachbarhof brummt ein Generator. Der Empfang von Pater Valon ist herzlich.  Er bittet uns in sein Büro. Ein Schreibtisch mit ein paar Aktenordnern steht in einem fensterlosen Raum.

Seit einem guten Jahr leitet Pater Valon das Heim für Straßenkinder, das nicht weit vom Zentrum der Hauptstadt Port-au-Prince entfernt ist. Er kennt das Wohnheim schon seit 15 Jahren, seit er sein Praktikum als Priester hier absolviert hat.

Ohne Zwischendach heizt sich der Raum in der ersten Etage schnell auf, es ist stickig. Viel schlimmer aber: Das Blech ist rostig und löchrig, es hält den Regen kaum noch ab. Die regenreichen Ausläufer von Hurrikan Dorian haben erst letzte Nacht in den Schlafzimmern der Kinder Wasserpfützen hinterlassen.

Das Wohnheim für 32 Jungen bietet ein Obdach

Im Vorraum warten zwölf Jungen im Alter zwischen sechs und 14 Jahren. Kommende Woche ist Schulanfang, zwanzig Kinder sind daher heute nicht im Heim, sie werden in den kommenden Tagen erwartet. Geraldine Charles, zuständig für die Verwaltung, erklärt die Räumlichkeiten. Drei Schafzimmer, ein regensicherer Essraum, eine kleine Küche, in der gerade auf einem Holzkohleherd Reis mit Bohnen und etwas Spinat zubereitet werden. Dort gibt es fließendes Wasser – zumindest jetzt, in der Regenzeit. Zwei leere Gasflaschen stehen im Gang. Der Preis für Gas hat sich in den letzten Monaten vervierfacht – wegen der Energiekrise im Land. Das Essen wird daher auf Holzkohleherden zubereitet.

Den kargen Vorraum zu den Schlafzimmern schmückt ein einziger Metallschrank mit einem auffällig großen Schloss. Darin aufbewahrt werden die Schulhefte der Kinder.

Erst in dem Moment, in dem die Jungen zur Begrüßung ein Lied anstimmen und dazu im Takt mit den Füßen stampfen, löst sich die schwere Stimmung. Die Mehrzahl der Kinder lebte vorher, ganz auf sich gestellt, auf der Straße in den ärmsten Vierteln des ärmsten Landes der Karibik.

Straßenkinderprojekt Foyer Saint Antoine Port-Au-Prince, Haiti: In der Freizeit beschäftigen sich die Kinder kreativ: sie spielen Fußball, sie rappen, sie üben Turnkunststücke ein. Foto: Lena Mucha

Zwei von den Jungen, Michel Schneider und Jordani Ovide, hatten beschlossen, ihre Familie zu verlassen und in die Stadt zu ziehen, um ganz alleine eine Lösung für Ihre Armut zu suchen. Die jetzt Vierzehn- und Fünfzehnjährigen dachten dabei vor allem an ein Essen, das satt macht. Und an einen Gelegenheitsjob, vielleicht als Träger für die Entladung der LKWs auf einem der vielen Straßenmärkte in Port-au-Prince. Bevor sie im Foyer St. Antoine aufgenommen wurden, putzten sie Autos, sie bettelten und sammelten Müll.

Wie lange die beiden Jungen in den Straßen der gefährlichsten Stadtviertel des Landes gelebt hatten, wissen sie nicht so genau. Tagsüber auf der Suche nach Essen und in der Nacht auf der Suche nach einem sicheren Schlafplatz, verlieren Straßenkinder schon mal das Gefühl für die Zeit. Mehrmals hat Caritas Sozialarbeiterin Laviode Alexi die beiden auf der Straße angesprochen, ihnen von einem warmen Essen erzählt, einem Waschplatz, einer Schuluniform.

Straßensozialarbeit – der erste Schritt

Warum es nicht einfach ist, ein Kind von der Straße zu holen, wollen wir von Frau Alexi wissen. „Das hat mit den Gewohnheiten zu tun, die ein Kind erlernt, um auf der Straße zu überleben“, meint sie. „Sie bewegen sich zwischen eigensinniger Autonomie und elendiger Abhängigkeit.“ Laviode Alexi kennt die Viertel, in denen vor allem mit Diesel und Drogen gehandelt wird, aus langjähriger Erfahrung. Was sie motiviert, ihrer Arbeit auf der Straße trotz gelegentlicher Rückfälle der Kinder seit Jahren nachzugehen? „Der Moment, in dem ein Kind Kind sein kann“.

Ein Jahr lang erhalten die Kinder, die in St. Antoine unterkommen, eine professionelle Begleitung für die Reintegration in eine Schule und – wenn möglich – in ihre Familie. Nicht alle schaffen das in dieser kurzen Zeit.

