Die 13-jährige Shukrona hat schnell gelernt die Herausforderungen als blindes Mädchen zu bewältigen.

Das Allround-Talent aus Tadschikistan

Die Hürden, ein normales Leben zu führen, sind für Menschen mit Behinderung in Tadschikistan besonders hoch. Die staatliche Unterstützung ist schwach, das gesellschaftliche Ansehen dieser vulnerablen Bevölkerungsgruppe ist von Vorurteilen geprägt. Aus diesem Grund hat sich Caritas international in Tadschikistan auf Inklusionsprojekte spezialisiert. Im Rahmen eines Praktikums bekomme ich die Gelegenheit, ihre Arbeit kennenzulernen.

Es sind bereits über 30 Grad als ich aus dem Flugzeug in Duschanbe steige. Duschanbe? So heißt die Hauptstadt von Tadschikistan. Tadschikistan? So heißt ein kleines Land in Zentralasien, nördlich von Afghanistan. Die Landschaft ist hauptsächlich von Bergen zwischen 3.500-7.000 Metern Höhe geprägt. Fast neun Millionen Menschen leben hier, davon ca. 800.000 in der Hauptstadt. Drei Monate werde ich hier ein Praktikum im Regionalbüro von Caritas international absolvieren. Ich lerne hier alle Projekte des Hilfswerkes kennen. Meine Hauptaufgabe besteht darin, die Caritas und ihre Partnerorganisationen in der Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen.

Die Landschaft Tadschikistans ist hauptsächlich durch Gebirge geprägt. Darüber ist das Land berühmt für seine hohe Anzahl an Flüssen, die sich durch die Gebirge schlängeln.
Die Landschaft Tadschikistans ist hauptsächlich durch Gebirge geprägt. Darüber ist das Land berühmt für seine hohe Anzahl an Flüssen, die sich durch die Berge schlängeln.

Für und mit Menschen mit Behinderung

In Tadschikistan hat sich Caritas international darauf spezialisiert, Menschen mit Behinderung und deren Familien zur Seite zu stehen. Denn Menschen mit körperlichem oder geistigem Handicap werden hier meist stigmatisiert. Aus Scham verstecken viele Eltern ihre beeinträchtigten Kinder. Obwohl der Familienzusammenhalt in Tadschikistan großgeschrieben wird, verlassen etwa 90 Prozent der Väter ihre Familien, wenn die Frau ein Kind mit Behinderung auf die Welt bringt. Das Hauptanliegen von Caritas international besteht darin, Menschen mit Behinderung und ihre Familien zu besuchen um sie über ihre Möglichkeiten aufzuklären. Im nächsten Schritt soll das Potential der Betroffenen individuell und nachhaltig entfaltet werden.

Shukrona, das Allround-Talent aus Ayni

Die 13-jährige Shukrona hat schnell gelernt die Herausforderungen als blindes Mädchen zu bewältigen.
Die 13-jährige Shukrona hat schnell gelernt die Herausforderungen als blindes Mädchen zu bewältigen.

Wie viel Potential in Kindern mit Behinderung steckt, zeigt mir die dreizehnjährige Shukrona. Ich besuchte sie und ihre Familie während meiner ersten Arbeitswoche in der Region Ayni im Nordwesten von Tadschikistans. Das Mädchen ist von Geburt an blind. Erst vor zwei Jahren lernte sie, während eines von der Caritas organisierten Sommercamps, selbstständig mit ihrem Handicap umzugehen und mit ihren Händen zu „sehen“. Seitdem sei sie ein anderer Mensch, erzählt sie mir.

Lesen und schreiben als blindes Mädchen? Kein Problem!

