Archiv der Kategorie: Asien

Das Allround-Talent aus Tadschikistan

Die Hürden, ein normales Leben zu führen, sind für Menschen mit Behinderung in Tadschikistan besonders hoch. Die staatliche Unterstützung ist schwach, das gesellschaftliche Ansehen dieser vulnerablen Bevölkerungsgruppe ist von Vorurteilen geprägt. Aus diesem Grund hat sich Caritas international in Tadschikistan auf Inklusionsprojekte spezialisiert. Im Rahmen eines Praktikums bekomme ich die Gelegenheit, ihre Arbeit kennenzulernen.

Es sind bereits über 30 Grad als ich aus dem Flugzeug in Duschanbe steige. Duschanbe? So heißt die Hauptstadt von Tadschikistan. Tadschikistan? So heißt ein kleines Land in Zentralasien, nördlich von Afghanistan. Die Landschaft ist hauptsächlich von Bergen zwischen 3.500-7.000 Metern Höhe geprägt. Fast neun Millionen Menschen leben hier, davon ca. 800.000 in der Hauptstadt. Drei Monate werde ich hier ein Praktikum im Regionalbüro von Caritas international absolvieren. Ich lerne hier alle Projekte des Hilfswerkes kennen. Meine Hauptaufgabe besteht darin, die Caritas und ihre Partnerorganisationen in der Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen.

Die Landschaft Tadschikistans ist hauptsächlich durch Gebirge geprägt. Darüber ist das Land berühmt für seine hohe Anzahl an Flüssen, die sich durch die Gebirge schlängeln.
Die Landschaft Tadschikistans ist hauptsächlich durch Gebirge geprägt. Darüber ist das Land berühmt für seine hohe Anzahl an Flüssen, die sich durch die Berge schlängeln.

Für und mit Menschen mit Behinderung

In Tadschikistan hat sich Caritas international darauf spezialisiert, Menschen mit Behinderung und deren Familien zur Seite zu stehen. Denn Menschen mit körperlichem oder geistigem Handicap werden hier meist stigmatisiert. Aus Scham verstecken viele Eltern ihre beeinträchtigten Kinder. Obwohl der Familienzusammenhalt in Tadschikistan großgeschrieben wird, verlassen etwa 90 Prozent der Väter ihre Familien, wenn die Frau ein Kind mit Behinderung auf die Welt bringt. Das Hauptanliegen von Caritas international besteht darin, Menschen mit Behinderung und ihre Familien zu besuchen um sie über ihre Möglichkeiten aufzuklären. Im nächsten Schritt soll das Potential der Betroffenen individuell und nachhaltig entfaltet werden.

Shukrona, das Allround-Talent aus Ayni

Die 13-jährige Shukrona hat schnell gelernt die Herausforderungen als blindes Mädchen zu bewältigen.
Die 13-jährige Shukrona hat schnell gelernt die Herausforderungen als blindes Mädchen zu bewältigen.

Wie viel Potential in Kindern mit Behinderung steckt, zeigt mir die dreizehnjährige Shukrona. Ich besuchte sie und ihre Familie während meiner ersten Arbeitswoche in der Region Ayni im Nordwesten von Tadschikistans. Das Mädchen ist von Geburt an blind. Erst vor zwei Jahren lernte sie, während eines von der Caritas organisierten Sommercamps, selbstständig mit ihrem Handicap umzugehen und mit ihren Händen zu „sehen“. Seitdem sei sie ein anderer Mensch, erzählt sie mir.

Lesen und schreiben als blindes Mädchen? Kein Problem!

Mich beeindrucken die Selbstsicherheit und Eleganz, mit der sie durch das Haus geht. Doch nicht nur das. Sie zeigt mir ihre Sammlung an Armbändern, die sie selbst angefertigt hat. Auf einem steht ihr Name in großer Blindenschrift. Mit großem Stolz trägt sie es um ihr linkes Handgelenk. Ein neu gemachtes Armband schenkt sie mir. Dann führt mich Shukrona in ein kleines Haus, etwa hundert Meter entfernt, wo Teppiche angefertigt werden. Auch dieses Handwerk beherrscht sie mit Leichtigkeit. Mit stoischer Gelassenheit und fließenden Bewegungen präsentiert sie mir ihre Arbeit.