Vertrauen als Basis für den Ausstieg aus dem Straßenleben

Auf einer der beiden Holzbänke im Vorraum haben die Kinder sich um Jude Dessources geschart, sie machen Faxen, sie lachen. Ein Jüngerer schmiegt sich an seine Schulter. Herr Dessources ist hier Nachtwächter, er arbeitet meist sieben Nächte in der Woche und teilt seine Zeit mit den Jungen, Nacht um Nacht. Denn in der Nacht werden die Kinder von ihren eigenen Träumen aus der Ruhe gebracht. Es kommt zu Streitereien.


Jude Dessources betreut die Jungen jede Nacht, sieben Nächte in der Woche. Den Nachmittag verbringen die Kinder so kreativ, wie es ohne Spielzeug möglich ist: mit Fußball, Rappen, Turnen und Geschichtenerzählen. Foto: Martina Backes

Jude Dessources strahlt eine Mischung aus Gutmütigkeit und Klarheit aus, die den Kindern einen sicheren Raum gewährt. Es darf gestritten werden, geweint und geschrien. Dessources hat immer ein offenes Ohr. In seiner Gegenwart können Frust, Wut und Enttäuschung aus der Kinderseele entweichen. Er wacht darüber, dass die Jungs sich keine Gewalt antun, nicht sich selber und nicht ihren Kumpanen.

Die Armut im Land macht die Kinder obdachlos

Straßenkinder sind in Haiti vor allem in den Vierteln mit viel Armut anzutreffen. Viele Kinder sind allein in die Stadt gezogen oder haben ihre Familienunterkunft verlassen. Bei einer Arbeitslosigkeit von über 75 Prozent fällt es vielen Familien schwer, für ihre Kinder zu sorgen. Auf dem Land erweist sich die Lage für viele Menschen als aussichtsloses Warten auf den Staat. Immer wieder brechen Kinder aus dieser von Armut geprägten Lage aus, um sich in der Großstadt durchzuschlagen.

Auf dem Lande ist das Leben keineswegs einfacher als in der Stadt. Viele Familien haben sich vom Wirbelstrum Matthew, der 2016 weite Teile des Südwestens verwüstete, noch nicht erholt. Auch wegen der wirtschaftlichen Krise im Land fällt es vielen Eltern nicht leicht, die Kinder angemessen zu versorgen. Foto: Lena Mucha

Gemeinschaft stärkt den Lebensmut

Gemessen an dem Leben auf der Straße ist die Gemeinschaft der Kinder in St. Antoine eine Insel des Vertrauens. Drei Sozialarbeiterinnen kümmern sich um die Hausaufgaben. Sie unterstützen die Kinder wo es geht. Viele Jungen kommen mit gesundheitlichen Problemen: ein ausgeschlagener Zahn, eine infizierte Wunde, ein eingerissener Nagel. Viel schwerwiegender noch sind die seelischen Verletzungen, die hier alle erlitten haben. Denn das Leben auf der Straße ist geprägt von Gewalt.

Die Körpersprache des Jungen verrät, dass er Wünsche und Träume hat, die sich gerade schwer realisieren lassen. Er hofft auf einen Anruf eines Fußballclubs, der ihm einen lukrativen Vertrag anbietet. Hier im Jungenwohnheim St. Antoine kann er vom Leben auf der Straße entspannen – in einem behüteten Raum. Foto: Martina Backes

Nicht alle Eltern haben ihre Jungen im Heim besucht. Doch alle, die von der Heimleitung ausgemacht wurden wissen, welches außergewöhnliche Glück ihr Sohn hat, angesichts der vielen tausend Straßenkinder in der Stadt.

Die Jugendsozialarbeit ruht auf drei Säulen

Die Betreuer und Betreuerinnen im Heim unterscheiden zwischen kurzfristigen und langfristigen Zielen ihrer Jugendsozialarbeit. Jedes Kind hat das Recht auf einen sicheren Schlafplatz, auf Bildung, auf eine gesunde Mahlzeit, auf Schutz vor Gewalt. Hier im Foyer St. Antoine können die Jungen, die in der Nachbarschaft des Viertels die staatliche Schule der Presbyterianer besuchen, diese Rechte genießen.

Laviode Alexi ist in der Regel auf der Straße anzutreffen. Dort klärt sie Kinder über Geschlechtskrankheiten auf, über die Gefahren von Drogen und über Hygiene und Gesundheit. Sie gibt Tipps, zeigt Verständnis und ist den Kindern auch dann zugewandt, wenn sie aggressiv werden. Und sie nimmt jedes Kind ernst, denn nur so können die Kinder sich selber als Individuen anerkennen. Wertschätzung ist der Schlüssel zum Ausstieg aus einem Leben, das von Ablehnung und Geringschätzung seitens der Gesellschaft geprägt ist.

