Japan: Container Siedlungen

An manchen Orten wird immer noch oder wieder nach menschlichen Überresten gesucht. Die Zahl der Vermissten beläuft sich derzeit offiziell auf 4.227, die der Toten auf 15.774. 115.035 Häuser wurden total zerstört.

Und was ist mit den Überlebenden?

Laut Regierung sollen alle Evakuierungszentren bis Ende September geschlossen sein. Die Opfer werden derzeit in Übergangswohnungen umgesiedelt. Diese bestehen aus vorgefertigten Containern, die größenvariabel sind, um der Familiengröße angepasst zu werden. Auf allen möglichen Plätzen sind diese Siedlungen zu sehen. In Kesennuma z. B. wurde ein Baseball-Feld kurzerhand in eine Siedlung für 160 Familien umgewandelt.Die Größe reicht von 20  bis zu 200 Containern, die jeweils in Viererformation zusammengebaut sind. Wichtig ist die Versorgung der Leute, so haben sich in einigen Siedlungen bereits Lebensmittelgeschäfte – ebenfalls im Container – angesiedelt.

Japan: Gras wuchert langsam über die Wunden

(RW) Brutal der Blick auf das, was einmal der Ort „Rikuzen- takata“ war: 80 % der Häuser sind zerstört. Wo sie standen, breiten sich leere Flächen aus; Gras wuchert langsam über die Wunden, die der Tsunami der Stadt geschlagen hat. Wahrscheinlich wird hier keiner mehr wohnen dürfen. Nur das Rathaus und ein Industriebetrieb, beide zweistöckige Betonblocks haben den Sturm überstanden. Sie stehen einzeln und irgendwie traurig und nutzlos in der Gegend.

Japan: Im April und heute

(RW) Gespannt war ich zu sehen, wie sich die Lage im Vergleich zu meinem Besuch im April verändert hatte. Vor allem die Bewältigung der Schuttmassen und ihre Lagerung schienen mir damals ein großes Problem zu sein. Dann stellte sich natürlich die Frage, wie die Situation der Betroffenen sechs Monate „danach“ aussah.

Die Schuttbeseitigung ist unterschiedlich weit fortgeschritten: in Ishinomaki ist fast alles „entsorgt“, Straßen und Plätze sind frei. Die Trümmer werden in großen Halden zwischengelagert, Betonteile zerkleinert und – in Säcke gefüllt – als Stabilisierungsmaterial zur Absicherung von Straßen, Dämmen etc. verwendet. Der Blick von einem Hügel in der Stadt offenbart das Ausmaß der Katastrophe: riesige Hügel mit Abraum wurden aufgeschüttet. Dutzende von Baggern „ordnen“ das Ganze. Was damit mittelfristig geschehen soll, ist aber unklar.

Ganz anders sieht es weiter im Norden aus: sowohl in Kesennuma wie auch in Kamaishi ist noch viel von der Katastrophe sichtbar: es scheint, als ob die Aufräumarbeiten gerade erst begonnen hätten. Laut Caritas hängt dies mit den Möglichkeiten und Fähigkeiten der jeweiligen Ortsverwaltungen zusammen. Da scheint man etwas „geschlafen“ zu haben.

 

Japan: Hilfe kennt keine Einkommensschicht oder Religionszugehörigkeit

 

(RW) An Freiwilligen herrscht kein Mangel. Sie kommen aus allen Schichten: vom Studenten bis zur Hausfrau, vom Psychologen bis zum Banker ist alles vertreten. Bisher hat man insgesamt 2.650 Freiwillige organisiert. Viele kommen nur ein Wochenende, andere engagieren sich über einen längeren Zeitraum, manche kommen eine Woche, gehen eine Woche weg und kommen dann wieder.Vor allem bei den psychologisch Tätigen legt man allerdings Wert auf eine längere Verweildauer, weil Vertrauen als Basis für sinnvolle Arbeit nur über einen größeren Zeitraum hin geschaffen werden kann.Die Freiwilligen werden im Einsatzzentrum in Sendai gebrieft und erhalten eine Aufgabe, je nach Alter und Kenntnisstand. Die jungen Leute werden vor allem bei Reinigungsarbeiten (von Häusern, Photos etc) sowie bei Instandsetzung (Malen, Anstreichen, Wiederherrichten) eingesetzt. Der oben erwähnte Banker aus Tokio, der zum ersten Mal so etwas machte, wurde mit der Erhebung des Bedarfs in einem Übergangslager betraut.

