Menschen in einem Gruppentreffen

Haiti Teil 5: Katastrophenvorsorge – „Kooperatives Handeln und eingeübte Abläufe können Leben retten!“

Es war im Oktober vor drei Jahren. Ein Hurrikan der Kategorie 5 traf mit Windgeschwindigkeiten von über 200 Stundenkilometern in Haiti auf die Südküste. Die Menschen in dem Karibikstaat waren auf einen so heftigen Wirbelsturm nicht vorbereitet. Um gegen Katastrophen dieser Art künftig besser gewappnet zu sein, wird Katastrophenvorsorge seitdem groß geschrieben. Die Bevölkerung wird zum Beispiel in Schutzkomitees selber aktiv. Wir durften ihre Arbeit kennenlernen.

Nach einer mehrstündigen Fahrt, erst über die geteertte Küstenstraße, dann über holprige Pisten, erreichen wir den Ort Baradères, im Südwesten Haitis in einem Talkessel gelegen. Umgeben von Bergen, die steil und schroff abfallen, hat der Talboden mit seinen Reisfeldern, Palmen und Bananen etwas Liebliches – vor allem jetzt, zur Regenzeit. Am Dorfeingang liegt das Schutzgebäude der einheimischen Caritas an einem Hang. Die Farbe ist noch frisch, das Solarpanel gerade erst in Betrieb. Am anderen Ende des Ortes treffen wir das zwölfköpfige Caritas-Team, das die Menschen auf kommende Katastrophen vorbereitet.

Kurz vor Baradéres öffnet sich ein weiter Talkessel. Hier werden Reis, Bananen und Yams angebaut. Aus den umliegenden Bergen läuft hier in der Regenzeit das Wasser zusammen.

Die umliegenden Dörfer von Baradères aus zu erreichen, dauert. Einige Orte sind nur zu Fuß erreichbar. Wer hier lebt weiß, wie schwierig es bei einem Notfall ist, Hilfe zu erhalten.

„Es wurde ganz plötzlich dunkel. Mitten am Tag. Es war wie die Hölle auf Erden,“ erinnert sich Lucien Delcame. „Das Wasser kam in Strömen, vom Himmel, von den Bergen.“ Frau Delcame konnte sich und ihre fünf Kinder vor den Fluten und dem Sturm retten. Nicht alle im Dorf Fond-Tortue, rund eine Fahrtstunde von Baradères entfernt, hatten so viel Glück wie sie.

Portrait einer Frau
Lucien Delcame in dem Dorf Fond-Tortue: Das entlegene Dorf ist schlecht angebunden. Genau das wurde nach dem Wirbelsturm Matthew vielen zum Verhängnis, weil die Hilfskrägte das Dorf tagelang nicht erreichen konnten.

Hurrikan Matthew, der 2016 über den südlichen Teil des Karibikstaates fegte, hatte ihr Dorf binnen weniger Minuten verwüstet, die Häuser, die Felder, das Dach der Kirche. „Meine Nachbarn haben ihre gesamte Ernte verlohen und ihr Vieh! Und die alten Menschen kamen nicht rechtzeitig an einen sicheren Platz, es war grausam, einige starben.“ Der Starkregen stürzte von den umliegenden Bergen in den Talkessel. Sturzfluten, Äste, Schlammmassen und Geröll rissen Getreidespeicher und Häuser mit sich.

„Neun von zehn Häusern waren nicht mehr bewohnbar“

„Neun von zehn Häusern waren nicht mehr bewohnbar. Wir standen da, völlig mittellos und wussten nicht mehr ein noch aus.“ Vielen Nachbarn erging es in dem haitianischen Bergdorf ähnlich wie Frau Delcame. Und auch in Baradères stand alles unter Wasser. Auf das aus Zement gegossene Flachdach des Pfarrers retteten sich Menschen, Schweine, Hühner.  Das Wasser stieg bis an die Decken der ersten Etage der zweistöckigen Häuser – nicht alle Gebäude hielten der Wucht stand.

Blick auf zerstörtes Haus, nur die Türe steht noch
Der Wirbelsturm Matthew (2016) hatte zahlreiche Häuser mitgerissen. Die Menschen, die hier gelebt haben, mussten ganz von vorne anfangen.

Zerstört wurden in Haiti in der Schneise des Wirbelsturms rund 29.000 Häuser. 1,4 Millionen Menschen benötigten Hilfe. „Wir wussten nicht, woher wir Trinkwasser nehmen sollten,“ so Frau Delcame, die nun in einem Projekt der Katastrophenvorsorge aktiv mitarbeitet.

