Tag Drei der Dialogreise zu den Caritas-Kolleginnen und –Kollegen in der Ukraine Dialogreise – Das heißt miteinander reden, voneinander lernen. Gelernt habe ich heute in der Tat eine Menge. Dafür bin ich dankbar.

Ukraine Teil 3: Von Verliebtheit und Todesschwadronen

Dialogreise – das heißt miteinander reden, voneinander lernen. Gelernt habe ich heute in der Tat eine Menge. Dafür bin ich dankbar.

Tag Drei der Dialogreise zu den Caritas-Kolleginnen und –Kollegen in der Ukraine

Flucht – aus Angst um die Zukunft der Kinder, aus Furcht um das eigene Leben.

Besonders berührt hat mich Svetlana Shukhs Geschichte. Als Mitarbeiterin im Caritaszentrum Dnipro hat sie selbst einen langen Leidensweg hinter sich: Aus Donezk im ukrainischen Osten stammend, besaß die dreifache Mutter ein eigenes Haus. Ihr Mann hatte es gebaut. Weil beide beim Ausbruch des Krieges Angst um ihre Kinder hatten, ist Svetlana mit ihrer Familie innerhalb einer halben Stunde geflohen. „In Sommerkleidern“, erzählt die junge Frau. „Mit nichts anderem.“ Sie kann die Tränen kaum noch zurückhalten. Weder sie noch ihr Mann waren seither noch einmal in der gemeinsamen Heimat. Obwohl sie gerade mal 180 Kilometer entfernt liegt. Svetlanas Herz hängt nach wie vor an ihrem Haus, doch eine Rückkehr könnte auch schmerzlich sein: Ein Großteil ihrer Freunde nennt Svetlana und ihre Familie „Verräter“, weil sie 2014 geflohen sind.

Geflohen ist auch der Diözesan-Caritasdirektor von Dnipro, P. Vasyl Panteliuk, ein griechisch-katholischer Priester. Warum? Weil Todesschwadronen auf ihn angesetzt waren. Eine „Persona non grata“ sei er gewesen, sagt er. Eine „unerwünschte Person“. Auch er sei innerhalb einer halben Stunde aus dem Donbas geflohen.

Sind wegen des Krieges alle aus dem ostukrainischen Donbas nach Dnipro geflohen:

Caritas-Mitarbeiterin Svetlana Shukh
Caritas-Mitarbeiterin Svetlana Shukh
Eine 90-jährige Dame aus dem "Container-Dorf" in Dnipro
Eine 90-jährige Dame aus dem “Container-Dorf” in Dnipro
P. Vasyl Panteliuk, Direktor der Caritas in Dnipro
P. Vasyl Panteliuk, Direktor der Caritas in Dnipro

Nur zwei Flugstunden von Deutschland entfernt

Dankbar bin ich am Ende dieses Tages dafür, in Deutschland im Frieden leben zu dürfen. Jetzt, wo ich selbst nur 180 Kilometer von der „Kontaktlinie“ entfernt bin. Kontaktlinie: welch ein beschönigendes Wort  für den Osten der Ukraine, indem seit fünf Jahren geschossen wird – sprich Krieg herrscht. Und überhaupt: Auch von Deutschland ist dieser Kampf, der längst zum „langjährigen Konflikt“ geworden ist, wie es in der Fachsprache heißt, nur gute zwei Flugstunden entfernt. Die Ukraine ist diesbezüglich der „Hot-Spot Europas“, wie der zuständige Länderreferent bei Caritas international, Gernot Krauß, immer wieder betont.

Beeindruckt bin ich am Ende dieses Tages vom hohen Standard der Caritas Donezk mit Sitz in Dnipro: Um junge Männer mit Behinderung kümmern sie sich, ebenso wie um auffällige Dreijährige. Sie teilen Essen an die Ärmsten der Ukraine aus, um nur eine der zahlreichen Tätigkeiten zu nennen. Eine Arbeit, die der in Deutschland in nichts nachsteht und der ich wünsche, dass sie fortgeführt werden kann.

Teilen Mittagessen an die Ärmsten der Millionen-Stadt Dnipro aus: Ehrenamtliche der lokalen Caritas, Partnerorganisation von Caritas international.
Verteilen Mittagessen an die Ärmsten der Millionen-Stadt Dnipro: Ehrenamtliche der lokalen Caritas, Partnerorganisation von Caritas international.
Arbeiten mit verhaltensauffälligen Kindern: Mitarbeiterinnen der Caritas Dnipro
Arbeiten mit verhaltensauffälligen Kindern: Mitarbeiterinnen der Caritas Dnipro.

Lebensweisheiten: Ihre Tipps, alt zu werden?

Dankbar bin ich für die Lebensweisheiten von hochbetagten Ukrainern, die in einer Ausstellung vor dem Caritas-Zentrum zu sehen sind. Ihre Tipps dafür, alt zu werden? „Arbeiten, arbeiten, arbeiten. Dann hast Du keine Zeit, Schlechtes zu tun“, sagt ein 96-Jähriger. Und eine knapp 100-Jährige rät: „Die Verliebtheit gibt die Kraft für alles.“

Na, dann!


Autor: Dietmar Kattinger, Diplom-Theologe und Journalist, ist seit zwanzig Jahren Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Landes-Caritasverbandes für Oldenburg mit Sitz in Vechta. Er begleitet eine Caritas-Reise in die Ukraine und berichtet hier über seine Erfahrungen mit Land und Leuten.

Mehr über die Arbeit von Caritas international, dem Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, in der Ukraine könnt ihr hier nachlesen.

Lest hier weitere Blogbeiträge aus der Ukraine:
Ukraine: Teil 1 – Ernst und fremd, schön und faszinierend
Ukraine: Teil 2 – Gesichter eines vergessenen Landes
Ukraine: Teil 4 – Vertrieben im eigenen Land

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