In einer knappen Woche sind die Ferien vorbei, die Schulen in Haiti öffnen wieder, ein wichtiges Datum im haitianischen Alltag. Zuvor müssen die Kinder eingeschrieben werden. Die Schuluniformen sind verpflichtend und kosten zusätzlich Geld. Pater Hevré, der Leiter der Nationalen Caritas in Haiti, sagt: „Mit dem Schulbeginn wird sich zeigen, wie es um den sozialen Frieden im Land steht. Denn viele Eltern haben aufgrund der ökonomischen Krise kein Geld, um die Schulgebühren oder den Transport zur Schule zu bezahlen.“

Notstand in Haitis Schulen

Das betrifft die Jungen von St. Antoine nicht, denn die Caritas kommt für die Schulgebühren auf, für die Schuluniform und eine warme Mahlzeit am Tag. Dennoch: Haiti durchlebt eine Krise, die an den Kindern nicht vorübergeht. Das Lehrpersonal der öffentlichen Schulen wartet oft wochenlang auf die Auszahlung des Gehalts. Einige gehen dann in der Not anderen Jobs nach, für den Unterhalt der eigenen Familie. Die staatlichen Subventionen für die Schulmaterialien entfallen dieses Jahr weitgehend, während die Lebenshaltungskosten steigen, denn mit der Benzinkrise im Land werden auch Speiseöl, Reis und Bohnen teuer. Für ein regensicheres Dach reicht das knappe Budget des kleinen Heims in der haitianischen Metropole derzeit nicht.

Elternarbeit ist der Schlüssel für die kindliche Zukunft

Bisher konnten die aufgenommenen Kinder ein Jahr lang die Geborgenheit im Kinderheim genießen. Die älteren Jungen machen ein Praktikum bei einem Schreiner, einem Schlosser oder in einer Werkstatt, um anschließend eine berufliche Perspektive entwickeln zu können. Oder auch, um neben der Schule ein wenig Geld selber verdienen zu können. Das erhöht die Chance auf eine Rückkehr in ihre Familien.

Erzieherinnen Laviode Alexi und Dieulitante Kenat, Foyer Saint Antoine, Port-Au-Prince, Haiti. Sie betreuen die Kinder in allen Lebenslagen. Die Elternarbeit ist ebenso Schlüssel für eine Reintegration in die Schule.

Zeitintensiv ist die Arbeit mit den Eltern. Das langfristige Ziel – die Rückkehr und Reintegration der Kinder in ihre Familien – braucht oft mehr Zeit als ein Jahr. Hat ein Junge seine Straßengang verlassen und den Anschluss an eine Schule gefunden, ein Handwerk ausgeübt und gelernt, seine Bedürfnisse gewaltfrei mitzuteilen, stehen die Chancen gut. Um gemeinsam mit den Kindern auf diese Perspektive hinzuarbeiten, möchte Caritas international den Aufenthalt der Jungen im Foyer St. Antoine auf drei Jahre ausdehnen. „Das ist für uns keine leichte Entscheidung“, so Pater Valon, „denn die vielen Kinder, die Frau Alexi derzeit nur auf der Straße betreut, haben alle das Recht auf ein würdiges Leben.“

Martina Backes, Port-au-Prince, 4. September 2019

Derzeit unterstützt Caritas international das Foyer St. Antoine insbesondere bei der Finanzierung der Personalkosten für die Erzieherinnen sowie in der Betreuung und psychosozialen Begleitung der Kinder. Finanziert werden zudem die täglichen warmen Mahlzeiten sowie Hygienemittel und Materialien zum Ausbessern des Wohnhauses.

Das Wohnheim St. Antoine ist der Kern des dreigliedrigen Konzeptes. Hinzu kommen Straßentreffpunkte, an denen die von Caritas international finanzierten Sozialarbeiter und Pädagogen regelmäßig vorbeischauen, sowie Handwerksbetriebe, in denen die Kinder eine berufliche Orientierung erproben und ein Praktikum absolvieren. Das Heim soll schrittweise in die Struktur der diözesanen Caritas von Port-au-Prince eingegliedert werden, um die Kindersozialarbeit im Stadtteil stärker zu verankern.

Lest hier meine weiteren Blogbeiträge aus Haiti:
Haiti: Teil 1 – die Bilder vor der Reise
Haiti: Teil 2 – wenn einem Land der Treibstoff ausgeht
Haiti: Teil 3 – Die Zeugnisse des Erdbebens

Hier erfahrt ihr mehr über Perspektiven für obdachlose Straßenkinder in Haiti.

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