„Die Folgeschäden eines Hurrikans sind oft so tödlich wie der Wirbelsturm selbst,“ erläutert Joana Lajoie. Sie leitet als Agraringenieurin Projekte der Katastrophenvorsorge der einheimischen Caritas im Bezirk Nippes. „Tödliche Gefahren, die von einem Wirbelsturm ausgehen, stellen sich oft erst unmittelbar nach seinem Durchzug ein. Zum Beispiel Erdrutsche. Wenn Verbindungsstraßen unter Schlammlawinen begraben werden und Brücken nicht mehr passierbar sind, können ganze Regionen von der Versorgung abgeschnitten werden.“

Joana Lajoie leitet das Programm der Katastrophenvorsorge der einheimischen Caritas im Bezirk Nippes

Die Abgeschiedenheit birgt hohe Risiken

Mit der Isolation drohen weitere Gefahren. Das war auch im Dorf Fond-Tortue im Bezirk Nippes der Fall. Nahrungsmittel wurden knapp, das Kommunikationssystem brach zusammen. Kein Notruf, keine Verbindung zur Außenwelt.

„Vor allem sauberes Trinkwasser wird knapp, etwa, wenn Sedimente die Wasserreservoire verschmutzen oder verstopfen und die Abwassersysteme überlaufen,“ erläutert Frau Lajoie. „Damit steigt die Gefahr, dass sich Epidemien ausbreiten, Typhus etwa und Cholera.“ Auch das mussten die Menschen in Baradères erleben. Verletzte, die nicht medizinisch versorgt werden konnten. An Cholera erkrankte Menschen, die nicht behandelt werden konnten.

Mit dem Bau von Steinwällen schützt sich nun die Gemeinde vor künftigem Starkregen. Eine Person, die von der Caritas ausgebildet wurde, mobilisiert die Nachbarn an festgelegten Tagen, mit Hand und Hacke gegen eine Entlohnung mitzuhelfen. Auch Frau Delcame half zehn Tage mit, so lange dauerte die erste Bauphase. Seither brechen 20 einfache aber effektive Steinwälle die Laufkraft des Wassers zum Schutze der Häuser im Tal.

drei Männer bei einer Unterhaltung in einer Schlucht
Die schroff abfallenden Schluchten werden mit Steinwällen befestigt. Ein Caritas Mitarbeiter (links) erläutert die Bauweise, die Freiwilligen (rechts) diskutieren mit ihm die Umsetzung gemeinsam mit einer Gruppe von 15 Dorfbewohnern.

Zudem ist die Bauaktion ein soziales Event und als solches Teil der Katastrophenvorsorge. Die Dorfbewohner tauschen während der Arbeit ihre Erfahrungen aus:  darüber, wie sie im Notfall das Vieh retten können, wie sie Saatgut sicher und trocken aufbewahren können, wie man die alten oder kranken Nachbarn am schnellsten ins Schutzgebäude bringen kann. Die Gespräche drehen sich um den spürbaren Klimawandel, um sicherere Bauweisen für Wohnhäuser, um private Vorsorge und um Erosionsschutz.

Ein starkes Gemeinwesen fördert Sicherheit und minimiert Risiken

Im Dorf hat sich, unterstützt von der einheimischen Caritas, ein Katastrophenschutz-Komitee gegründet. Es stärkt die Nachbarschaftshilfe, erarbeitet Notfallpläne und kooperiert mit dem staatlichen Zivilschutz. „Radioprogramme, die Ausstattung mit Funksendern und regelmäßige Workshops für alle Menschen in der Gemeinde sind weitere Elemente unserer Katastrophenvorsorge“, erläutert die Nothilfe-Koordinatorin das vielseitige Engagement der Caritas. Denn ein starkes Gemeinwesen fördert die Sicherheit und minimiert Risiken, die mit einer Katastrophe einhergehen.

Gruppe von Menschen bei einer Versammlung in einem Schutzgebäude
Regelmäßig trifft sich das Katastrophenschutz-Komitee in diesem Schutzgebäude in Baradères.

Für Menschen, die in der höchsten Gefahrenzone leben, konnte die Caritas im Bezirk Nippes drei Schutzgebäude errichtet, nach den Standards einer erdbebensichereren Bauweise. Doch was es bedeutet, 200 Menschen gleichzeitig zu versorgen, sollte man nicht nur theoretisch planen. Das will geübt sein. Das Training für den Notfall ist so wichtig wie der Kauf von Hygieneartikeln, Matratzen und Notfallmedikamenten.

