Zum Schluss musste ich meine tadschikischen Sprachkenntnisse unter Beweis stellen. Leider noch mit ein Unterstützung Jumas.

„Die Grenzen des Vorstellbaren“

Obwohl laut der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung eine Schulpflicht vorgeschrieben ist, bleibt den meisten Kindern mit Behinderung die Tür zum Klassenzimmer verschlossen. Während meines Praktikums lernte ich, wie Caritas international Lehrerinnen und Lehrer für das Thema Inklusion sensibilisiert und dafür sorgt, Berührungsängste abzubauen.

Während meines Aufenthaltes in Tadschikistan begegnen mir viele eindrucksvolle Menschen. Einer davon ist Juma (26).

Juma wurde während des Bürgerkrieges 1992 in der Hauptstadt Tadschikistans geboren. Seit seinem ersten Lebensjahr kann er seine Beine nicht bewegen. Der Rollstuhl begleitet ihn daher bereits sein ganzes Leben. Nachdem sein Vater im Krieg ums Leben kam, floh seine Familie in ein kleines Dorf in den Norden des Landes. Durch die schwache Infrastruktur auf dem Land, war für Juma ein Leben außerhalb der Hauptstadt nicht möglich. Seine Familie entschied, ihn in ein Waisenhaus zu geben, wo er ohne jegliche familiäre Fürsorge aufwuchs.

„Ich musste schon als kleines Kind erwachsen sein und mit vielen Rückschlägen umgehen können“, erzählt mir Juma nüchtern. Die größte Herausforderung war es, eine Schule zu finden, die ihn aufnahm. „Ich bewarb mich an fünf Schulen. Die erste, in der Nähe des Waisenhauses, lehnte mich ohne Begründung ab. Die zweite Schule nahm mich für eine Woche auf. Dann nahmen sie mich in der vierten Stunde aus dem Unterricht und sagten mir, sie können mich nicht mehr unterrichten. – Warum? – Fragte ich. Weil unsere Schule nicht für Menschen wie dich gebaut ist, antwortete der Schuldirektor.“

Juma (26) im Gespräch mit Parvina Tadjibaeva, Leiterin des Länderbüros von Ci in Tadschikistan. Seit mehreren Jahren begleitet sie ihn auf seinem steinigen Weg.

Die anderen drei Schulen handelten ähnlich. Erst mit 11 Jahren fand er endlich eine Schule, in der er lernen durfte. „Mit 11 Jahren lernte ich das Alphabet, während meine Mitschüler schon ganze Bücher lasen. Dabei waren sie viel jünger. Sie lachten über mich.“ Doch froh darüber, dass er endlich eine Schule gefunden hatte, die ihn nicht nach einer Woche rausschmiss, lernte er mit unendlichem Ehrgeiz. „Nach 7 Monaten konnte ich lesen und schreiben, nach 2 Jahren hatte ich den gleichen Wissensstand meiner Mitschüler,“ erinnert sich Juma als sei es gestern gewesen. Er schloss die Schule mit Bestnoten ab. Ein anschließendes Stipendium ermöglichte es ihm, zu studieren. Auch seinen Bachelor schloss er erfolgreich ab. Es folgte ein Masterstudium in Vietnam. „In Duschanbe, der Hauptstadt, war ich wohl der erste und einzige Student im Rollstuhl. In Vietnam ebenso.“ Heute ist er ein selbstbewusster Mann mit vielen sozialen Kontakten. Doch Juma berichtet auch von sozialer Ausgrenzung und von vielen Momenten der Einsamkeit in der Vergangenheit. Hilfe erhielt er jedoch unter anderem von Caritas international, die im psychologisch zur Seite standen und nach wie vor stehen.

Dies ist nur eine verkürzte Darstellung seines Lebens. Doch keine noch so detaillierte Darstellung ermöglicht es mir, mir vorzustellen, welche Kraft dieser Mann in seinem Leben aufbringen musste. Seinen Kampfgeist, den er schon als Kind bewies, übersteigen meine Grenzen des Vorstellbaren.

Heute begleite ich Juma in die Region Rasht im Norden Tadschikistans. Dort hat Caritas international eine Informationsveranstaltung zum Thema Inklusion an einer Schule ins Leben gerufen. Sein Ziel, Schülerinnen und Schüler, aber auch Lehrerinnen und Lehrer für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung zu sensibilisieren.

