Kenia: Tief durchatmen

(MB) Auf einer Verkehrsinsel mitten in Nakuru machen sie es sich gemütlich. Der Verkehr rund um die mit rußbedeckten Pflanzen verzierte Insel stört sie nicht. Die zahlreichen Passanten der 700.000 Einwohnerinnen zählenden Stadt würdigen sie keines Blickes. Gerade so, als ob die Gruppe aus Sieben- bis Siebzehnjährigen einen Zaubertrunk genommen hätte – und nun weder sicht- noch hörbar wäre. Zwei von den Jüngeren hängen pausenlos an der Flasche mit dem gelben Leim, den die Älteren vertickern. Die Leimflasche entlässt vor allem Toluol. Aus Klebstoffen und Verdünnungsmitteln, ebenso beliebt, entweicht Nitro. „Das Zeug ist überall aufzutreiben, ganz legal. Meine Kumpels haben damit ihr Geld verdient, ich musste sie dafür bezahlen, aber sie ließen mir keine andere Wahl. Als ich ihr Kunde wurde, hatte ich meinen Frieden. Und dann war der Hunger weg, die Kälte nicht mehr spürbar“, erzählt Nicolas, der eines staubigen Tages von einem Mann, an den er sich nicht mehr erinnern kann, mit in ein Straßenkinderzentrum genommen wurde – und nach zwei Tagen Durchschlafen eine warme Mahlzeit bekam.

Nicolas Sadaka atmet tief durch, als er mir seine Geschichte erzählt.

Er erinnert sich gut an die Zeit des Schnüffelns. Seine Lungen konnten kaum mehr den Atem fassen, den er brauchte, um vor den Sicherheitsbeamten der Stadtverwaltung wegzulaufen, die die Kinder auch heute noch vom Marktplatz vertreiben, auf dem sie sich ihre tägliche Mahlzeit aus den Müllsäcken beschaffen. Unmittelbar nach dem Inhalieren wehrt sich der Körper mit Erbrechen und Kopfschmerzen – doch schnell weicht die Übelkeit dem Rausch. Euphorie, ein Gefühl der Schwerelosigkeit, Enthemmung oder auch akustische und optische Halluzinationen. All das hilft, das Leben auf der Straße auszuhalten.

Langfristig verätzt der Schnüffelstoff die Atemwege, verursacht Lungen-, Leber- und Nierenschäden. Teilweise sind diese Langzeitschäden irreversibel, denn der Mangel an Sauerstoff schädigt die Nervenzellen – auch im Hirn. So kommt es bei Kindern, die noch wachsen, zu Demenz und Lernbehinderungen. Toluol und Benzin sind zudem stark krebserregend. Im schlimmsten akuten Fall treten Muskelspasmen auf, mehrtägige Delirien, Atemstillstand und Herz-Kreislaufversagen.

Die Lehrerin Anne weiß davon ein Lied zu singen. Ein bis zwei Jahre dauert die posttraumatische Behandlung der Straßenkinder, die das Glück haben, in Mwangaza betreut zu werden, dem Streetchildren Rehabilitation Centre der Erzdiözese von Nakuru. „Manchmal ist man ganz angetan von den schnellen Fortschritten eines Kindes, das begeistert lesen und mit Hingabe schreiben lernt – viele sind extrem ehrgeizig. Und am nächsten Tag sind sie plötzlich nicht mehr da, sie rennen zurück auf die Straße.“ Oftmals findet „der nette Mann“ von der Erzdiözese sie wieder. Doch „ein Junge, der besonders wach und interessiert an allem war, starb wenige Tage nach der Rückkehr in seine alte Gang auf der Straße.“

Warum die Kinder plötzlich nicht mehr ins Zentrum kommen, das weit mehr als eine warme Mahlzeit bietet, das liebenswerte Betreuerinnen, Anerkennung für die täglichen Aufgaben wie Gärtnern, Kochen und Waschen verspricht sowie einen geschützten Raum mit Spielzeug und Spielgefährten? „Weil sie auf der Straße ihr eigenes Geld verdienen, da sind sie wer, daran sind sie gewöhnt, fühlen sich unabhängig“, erinnert sich Nicolas. Zugleich drängt der Gruppenzwang sie in alte Muster.