Das Erdbeben von 2010 hat zudem Spuren bei den Menschen hinterlassen: Panikattacken und Traumata wirken oft lähmend, wenn eine Frühwarnung ausgesprochen wird. Sie erschweren es den Betroffenen, sich in Sicherheit zu bringen und umsichtig zu handeln. Doch genau das lässt sich einüben, mit geschultem Personal.

Nun möchten weitere Caritas-Diözesen in Haiti an dem Programm zur Vorsorge gegen Katastrophen teilnehmen, zum Beispiel in Port-de-Paix im Norden des Landes. Hier hat ein Erdbeben vor genau einem Jahr großen Schaden angerichtet.

Das Fachpersonal, die Ausstattung der Schutzgebäude mit Matratzen, Decken, Stühlen und Hygieneartikeln sowie die Lebensmittelvorräte für den Notfall, all das kostet Geld. Katastrophen lassen sich nicht aus der Welt schaffen. Aber je besser die Menschen auf die Gefahren vorbereitet sind, desto besser können sie sich schützen.

Baradères – in der Talsole ist der Boden fruchtbar. Doch wenn der Regen ausbleibt, sind die Ernten knapp.

Das Leid mit dem Klima

Der Klimawandel erhöht in der Karibik das Risiko von Hurrikans mit großer Wahrscheinlichkeit. Derzeit beklagen die Menschen in Baradères, dass der Mais auf den Feldern vertrocknet ist, bevor er reifen konnte. Und das schon das zweite Jahr in Folge. Die Ernährungslage ist angespannt. Der Karibikstaat stand bereits letztes Jahr auf Platz 113 (von 119) auf dem Welthungerindex. Daher ist die Katastrophenvorsorge der Caritas mit Elementen verknüpft, die die Ernährungslage der Bevölkerung verbessern kann. In organisierten Solidargemeinschaften unterstützen sich die Menschen gegenseitig.

Solidarität unter Armen: Kann das funktionieren?

Ja, kann es, meint Jean Renel Baptiste, der für die Projekte der Caritas Nippes zuständig ist.  Die Frage, ist, welche Bedingungen es ihnen erleichtern, solidarisch zu handeln und gemeinsam stark zu werden. Ein Cash-for-Work Programm bindet Haushalte, die von dem Wirbelsturm stark betroffen waren und Hab und Gut verloren hatten, in die Instandhaltung ein. Gemeinschaftlich reparieren die Menschen Böschungen, Erosionsschluchten und Wege. Auf diese Weise hilft die Bevölkerung beim Katastrophenschutz aktiv mit und kann zugleich einen Lohn erwirtschaften. Gekauft werden damit Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs. Außerdem führt die Caritas Nippes Workshops zu Ackerbau, Viehzucht und Erosionsschutz durch.

Solidargemeinschaft und Spargruppe in Rivières Salée beim monatlichen Treffen in der Kirche – hier wird entschieden, wer als nächsten einen Kleinkredit bei der Gruppe erhalten kann.

Einige Familien fangen an, in Solidargruppen gemeinsam ihre Ackerflächen zu bearbeiten und experimentieren mit schnell wachsenden Gemüsearten. Und die Mitglieder der dörflichen Spargruppen vergeben sich gegenseitig günstige Kredite, zum Beispiel für landwirtschaftliche Geräte. Die Funktionsweise von Solidarkassen hat großen Anklang gefunden. Sicher, es braucht Geduld, bis jedes Mitglied der Spargruppe an der Reihe ist.

Micheline Norius erzählt uns, sie kaufe jetzt Obst und Gemüse bei den Nachbarn ein, in großen Mengen. Sie hat einen Saftladen im Dorf Rivière Salée eröffnet, mit dem sie nun ein zusätzliches Einkommen erwirtschaften kann. Ohne den Kredit aus ihrer Spargruppe, die sich monatlich in der Dorfkirche trifft, wäre das nicht möglich gewesen. Mit ihren sechs Kindern konnte Frau Norius ihr Dorf nach dem Sturm nicht  verlassen. Viele taten das,  weil sie keine Perspektive mehr sahen. Dabei birgt der Wegzug erneute Risiken. Frau Norius bereut es heute keineswegs, dass sie mit ihren Kindern geblieben ist.

Micheline Norius in ihrem Hof mit zwei von sechs Kindern und einer Nachbarin.

Erfahrt mehr über das Projekt auf unserer Homepage

Lest hier meine weiteren Blogbeiträge aus Haiti:
Haiti: Teil 1 – die Bilder vor der Reise
Haiti: Teil 2 – wenn einem Land der Treibstoff ausgeht
Haiti: Teil 3 – Die Zeugnisse des Erdbebens
Haiti Teil 4: Projektbesuch im Foyer St. Antoine – Wohnheim für Straßenkinder

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