Danach geht es zurück ins Haus, denn Shukrona ist für eine Lese- und Schreibstunde mit ihrem Vater verabredet. Schreiben und lesen als blindes Mädchen? Kein Problem, wie mir die beiden schnell zeigen:

Mit von der Caritas zur Verfügung gestellten Werkzeugen schreibt sie in wenigen Minuten alle Zahlen bis hundert auf. Für mich eine gute Gelegenheit die Zahlen auf Tadschikisch zu wiederholen. Sonst sei ihre Mutter die primäre Lehrerin in ihrem Leben, erklärt mir Shukrona. Sie lernte in mehreren Schulungen auf die Bedürfnisse und die Herausforderungen ihrer Tochter als blindes Mädchen einzugehen. Für das Lesen und Schreiben sei allerdings ihr Vater zuständig, erzählt mir dir junge Tadschikin weiter. Auch er nahm an einem Caritas-Workshop teil. In drei intensiven Tagen lernte er die Blindenschrift kennen. Er wolle seine Tochter selbst unterrichten und ihr zur Seite stehen, wenn sie Fragen hat. In Ayni gebe es sonst niemanden der die Blindenschrift kenne, berichtet mir der Vater. Am Anfang sei es ihm schwergefallen, die Schrift zu verstehen, doch schon nach dem zweiten Tag habe er große Fortschritte gemacht und eine regelrechte Begeisterung entwickelt. Es mache großen Spaß mit ihrem Vater zu lernen, da er sehr motiviert sei, erzählt mir Shukrona. Manchmal sei das aber auch ein Problem, weil er so oft mit ihr üben wolle, dass ihre Leidenschaft, klassische Musik zu hören, gelegentlich zu kurz komme.

Mädchen in Tadschikistan
Mit geübten Fingern fertig Shukrona regelmäßig hochwertige Teppiche an

Das nutzen, was vor Ort zur Verfügung steht

Durch den Besuch in Ayni wurde mir der Ansatz von Caritas international in Tadschikistan sofort klar. Kinder mit Behinderung können nur erfolgreich in eine Gesellschaft integriert werden, wenn ihr Umfeld in das Projekt einbezogen wird. Es ist nicht das Ziel, Menschen mit einem Handicap in eine spezielle Einrichtung zu geben, wo sie zwar speziell gefördert werden, aber isoliert von der Gesellschaft leben. Vielmehr sollen die Ressourcen genutzt werden, die vor Ort zur Verfügung stehen.

„Die Eltern kennen ihre Kinder am besten und verbringen die meiste Zeit mit ihnen“, erklärt mir Parvina Tadjibaeva, die Leiterin des Regionalbüros. Mit wenigen Workshops und Trainings gelingt es, die Eltern und die Gemeinde für die Bedürfnisse der Kinder zu sensibilisieren und sie für die Herausforderungen, die Menschen mit Behinderung bewältigen müssen, zu schulen. So können sich Kinder wie Shrukrona optimal entwickeln und ihre Träume verfolgen. Für mich ein interessanter Ansatz, der auch in Deutschland mehr Beachtung verdient hätte.

In meinem nächsten Blogbeitrag könnt ihr mehr über meine Erlebnisse bei Caritas international in Tadschikistan erfahren.

Erfahrt mehr über das Projekt auf unserer Homepage.

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Bangladesch, Rohingya-Camp: Und trotzdem hofft man auf ein kleines Wunder …

Mit einigen Stunden Verspätung kommen wir endlich am Flughafen in Cox’s Bazar in Bangladesch nahe des Rohingya-Camps an. Mein Kollege Stefan Teplan und ich haben Glück: Unsere Fluglinie ist die einzige, die an diesem Tag noch fliegen wird. Alle weiteren Flüge wurden wegen schlechter Wetterverhältnisse gestrichen. Seit Anfang Juni hat in Bangladesch die Regenzeit begonnen und die Wettervorhersage kündigt bereits seit Tagen einen langandauernden Monsun mit Sturm und Starkregen an. Bangladesch, Rohingya-Camp: Und trotzdem hofft man auf ein kleines Wunder … weiterlesen

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Indonesien: Nachbeben der großen Katastrophe

Jetzt habe auch ich eine ungefähre Ahnung davon, wie sich ein richtiges Erdbeben anfühlen könnte. Am 17.1. tanzte in meinem Zimmer in einem Gasthaus in Palu auf Sulawesi drei Sekunden lang die Erde. Für die Menschen hier ist ein solcher Erdstoß kaum der Erwähnung wert. Es handelte sich um eines der zig kleinen Nachbeben, von der Regierung wird es auf eine Magnitude von nur 4,1 eingestuft.