Bei weitem sind nicht alle Freiwilligen Christen oder gar Katholiken. In Kamaishi gibt es auch buddhistische Mönche, die als Freiwillige bei der Caritas arbeiten. Ein interessanter Ansatz, der Möglichkeiten für eine künftige Kooperation bieten könnte. Die meisten kommen über die Website der Caritas zu ihr. Andererseits gibt es auch aus den Pfarreien Freiwillige, was insofern von großem Vorteil ist, weil sie die Situation vor Ort und die Menschen kennen und am ehesten sagen können, wo die Not am größten ist. Nicht zu vergessen sind auch die Ordensleute, die in den Caritaszentren arbeiten. Nonnen aus 25 Orden tun regelmäßig, z.T. in Schichten, Dienst in der Caritas. Sie kommen von überall her; so ist z.B. die Leiterin der Basis Ishinomaki eine Ordensfrau aus Hiroshima, die Köchin in Kamaishi kommt aus Nagano. Auch Priester, vor allem die Ortspfarrer, helfen gelegentlich aus.

 

Japan: Traumaarbeit

(RW) Nach Aussage der Verantwortlichen wird die Traumaarbeit ein wesentlicher Punkt der weiteren Arbeit sein (müssen). Es hat bereits erste Selbstmorde, vor allem älterer Menschen gegeben.

Man muss dem japanischen Staat zubilligen, dass er versucht, das Odachlosenproblem rasch zu lösen. Aber noch lange nicht alle Betroffenen sind gut untergebracht. Über die Zuteilung eines Wohncontainers entscheidet das Los; in Kamaishi wurden die letzten erst Anfang September in die Übergangslager aufgenommen. In der Stadt allein gibt es 40 Plätze mit Containersiedlungen; die Caritas hat bisher erst drei davon systematisch erschlossen; es gibt also noch viel Arbeit vor dem Winter.

Japan: Caritasbasis in der Grillbude

(RW) Da die japanische Kirche sehr klein ist, kann sie auf Dauer nicht genügend Raum zur Verfügung stellen. Daher hat man begonnen, Häuser zu kaufen und den Bedürfnissen der Caritas entsprechend umzubauen. In Ishinomaki wurde so kurzerhand ein Korea-Grill in eine Basis verwandelt, die nach Ende der Maßnahmen an die lokale Kirche übergehen soll, um sie als Caritaszentrum zu nutzen. In Kamaishi befindet sich die Basis derzeit noch im Pfarrhaus, soll aber demnächst ebenfalls durch ein angekauftes Haus ersetzt werden, denn die Basen dienen nicht nur als Verwaltung, sondern auch als Unterkunft der Freiwilligen. Bemerkenswert ist die Geduld und die Opferbereitschaft des Pfarrers von Kamaishi, der seit Monaten sein Haus mit bis zu 40 Freiwilligen teilt.

Japan: Unser Partner vor Ort

(RW) Caritas Japan ist eine sehr kleine Organisation, die neben dem Direktor Daisuke Narui nur drei Vollbeschäftigte – Tadokoro, Inae und Ono – sowie zwei Teilzeitkräfte hat. Verständlich, dass dieses kleine Team mit der Organisation von Hilfen nicht nur ziemlich be-, sondern eigentlich überlastet ist. Vor allem auch, weil nicht überall die Pfarreien aktiv in die Hilfsmaßnahmen eingebunden sind. Wichtige Unterstützung kommt von der Diözese Sendai, wo man die Schaltzentrale für die Hilfen der Caritas eingerichtet hat. Fr. Daisuke und Sawako Inae sind seit fast fünf Monaten permanent hier, um alles zu koordinieren. Zur Wahrung der Präsenz vor Ort hat man vier „Basen“ errichtet: drei in der Präfektur Miyagi (Siogama, Ishinomaki und Yonekawa), eine in Iwate (Kamaishi).

Japan: Eine Reise

(RW) Auch sieben Monate nach den verheerenden Erdbeben und Tsunami ist in den betroffenen Gebieten immer noch kein Alltag eingekehrt. Die Menschen sind auch weiterhin auf Hilfe angewiesen, damit sie ein halbwegs normales Leben führen können.
Um die Arbeitsbedingungen der Kollegen von Caritas Japan kennenzulernen, flog ich am 06. September nach Japan und nahm zusammen mit einer internationalen Gruppe am „Exposure Programm“ teil. Wir besichtigten verschiedene Einrichtungen der Caritas Japan in den Provinzen Miyagi und Iwate. Caritas Mitarbeiter und Bedürftige erzählten uns von den noch immer schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen, aber auch über ihre Pläne und Hoffnungen für die Zukunft.
In den nächsten Wochen werde ich im Caritas Blog von meinen Eindrücken und Erfahrungen erzählen und hoffe, dass Sie mit mir durch Japan reisen werden.

Es grüßt Sie, Ihr Reinhard Würkner