Die Schüler sitzen bereits still in ihren traditionellen Uniformen, als wir erscheinen. Disziplin wird in tadschikischen Schulen großgeschrieben. Blitzartig stehen alle auf, als wir den großen Saal betreten und unsere Plätze einnehmen. Es folgen Begrüßungsreden einiger Lehrerinnen und Lehrer.

Kinder mit Behinderung in Tadschikistan
In traditioneller Schulkleidung nahmen die Schülerinnen und Schüler aus Rasht an der Informationsveranstaltung teil.

Dann ist Juma an der Reihe. Offen und ohne Traurigkeit erzählt er über die Herausforderungen, die er im Rollstuhl bewältigen musste. Es scheint, als hören sie zum ersten Mal einen Menschen im Rollstuhl zu. Mit teils offenen Münden lauschen sie seinen Worten. Unwillkürlich muss ich daran denken, wie wohl Schüler in Deutschland auf die Erzählungen von Menschen mit Behinderung reagieren würden. Wohl genauso, lautet mein Ergebnis und ich wünschte mir, ich hätte in meiner Schulzeit eine ähnliche Veranstaltung gehabt.

Ausführlich schildert Juma den etwa 300 Schülerinnen  die Herausforderungen, die er im Rollstuhl bewältigen musste.
Die Schülerinnen und Schüler scheuten sich nicht, Juma mit Fragen zu löchern Die Schülerinnen und Schüler scheuten sich nicht, Juma mit Fragen zu löchern
Die Schülerinnen und Schüler scheuten sich nicht, Juma mit Fragen zu löchern

Der Vortrag von Juma dauert länger als gedacht, da die Kinder immer wieder neugierige Fragen stellen. Eigentlich ein ungewöhnlicher Vorgang in tadschikischen Schulen, wo der Unterricht stark durchstrukturiert ist. Im Anschluss folgt ein interaktiver Teil, in der die Schüler spielend lernen, wie man Alltagssituationen als Mensch mit Behinderung meistert. Die Aufgaben reichen von Essen ohne Hände bis hin zu Kochen oder Haare frisieren ohne zu Sehen.

Kochen ohne zu sehen? Mit der richtigen Technik kein Problem.
Kochen ohne zu sehen? Mit der richtigen Technik kein Problem.

Auch ich lerne heute zwei Dinge: Zum einen, wie wichtig es ist, dass durch Menschen wie Juma Kinder und Jugendliche auf die Bedingungen ihrer Altersgenossen mit Behinderung aufmerksam gemacht werden. Zum anderen, wie komplex die Inklusionsarbeit von Caritas international in Tadschikistan ist. Die konkrete Hilfe für Kinder mit Behinderung und ihren Angehörigen (siehe Shukrona Blogbeitrag 1) ist nur eine von vielen Komponenten. Die zentrale Arbeit besteht darin, eine ganze Gesellschaft auf die Situation von Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen. Berührungsängste und Vorurteile abzubauen ist essenziell, um Menschen mit geistiger und/oder körperlicher Behinderung in eine Gesellschaft zu integrieren.

Zum Schluss musste ich meine tadschikischen Sprachkenntnisse unter Beweis stellen. Leider noch mit ein Unterstützung Jumas.
Zum Schluss musste ich meine tadschikischen Sprachkenntnisse unter Beweis stellen. Leider noch mit ein wenig Unterstützung Jumas.

Wie vielfältig Caritas international in Tadschikistan arbeitet, konnte ich in weiteren Projektbesuchen feststellen. Davon werde ich in einem weiteren Beitrag berichten.

Erfahrt mehr über das Projekt auf unserer Homepage.

Lest hier meinen weiteren Blogbeitrag aus Tadschikistan :
DAS ALLROUND-TALENT AUS TADSCHIKISTAN

Autor: Johannes Ludwig studiert Politikwissenschaft (Master) und hat bereits in der Öffentlichkeitsarbeit von Caritas international in Freiburg gearbeitet. Aktuell unterstützt er die internationale Caritas-Arbeit in Tadschikistan. Hier berichtet er über seine Eindrücke.

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