Begegnungsreise 2012: „Begegnungen auf Augenhöhe“ am Berliner Bahnhof Zoo

(FM) Spätestens seit dem Erscheinen von Christiane F.s  „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wird der Bahnhof Berlin Zoologischer Garten meist mit Kinderprostitution und dem Drogenmilieu assoziiert. Auch wenn die Prostitution Minderjähriger und die Drogenprobleme in den letzten dreißig Jahren zurückgegangen sind, ist der Bahnhof Zoo immer noch ein Berliner, wenn nicht sogar bundesweiter Brennpunktbereich. Damit der Bahnhof nicht zu einer Endstation für Menschen am Rande der Gesellschaft wird, kümmert sich die Bahnhofsmission „am Zoo“ in der Jebensstraße um alle, die im Bahnhofsbereich Hilfe benötigen- rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr und gänzlich kostenfrei.

Anlaufstelle – nicht nur für Wohnungslose

Leidenschaftlicher Streetworker: Ralf Sponholz

Bei unserem Besuch in der Bahnhofsmission können wir hautnah miterleben, wie unverzichtbar die sozialen Dienste der Einrichtung sind. Im Auftrag des Berliner Senats kümmert sich die evangelische Bahnhofsmission der Berliner Stadtmission als eine von zwei weiteren Bahnhofsmissionen „am Zoo“  um Menschen mit diversen Problemen. „Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt aber bei der niedrigschwelligen Versorgung von Wohnungslosen. Unsere Gäste sind erfahrungsgemäß zu 70% suchtmittelabhängig und zu 30% psychisch auffällig und dringend auf unsere Dienste angewiesen. Wir haben aber auch immer häufiger Gäste am Monatsende und -anfang, die von Hartz IV oder einer kleinen Rente leben müssen und damit nicht mehr über die Runden kommen.“, erfahren wir von Ralf Sponholz, einem hauptamtlichen Streetworker in der Bahnhofsmission. „Auch die Anzahl ost- und südosteuropäischer Migranten nimmt zu. Sie finden hier keine Arbeit und erhalten auch keine Sozialleistungen.“

 

Mit niedrigschwelligen und nachhaltigen Angeboten helfen

Belegte Brote, süße Teilchen, Obst u.v.m. erhalten die Gaste der Bahnhofsmission konstenfrei.

Zu den Hauptaufgaben der Einrichtung zählen die Essensausgabe, die sechs mal am Tag erfolgt, und die Versorgung von Bedürftigen mit Wechselwäsche. In dringenden Notfällen kann auch eine der drei Schlafkabinen genutzt werden. Die Bahnhofsmission ist auch ein Ansprechpartner für Berliner Behörden wie beispielsweise der Polizei oder sozialpsychiatrische Einrichtungen und arbeitet eng mit diesen zusammen. „Unser Ziel ist es, die Situation der Hilfesuchenden langfristig zu verbessern. An erster Stelle steht die Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse. Anschließend bieten wir eine kostenlose Beratung und die Vermittlung an weiterführende Stellen im Netzwerk sozialer Dienste in Berlin an.“, berichtet uns Ralf.

 

Aktive Mitarbeit erwünscht

Nach einem kurzen einführenden Gespräch finden sich die zehn anwesenden Mitarbeitenden zu einer kurzen Andacht und einer anschließenden Planungsrunde ein. Um den Herausforderungen des 24-stündigen Services begegnen zu können, braucht es eine gute Koordination des Schichtbetriebs und viele Hände, die mitanpacken. Insgesamt arbeiten hier zehn hauptamtlich und sechzig ehrenamtlich Beschäftigte, fünf bis zehn Praktikant/-innen sowie zwanzig Personen, die straffällig geworden sind und ihre Sozialstunden abbauen.

Auch wir gehören an diesem Nachmittag zum Team

Wie könnten wir einen besseren Einblick in die Arbeit der Bahnhofmission bekommen als durch  die aktive Teilnahme? So bekommen wir kurzerhand Arbeitskleider und Handschuhe ausgeteilt und werden hinter die Theke geführt. Wir dürfen bei der nächsten Essensausgabe mithelfen. Basile, Peter und Pauline sind gespannt auf die Begegnung mit den Gästen. „Das ist eine wunderbare Chance um mit den Besucher/-innen der Bahnhofmission in Kontakt zu treten.“, lässt uns Basile wissen.

