Kenia: Gioto-London

(IP) Unsere Kollegin Martina Backes ist seit Weihnachten in Kenia und besucht dort diverse Hilfsprojekte, die von Caritas international unterstützt werden. Was sie zu berichten weiß, ist interessant und traurig zugleich. Vor Kurzem war sie in Nakuru, der viertgrößten Stadt Kenias. Was sie dort erlebt hat, könnt ihr hier lesen

(MB) Die Social Worker der Diözese in Nakuru sind dort anzutreffen, wo sich das Leben von seiner härtesten Seite zeigt. Joseph Karuri und John Kariuki nahmen mich morgens um acht mit an den Ort, wo sie ihre Leute meistens antreffen: nach Gioto. Wenn der Wind für ein paar Sekunden die dicken Rauchschwaden niederdrückt, die aus dem Boden aufsteigen, gibt der täglich wachsende Hügel am Rande der Stadt den Blick frei auf die Savanne inmitten des Rift Valley. Gioto ist der Name der städtischen Mülldeponie von Nakuru, einer der größten Städte Kenias. Frauen und Männer, Jung und Alt, haben diesen Ort zu ihrem Arbeitsplatz gemacht. Manche leben hier.

Joseph fragt nach den Straßenkindern und Jugendlichen, die von der Diözese unterstützt werden. Manche sind hier, um sich ihr Geld zu den Schulgebühren dazuzuverdienen. Andere wohnen hier mit ihren Eltern oder anderen Familienmitgliedern, wenn es keine Eltern mehr gibt. Sie nennen den Ort, der aus flatternden Plastiktüten und moderndem Abfall besteht, London. Njoki Mbugua, eine Frau Ende vierzig, gibt Auskunft. Die Jugendlichen, die wir suchen, seien mit einem Laster unterwegs, der Abfälle aus dem reichen Viertel im Süden von Nakuru herbringt. Sie selbst trägt ein lila T-Shirt mit der Aufschrift „komesha dhuruma“ (Stopp Ungerechtigkeit).

Über den von Haaren, Tüten und Küchenresten seichten Boden, der unter den Füßen nachgibt wie eine weiche Moosdecke, stolzieren Hunderte von Marabus. Gioto wächst stündlich, mit jedem Laster, der eintrifft. Wenn die ziemlich maroden LKWs der städtischen und die etwas besseren der privaten Müllabfuhr ihre Bäuche entleeren, wird es hektisch.

„God Gives“ steht auf dem Fahrerhäuschen eines anrollenden Müllwagens, weiß gestrichene Holzlatten halten dürftig sein Inneres zusammen, bis sich die Lade öffnet. Vier Frauen und drei Männer durchsuchen den Müll mit groben Metallhaken. Plastikflaschen, Ketten, Elektronikschrott, Essensreste und Metallreste werden aussortiert. Noch bevor der verwertbare Müll auf den Boden fällt, verschwindet er in Säcken. Njoki zählt auf, welche Wertstoffe und welche Abfälle sortiert werden. Und zu was sie verarbeitet werden: zu Taschen, Säcken, Teppichen…

Ein junger Mann sitzt auf dem Boden und näht einen zerrissenen Sack mit Stoffresten zusammen, in dem das aussortierte Plastik transportiert wird. In Kenia hat ein Geschäftsmann ein Recyclingprojekt entwickelt – aus den Plastikresten werden Zaunpfähle geschmolzen. Holzpfähle sind in dem tropischen Klima schnell von Termiten zerfressen, Plastik hat eine Halbwertzeit von einigen hundert Jahren. Die Müllsortierer in Gioto stehen am Ende einer Produktionskette, das sortierte Plastik aus Nakuru wird von Geschäftsleuten aufgekauft und nach Nairobi in die Recyclingfabrik transportiert.