Mich beeindrucken die Selbstsicherheit und Eleganz, mit der sie durch das Haus geht. Doch nicht nur das. Sie zeigt mir ihre Sammlung an Armbändern, die sie selbst angefertigt hat. Auf einem steht ihr Name in großer Blindenschrift. Mit großem Stolz trägt sie es um ihr linkes Handgelenk. Ein neu gemachtes Armband schenkt sie mir. Dann führt mich Shukrona in ein kleines Haus, etwa hundert Meter entfernt, wo Teppiche angefertigt werden. Auch dieses Handwerk beherrscht sie mit Leichtigkeit. Mit stoischer Gelassenheit und fließenden Bewegungen präsentiert sie mir ihre Arbeit.

Danach geht es zurück ins Haus, denn Shukrona ist für eine Lese- und Schreibstunde mit ihrem Vater verabredet. Schreiben und lesen als blindes Mädchen? Kein Problem, wie mir die beiden schnell zeigen:

Mit von der Caritas zur Verfügung gestellten Werkzeugen schreibt sie in wenigen Minuten alle Zahlen bis hundert auf. Für mich eine gute Gelegenheit die Zahlen auf Tadschikisch zu wiederholen. Sonst sei ihre Mutter die primäre Lehrerin in ihrem Leben, erklärt mir Shukrona. Sie lernte in mehreren Schulungen auf die Bedürfnisse und die Herausforderungen ihrer Tochter als blindes Mädchen einzugehen. Für das Lesen und Schreiben sei allerdings ihr Vater zuständig, erzählt mir dir junge Tadschikin weiter. Auch er nahm an einem Caritas-Workshop teil. In drei intensiven Tagen lernte er die Blindenschrift kennen. Er wolle seine Tochter selbst unterrichten und ihr zur Seite stehen, wenn sie Fragen hat. In Ayni gebe es sonst niemanden der die Blindenschrift kenne, berichtet mir der Vater. Am Anfang sei es ihm schwergefallen, die Schrift zu verstehen, doch schon nach dem zweiten Tag habe er große Fortschritte gemacht und eine regelrechte Begeisterung entwickelt. Es mache großen Spaß mit ihrem Vater zu lernen, da er sehr motiviert sei, erzählt mir Shukrona. Manchmal sei das aber auch ein Problem, weil er so oft mit ihr üben wolle, dass ihre Leidenschaft, klassische Musik zu hören, gelegentlich zu kurz komme.

Mädchen in Tadschikistan
Mit geübten Fingern fertig Shukrona regelmäßig hochwertige Teppiche an

Das nutzen, was vor Ort zur Verfügung steht

Durch den Besuch in Ayni wurde mir der Ansatz von Caritas international in Tadschikistan sofort klar. Kinder mit Behinderung können nur erfolgreich in eine Gesellschaft integriert werden, wenn ihr Umfeld in das Projekt einbezogen wird. Es ist nicht das Ziel, Menschen mit einem Handicap in eine spezielle Einrichtung zu geben, wo sie zwar speziell gefördert werden, aber isoliert von der Gesellschaft leben. Vielmehr sollen die Ressourcen genutzt werden, die vor Ort zur Verfügung stehen.

„Die Eltern kennen ihre Kinder am besten und verbringen die meiste Zeit mit ihnen“, erklärt mir Parvina Tadjibaeva, die Leiterin des Regionalbüros. Mit wenigen Workshops und Trainings gelingt es, die Eltern und die Gemeinde für die Bedürfnisse der Kinder zu sensibilisieren und sie für die Herausforderungen, die Menschen mit Behinderung bewältigen müssen, zu schulen. So können sich Kinder wie Shrukrona optimal entwickeln und ihre Träume verfolgen. Für mich ein interessanter Ansatz, der auch in Deutschland mehr Beachtung verdient hätte.

In meinem nächsten Blogbeitrag könnt ihr mehr über meine Erlebnisse bei Caritas international in Tadschikistan erfahren.

Erfahrt mehr über das Projekt auf unserer Homepage.

Print Friendly, PDF & Email

Ein Gedanke zu „Das Allround-Talent aus Tadschikistan“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.