Unvergessliche Eindrücke bietet uns die Mitarbeit bei der Essensausgabe

Und tatsächlich bietet sich mehr als eine Gelegenheit sich mit den Gästen, aber auch mit den Mitarbeitenden auszutauschen. Zwischen dem Verteilen von Salaten und belegten Broten und dem Zapfen von Kaffee und Tee ist immer noch ein wenig Zeit für ein kurzes Smalltalk. Nach einer dreiviertel Stunde wird schließlich eine Glocke geläutet und die Gäste machen Platz für die nächsten Besucher/-innen, die bereits nach einer viertel Stunde eingelassen werden. Vor dem Essen ist nach dem Essen- und so beginnen hektisch die Vorbereitungen für die nächste Runde der Essensausgabe. Pauline ist beeindruckt von dem Service der Bahnhofmission und möchte von Dieter Puhl, dem Leiter der Einrichtung wissen, was die Mitarbeitenden antreibt. „Wenn ich jemanden als Gast hereinbitte, dann muss ich ihn auch als meinen Gast behandeln. Hier haben wir die Möglichkeit, Nächstenliebe zu leben und bedürftigen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.“

 

Auch Helfer/innen brauchen Helfer

Pauline ist beeindruckt von dem ehrenamtlichen Engagement vieler Berliner Bürger/-innen

Die Arbeit der Bahnhofsmission wäre ohne Unterstützung undenkbar. So stellt die Deutsche Bahn die Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung, während der Berliner Senat sieben der zehn hauptamtlichen Stellen finanziert. Darüber hinaus wird die Bahnhofsmission sechs mal pro Woche von der „Tafel“ und jede Nacht von zwei benachbarten Bäckereien kostenlos beliefert. Kleider- und Sachspenden erhält die Einrichtung meist von Privatpersonen, aber auch Stiftungen, Unternehmen und Großspender unterstützen die Arbeit der Bahnhofsmission. So spendete eine lichtensteiner Stiftung jüngst 1.500 Schlafsäcke. „Die Spendenbereitschaft der Berliner Bürgerinnen und Bürger ist enorm“, berichtet uns Dieter Puhl. Dennoch ist der Bedarf noch nicht gedeckt: „Wir benötigen z.B. immer noch 2.500 Schlafsäcke und dringend Geldspenden.“ Wie viele andere Berliner Einrichtungen ist auch die Bahnhofsmission „am Zoo“ von Kürzungen öffentlicher Gelder betroffen, um die sozialen Dienste in diesem Umfang aufrecht erhalten zu können. So berichtet auch ein Filmteam des Senders rbb während unseres Aufenthaltes live aus der Bahnhofsmission und bittet um Spenden.

 

Zu Gast beim KuB-Bus

Am KuB-Bus können sich die Kids versorgen und “abhängen”

Nach unserem Aufenthalt bei der Bahnhofmission haben wir noch die Gelegenheit, die Straßensozialarbeit der „Kontakt und Beratungsstelle“ (KuB) kennenzulernen. Die Streetworker der KuB sind mit Bussen ganzjährig flexibel im Stadtgebiet unterwegs und suchen Kinder und Jugendliche auf, die von Kriminalität, Prostitution und Drogenabhängigkeit betroffen sind. Oft, aber nicht immer, handelt es sich dabei um so genannte Straßenkinder, also wohnungslose Kinder und Jugendliche. Gemeinsam mit den jungen Menschen einen Ausweg aus dem Teufelskreis zu entwickeln, zählt die 1971 gegründete KuB zu ihren Hauptaufgaben. In den Bussen der KuB erhalten die Kids Essen und Getränken, Hygieneartikel, Wechselwäsche und Kondome als Notversorgung.

Große Wiedersehensfreude am KuB-Bus

Bei dem Besuch des KuB Busses treffen Pauline, Basil und Peter einen der jungen Erwachsenen aus der Straßenkinderakademie von „Karuna“ wieder. Nach einer herzlichen Begrüßung macht er uns mit einigen Kids am KuB-Bus bekannt. In dieser kalten Nacht sitzen wir eine Weile mit den jungen Erwachsenen an einem Tisch zusammen. Einige von ihnen erzählen uns von ihren Schicksalen.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.