Ukraine Teil 5: Die Eindrücke ausdrücken

Es war meine erste Dialogreise mit Caritas international. Ich würde sie auch als „Soziale Studienfahrt“ bezeichnen. Denn gelernt habe ich eine Menge.



Etwa, dass es immer die einzelnen Menschen sind, die etwas bewegen. Die Tanzlehrerin aus Odessa beispielsweise. Bei der Wohltätigkeitsorganisation „Way home“ angestellt, sprüht sie vor Begeisterung und holt das Letzte aus ihren „König-der-Löwen-Tänzerinnen“ raus. Aus den Mädchen, die vernachlässigt, vergessen oder misshandelt wurden.

Tanzlehrerin in Odessa.

„Das Herz spricht zum Herzen“, sagt der Jesuit und Philosoph Teilhard de Chardin. Ich wandle ihn ab und sage: „Das Herz bewegt Herzen“. 

Wir ziehen den Hut

So wie der Gründer von „Way home“. Mit ziemlich kahlgeschorenem Kopf und lediglich einem Zöpfchen am Hinterkopf sieht er nicht aus wie ein klassischer Geschäftsführer. Einst selbst Straßenkind gewesen, weiß er genau, wie es Menschen ohne Dach über dem Kopf geht. Einst selbst Straßenkind, ist er hinabgestiegen in die Kanalisationen, in die Löcher und Schächte der Stadt und hat die Kinder dort herausgeholt. Genauso wie eine seiner leitenden Mitarbeiterinnen, die ebenfalls früher auf der Straße gelebt hatte. Oder wie der Roma, der mit Roma-Kindern arbeitet.

Gelernt habe ich außerdem, dass es auch außerhalb der Caritas beeindruckende Sozialarbeit gibt. Was für ein Geist der Freiheit bei „Way Home“! Welche Lust der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter! Wie sehr sie ihre Arbeit lieben! Und wie stark sie an die ihnen Anempfohlenen glauben! Ich war beileibe nicht der einzige unserer Gruppe, der seinen Hut gezogen hat vor „Way home“.

Deutlich wurde mir zudem, dass Geld alleine noch lange nicht den Spirit einer Einrichtung ausmacht. Respekt vor allen, die bunte Blumen pflanzen in tristen Hinterhöfen und die Dinge Schritt für Schritt verbessern!

Kleine Dinge, wie beispielsweise Blumen in einem sonst tristen Hinterhof, können eine große Wirkung entfalten.

Ich habe gelernt, dass Korruption das zentrale Prinzip der Ukraine ist. Angefangen bei der Schule über den TÜV, den man deshalb zwischendurch abgeschafft hat, bis hin zur Politik. „Wo ansetzen?“ fragte mich die ukrainische Lehrerin, die auf dem Heimflug von Odessa nach Wien zufällig neben mir sitzt.

Die Toilettenspülung besteht aus sechs gefüllten Plastikflaschen

Gelernt und mitgenommen habe ich eine große Portion schweigende Dankbarkeit. Wenn die Toilettenspülung bei einem Diözesan-Caritasverband aus sechs gefüllten Plastikflaschen besteht, frage ich mich: „Worüber regen wir uns auf?“ Die ernsthaft besorgte Frage einer Norddeutschen, was sie in ihrem Gäste-WC auf ihre Fensterbank stellen soll, verschwindet in Anbetracht einer alten Dame, die kein fließendes Wasser in Haus und Hof hat, wie ein Staubkorn im Weltall.

Danke all den Menschen in der Ukraine, die mich in ihr Leben haben blicken lassen! Danke für Lachen, Unsinn, Schweigen und Betroffenheit in unserer Gruppe. Danke an alle für die hervorragende Vorbereitung! Es war und ist mir eine Freude, meine Eindrücke auszudrücken.

Autor: Dietmar Kattinger, Diplom-Theologe und Journalist, ist seit 20 Jahren Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Landes-Caritasverbandes für Oldenburg mit Sitz in Vechta. Er begleitet eine Caritas-Reise in die Ukraine und berichtet hier über seine Erfahrungen mit Land und Leuten.

Mehr über die Arbeit von Caritas international, dem Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, in der Ukraine könnt ihr hier nachlesen.

Weitere Blogbeiträge von Dietmar Kattinger:

Ukraine: Teil 1 – Ernst und fremd, schön und faszinierend
Ukraine: Teil 2 – Gesichter eines vergessenen Landes
Ukraine: Teil 3 – Von Verliebtheit und Todesschwadronen
Ukraine: Teil 4 – Vertrieben im eigenen Land

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