Ein Mann springt mit einem Satz vom Dach des Müllwagens und erzählt, dass er bis zur siebten Klasse in die Schule ging, für die achte sammelt er nun Geld. Die Schulgebühren sind dieses Jahr – wie jeden Januar – gestiegen, obwohl die Grundschule offiziell nichts kostet. Die kenianische Regierung proklamiert freie Grundschulbildung für alle. Tatsächlich aber fallen viele Sonderposten an, von der Schuluniform über allerlei Zusatzgebühren für dieses und für jenes…

Njoki Christine, die Metallreste aus dem Ladegut von „God Gives“ sammelt, will ebenfalls in die Schule zurück. Die Sechzehnjährige lebt in Gioto, zusammen mit ihrer Mutter und ihren vier Geschwistern. Mitten auf dem Müllberg. In der aus Leinen und Plastikplanen selbstgenähten Hütte weint ein kleines Kind. Um ihr Haus herum haben sie einen Zaun aus Metallresten und Maissäcken errichtet – als Windfang gegen die allgegenwärtigen Plastikfetzen – mit einem kleinen Tor. Hier auf dem Abfallberg vertreibt sie niemand, hier kostet das Haus kein Geld. Dach und Außenwände werden permanent repariert. Je mehr Lagen aus Sisalsäcken, Plastikplanen und plattgeklopften Dosen, desto regendichter ist die Unterkunft. Dennoch, bei einem kräftigen Gewitter zeigen sich immer wieder undichte Stellen.

Doch heute steht in der Hütte die Luft. Wasser oder gar Strom gibt es nicht. Der Wind aus der Savanne trägt den Rauch über die Müllhügel durch die Türe. Ziegen und Esel „weiden“ neben dem Haus. Sie wühlen gemeinsam mit einer Horde von Hunden ungestört nach Nahrung, als der nächste Laster über den Hügel kracht. Auch Christine will unbedingt das letzte Jahr in der Grundschule abschließen. An guten Tagen sammelt sie Abfall im Wert von rund 200 Schilling (zwei Euro).

Die Sozialarbeiter der Diözese stellen den Kontakt zur Schule her und zahlen 80 Prozent der Schulgebühren, wenn Christine den Rest aufbringt. Ihre Mutter unterstützt sie darin. Damit ist sich Christine sicher, dass ihre Mutter auf ihrer Seite steht, sie nicht hängen lässt, ihre Pläne gutheißt. Alle finden diese Vereinbarung und geteilte Verantwortung richtig.

Joseph und John haben ihre Helfer, wenn sie Straßenkinder für die beiden Tageszentren rekrutieren, in denen Sozialarbeiterinnen sie auf den Wiedereinstieg in die Schule vorbereiten, ihnen Zuneigung, Achtung, Essen und Freude schenken.

In der geschäftigen Innenstadt von Nakuru treffen wir Buddha und Geoffrey, zwei Jugendliche, die hier auf der Straße aufgewachsen sind. Sie gehören zu den 1.400 Kindern, die von den Sozialarbeitern der Erzdiözese „rekrutiert“ und betreut wurden. Ein bis zwei Jahre gehen die Jugendlichen in die Straßenkinderschule und erhalten individuelle Unterstützung, die oft eine posttraumatische Behandlung und – wo möglich – die Reintegration in die Familien oder in eine Pflegefamilie einschließt. Erst dann werden die Kinder in eine der umliegenden Schulen geschickt. Nicht alle schaffen das.

Buddha und Geoffrey wissen, wo sich die Jüngeren aufhalten. Die städtischen Sicherheitsbeamten hätten sie heute schon zwei Mal weggeschickt. Wir finden sie in der Markthalle vor der öffentlichen Toilette bei den Müllsäcken, wo ein paar Essensreste zu finden sind. Ein vielleicht siebenjähriger Junge hängt an der Klebstoffflasche. Joseph sorgt dafür, dass kein anderer ihm den Stoff wegnimmt, der den Hunger vergessen lässt. Der Stoff macht das Atmen schwer und die Lungen kaputt. Alle wissen das, doch das Schnüffeln hört erst auf, wenn der Bauch voll ist. Wenn die Kinder eine für sie machbare Alternative finden. Wenn sie dem Gruppenzwang entkommen können.

Für Buddha und Geoffrey ist die Zeit der Klebstoffflasche längst Vergangenheit. Die beiden waren in der Straßenkinderschule Mwangaza und haben ihren Schulabschluss gemacht. Buddha, permanent in DJ Pose, hat sein Diplom auf der technischen Hochschule geschafft und sucht seit einem Jahr Arbeit. Die ökonomische Krise und die hohe Arbeitslosigkeit in der schnell wachsenden Stadt macht es ihnen nicht leicht. Buddha und Geoffrey leben derzeit von Gelegenheitsjobs, sie schleppen Zuckersäcke und Kisten auf den Markt, für ein paar Schilling am Tag.