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Indonesien: “Willkommen in Mordor”

Er ist für die Bewohner Westjavas wahrlich zu einer Art Schicksalsberg geworden: Der Krakatau-Vulkan, der wenige Kilometer vor der Küste der indonesischen Insel aus dem Wasser ragt. Und noch immer brodelt er, mehr als drei Wochen nachdem ein riesiger Erdrutsch infolge seiner Aktivität einen rund fünf Meter hohen Tsunami ausgelöst hat. Indonesien: “Willkommen in Mordor” weiterlesen
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„Die Erde tanzt gerade“ – Indonesien nach dem Tsunami

Oft beweisen gerade Menschen mit besonders harten Schicksalen den größten Humor. So auch Radja Dhana, ein Kokosnussverkäufer, der mir am Strand von Banten auf der Insel Java begegnet, jener Region Indonesiens, die der Tsunami Ende Dezember schwer getroffen hat. Nachdem Radja eine frische Kokosnuss mit der Machete aufgeschlitzt hat und seine um ihn herum stehenden Kunden das Wasser ausgetrunken haben, schnitzt er mehrere Löffel aus Resten der Frucht und sagt zu uns: „Tut mir ja leid, dass ihr nur diese bekommt. Aber der Tsunami hat alle meine Löffel weggespült“, und lacht. Sein Scherz ist angesichts von über 400 Toten infolge der Katastrophe etwas makaber, doch ist nicht gerade Humor und Leichtigkeit das, was den Menschen in dieser schwierigen Situation ein wenig Normalität und Halt wiedergibt?

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Bangladesch/ Rohingya: In Sicherheit gewogen

Jamtoli / Kutupalong / Balukhali. Ein für uns ungewohntes Wildwechsel-Schild steht an manchen Straßenrändern auf dem Gelände eines der Rohingya-Flüchtlingscamps: Im weißen Viereck ist kein Hirsch, kein Rehbock, sondern ein Elefant abgebildet. Die Gefahr, vor der gewarnt wird, kann nicht nur Autofahrer treffen, wie auf äußerst bittere Weise heute deutlich wurde. Bangladesch/ Rohingya: In Sicherheit gewogen weiterlesen
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Bangladesch/ Rohingya: Extremste Gegensätze

Cox’s Bazar / Kutupalong. Punkt 12 Uhr mittags erreiche ich die Stadt Cox’s Bazar. Doch weder zum Mittagessen noch zum Einchecken im Hotel – das reicht auch spät abends – will ich mir Zeit nehmen. So schnell wie nur möglich möchte ich zu den Verteilaktionen der Caritas im knapp zwei Autostunden entfernten Kutupalong kommen.
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Bangladesch/ Rohingya: „Das ist eine Menge wert!“

Zu Besuch in einem Flüchtlingslager in Bangladesch. Mitglieder einer großen Rohingya-Familie berichten von ihrem langen Leidensweg und erzählen, dass sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben wie Menschen behandelt fühlen. Die Caritas Bangladesch unterstützt sie mit Nahrungsmitteln.
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Japan: Die Geisterstadt

Je näher man sich an die Geisterstadt Namie, nur wenige Kilometer vom Unglücksreaktor Fukushima Daiichi heranwagt, desto gespenstiger wirkt die Landschaft. Das Straßenbild ist geprägt  von Polizisten in Schutzanzügen und Dekontaminationstrupps. An den Tankstellen wird schon lange kein Benzin mehr verkauft und viele Häuser sind verbarrikadiert. Japan: Die Geisterstadt weiterlesen

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