Erzählt, was in jeder Nacht auf dem Majdan passiert ist: Caritas-Präsident Andrij Waskowycz

Ukraine Teil 2: Gesichter eines vergessenen Landes

Der zweite Tag meiner Reise durch Caritas-Projekte in der Ukraine führt mich zu drei besonderen Begegnungen: Zu dem Mann, der den Maidan stürzte und dabei die falschen Schuhe trug, zu einer alten Dame und zu einer Hoffnungsträgerin.

Wie sehen sie aus, die Gesichter eines vergessenen Landes?

Die Frau, die der Altersarmut in der Ukraine ein Gesicht gibt

Da wäre zum Beispiel Diana Danylenko*. Sie ist 87 Jahre alt und schafft es nur mühsam, sich auf ihre Bettkante zu setzen. Nichts Besonderes, mag man einwenden. Stimmt. Aber dass sie mit ihrer 59-jährigen Tochter Anna* in einem nur 14 Quadratmeter großen Zimmer lebt, ist etwas Besonderes. Und das seit Jahrzehnten. Denn Anna ist in diesem Zimmer geboren.

Leben auf engstem Raum: Diana Danylenko (l.) mit Caritas-Mitarbeiterin Oksana Tolmalova und Tochter Anna (r.).

Diana Danylenko, die 45 Jahre lang Grundschullehrerin war, muss von 80 Euro im Monat leben. Ihre Wäsche trocknet sie über ihrem Bett. Der andere Raum ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung gehört einem jungen Mann, mit dem sich die beiden Frauen Bad und Küche teilen. Und wenn Oksana, die 44-jährige Caritas-Mitarbeiterin, nicht regelmäßig im Rahmen eines Projekts vorbeikäme und Lebensmittel brächte, würde wohl niemand die alte Dame mit ihrer Tochter besuchen.

Der Mann, der beim Sturz des Maidans die falschen Schuhe trug

Erzählt, was in jeder Nacht auf dem Majdan passiert ist: Caritas-Präsident Andrij Waskowycz
Erzählt, was in jeder Nacht auf dem Maidan passiert ist: Caritas-Präsident Andrij Waskowycz

Und da wäre  Andrij Waskowycz, der Direktor der Caritas in der Ukraine, der an jenem 11. Dezember 2013 gegen 23 Uhr nach Hause ging vom Maidan, dem Freiheitsplatz der ukrainischen Hauptstadt Kiew, auf dem sich an jenem Abend 5.000 Demonstranten versammelt hatten.

Andrij Waskowycz, bei dem der Fernseher zu Hause lief und der die Menschen in sein Wohnzimmer trug. Immer mehr versammelten sich in der Stadt, 35.000 bis zum nächsten Morgen. Der Mann, der von jetzt auf gleich aufbrach, ohne sich vorzubereiten. Der, der mitten in der Nacht in Hausschuhen dorthin zurückging, über Barrikaden stieg und zu sich selbst sagte: „Das ist jetzt eine Entscheidung hier.“

Der den Maidan mit gestürzt hatte in jener Nacht bei minus elf Grad und der dabei die falschen Schuhe trug.

Jener Nacht, der die Nacht vom 21. auf den 22. Februar 2014 folgen sollte, in der hundert Menschen von Scharfschützen erschossen wurden, von denen er nur vermutet, woher sie kamen. Die Stunden, in der seine Generalsekretärin Olga Chertilina als ausgebildete Ärztin im nahegelegenen Gewerkschaftshaus Tote in Empfang genommen hat, denen Priester in den letzten Atemzügen noch die Beichte abgenommen und sie aus der Schusslinie rausgezogen hatten.  

Olga Chertilina, die in der Zeit darauf nicht mehr auf den Maidan konnte. An den Ort, wo sie den Satz aus dem großen Epos des Kaukasus zitierten: „Kämpfe und Du wirst siegen“.

Die Frau, die hofft wieder sicher in ihrer Heimat leben zu können

Ein weiteres Gesicht dieses vergessenen Landes ist das der Hochschuldozentin, die im Donbas, der seit fünf Jahren umkämpften Region im Osten der Ukraine, eine sichere Stelle hatte, ebenso wie ihr Mann. Die Freude daran hatte, sich in ihrer eigenen Wohnung auch mal einen Kristallleuchter von ihrem Gehalt zu gönnen. Es gäbe viel zu erzählen von jener studierten, klugen Frau, deren Blumen in der Wohnung im Donbas seit fünf Jahren immer noch von Freunden gegossen werden, weil sie lange hoffte, irgendwann wieder zurückkehren zu können.

Womit diesen heutigen Blog-Beitrag beginnen?

Mit welchem Gesicht oder mit welcher Geschichte sollte man einen Blogbeitrag wie diesen beginnen? Beenden sollte man ihn auf jeden Fall mit der Musiker-Gruppe, die abends um 21.30 Uhr auf der stark abfallenden Kopfsteinpflasterstraße der Altstadt noch Musik macht. Töne, die schwermütig klingen. Deren Schallwellen aber gleichzeitig den unbändigen Willen nach Veränderung, den Drang zur Freiheit, zum eigenständigen Leben raus in die Welt tragen. Unbändig und freiheitsliebend. So wie die Ukraine ist. So, wie die Ukrainerinnen und Ukrainer sind.

*Name geändert


Autor: Dietmar Kattinger, Diplom-Theologe und Journalist, seit zwanzig Jahren Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Landes-Caritasverbandes für Oldenburg mit Sitz in Vechta.

Mehr über die Arbeit von Caritas international, dem Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, in der Ukraine könnt ihr hier nachlesen.

Lest hier weitere Blogbeiträge aus der Ukraine:
Ukraine: Teil 1 – Ernst und fremd, schön und faszinierend
Ukraine: Teil 3 – Von verliebtheit und Todesschwadronen
Ukraine: Teil 4 – Vertrieben im eigenen Land

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