Zwischendurch ist Buddha als freiwilliger Helfer für das Straßenkinderprojekt unterwegs. Er wird nicht müde, Mädchen und Jungen von der Straßenkinderschule zu überzeugen, wieder und wieder. Aufgeben wird er nicht, andere haben es auch geschafft und verdienen nun ihr eigenes Geld.

So wie Physillis Wambui. Die Zwanzigjährige ging auf die Straße, als sie zehn war. Sie konnte es nicht mehr ertragen zuzusehen oder anzuhören, wie ihr betrunkener Vater ihre Mutter schlug und misshandelte. Auf der Straße fand sie Freunde, Essen, Spaß – und konnte ihr Zuhause vergessen. Das einzige, was ihr zu schaffen machte, ist der Druck der Älteren, die vom Verkauf des Klebstoffs Profit machten – und sie zum Schnüffeln zwangen. Immerhin half das, die Kälte in der Nacht nicht zu spüren. Sie ging, als ihr die Möglichkeit geboten wurde, in das Tageszentrum St. Francis, klammerte sich geradezu an die Tage und wollte die Zeit anhalten. Denn um fünf Uhr schließt das Zentrum. Die Diözese vermittelt die Kinder in Pflegefamilien oder setzt sich dafür ein, sie in ihre Familien zu integrieren. Physillis blieb auf der Straße, doch inzwischen lebt sie wieder bei ihrer Mutter, der Vater ist verstorben. Sie machte ihren höheren Schulabschluss und hat nun einen Platz am College in Kommunikationswissenschaften. Ihren Anteil zum Schulgeld verdiente sie sich selbst – in Gioto, auf der Straße, auf dem Markt.

Die Diözese Nakuru engagiert sich seit nunmehr 20 Jahren für die Straßenkinder. Seit den Unruhen und der Gewalteskalation nach den letzten Wahlen 2007 ist ihre Zahl sprunghaft angestiegen, denn Eltern und Familien wurden vertrieben oder leben in den Flüchtlingscamps, aus denen die Kinder flohen. Viele sind Waisen, andere wissen nicht, wo ihre Familie geblieben ist. Und einige sind hier, weil ihnen ihr zu Hause keine Mahlzeit und keine Fürsorge bietet.

Der Weg von Gioto nach London – dem richtigen London, bleibt für viele ein Traum. Doch die Straßenkinder, die sehr viel Abneigung erfahren haben, werden von der Gemeinde immer mehr akzeptiert, die Schulen setzten sich für sie ein, geben ihnen eine Chance. Mwangaza und St. Francis, die Tageszentren für die Straßenkinder, sind ein Tor zum Leben.

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3 Gedanken zu „Kenia: Gioto-London“

  1. Ich habe das Straßenkinderprojekt in Nakuru vor 10 Jahren ebenfalls persönlich kennengelernt und war auch mit dem Sozialarbeiter auf der Müllhalde. Was ich gesehen habe, hat mich nachhaltig beeindruckt. Dieses Elend, aber auch ein schottisches Rentner-Ehepaar, das sich dort im Straßenkindertagungszentrum engagiert hat und den Kindern wichtige Dinge fürs Leben beibrachte. Das Bild hatte ich immer vor mir. Es hat mich u. a. dazu veranlasst, ein Sabbatjahr zu beantragen. 2010 konnte ich so ebenfalls mehrere Monate in ein paar Projekten in Afrika mitarbeiten. Eine sehr lohnenswerte Erfahrung!

    1. Hallo Claudia. Du hast das Projekt vor 10 Jahren besucht? Das ist ja interessant. Kommt dir vieles, was Martina erzählt, bekannt vor, oder hast sich doch einiges seither verändert?

      1. Ich glaube die Probleme sind immer noch die selben, aber die Kinder hoffentlich nicht. Ich wünsche mir sehr, dass das Projekt wenigstens einigen von ihnen eine bessere Zukunft ermöglicht hat. Positive Beispiele dafür gab es schon damals. Eine Lehrerin z. B. war selbst ursprünglich mal Begünstigte des Projekts und hat sich danach sehr dafür eingesetzt.

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