Auch der inzwischen zwanzigjährige Nicolas Sadaka hat dem Zentrum mehrmals den Rücken gekehrt. „Bis nach Kakamega und Kitale ist er gefahren, gut 400 Kilometer von Nakuru entfernt, um dort einen Onkel zu suchen, von dem die Mutter einmal erzählt hatte“, erinnert sich Anne. Dass Nicolas wieder und wieder den Weg ins Zentrum zurückgefunden hat, ist den aufmerksamen MitarbeiterInnen der Sozialämter in diesen schnell wachsenden Städten im Westen zu verdanken, die sich dort um die Straßen- und Waisenkinder kümmern. Doch viele fallen durch dieses recht grobmaschige Netz.

Nicolas Blick weicht während des Interviews nicht von meiner Videokamera. Er will Künstler werden, rappt mir was vor über die Jugend und die Zukunft. Am nächsten Tag kommt er in das Hauptbüro der Erzdiözese, mit einer CD und seinen selbst getexteten Liedern. Die Sozialarbeiter motivieren ihn, rund 20 Prozent der Studiengebühren zusammenzukratzen, die eine technische Ausbildung auf dem College kostet. Seinen Hochschulabschluss hat er seit einem Jahr in der Tasche. Auch Nicolas schaut immer mal wieder im Zentrum vorbei, einfach so, und spricht mit den Jüngeren, die diesen Weg noch vor sich haben. Zum Konzept des Tageszentrums gehört, dass die Kinder abends nach Hause gehen – manche zu Pflegeeltern.

„Wir betreuen hier 25 Kinder, und nach einem Jahr haben es vielleicht zehn oder fünfzehn geschafft, sie lassen sich in eine der Primarschulen vermitteln“, erzählt Margaret Kimalel, die zuerst in Mwangaza unterrichtet hat und nun im St. Francis Rehabilitation Centre als Sonderschullehrerin arbeitet. Seit nunmehr dreizehn Jahren. Damit die Erfolgsquote steigt, kümmert sie sich um die Eltern – wenn es welche gibt. Hausbesuche, Elterntreffen, sogar Alphabetisierungskurse für Eltern, damit sie die Mühen ihrer Kinder wertschätzen, stehen auf ihrem Programm. Bei diesen Treffen bleibt es nicht aus, über die Risiken des Klebstoffs zu sprechen. Das Schnüffeln bleibt den SozialarbeiterInnen schließlich nicht verborgen, auch wenn die Kinder es heimlich tun. Denn der chronische Konsum erzeugt chronische Symptome: Augenzittern, Krampfanfälle, Nasenbluten, Verwirrtheit, Gehöreinbußen, Geschmacksverlust und Sinnesverluste, Hirnleistungsstörungen und schließlich Atemprobleme durch Lungenveränderungen. Leberzellschädigung ist oft der Grund, warum selbst einfache Infektionskrankheiten oder eiternde Wunden kaum mehr in den Griff zubekommen sind.

Je mehr die Eltern um den Kampf der Kinder gegen die Such wissen, umso stolzer werden sie auf ihre Jungs und Mädels, die den Absprung geschafft haben. Und wer stolz ist, sensibilisiert die Nachbarn – oder hält ihrem Gerede stand. Eine Mutter erzählt, dass sie ihren Sohn kaum wiedererkannte, der früher auf alles aggressiv reagierte und schließlich mehrere Monate nicht mehr zu Hause gesehen war. John helfe ihr nun abends im Haushalt und kümmere sich um die kleine Schwester. Über die Nachbarn würde er fluchen und schimpfen, wenn sie ihn dazu anhielten, wieder auf die Straße zu gehen, um – wie früher – dort für sie Maisbier zu verkaufen.

Vom Lesen alleine würde man nicht satt, er solle lieber für seine Mutter ein paar Shilling organisieren. Das Brauen von Maisbier ist verboten, daher werden gerne Kinder vorgeschickt. In diesem tristen Kaptembow, das als Outskirt und Slum von Nakuru bekannt ist, und in der die Armut den Menschen viele Verführungen aufdrängt, ist Johns Entscheidung sehr mutig.

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