Philippinen: Wiederaufbau in Samar

6Vier Monate nach der Sturmkatastrophe auf den Philippinen geht die Zeit der ersten Nothilfe vorbei und es beginnt die Phase eines nachhaltig geplanten Wiederaufbaus. Auch in Samar, einer der am schlimmsten betroffenen Inseln, wird bereits tatkräftig angepackt, repariert und gebaut.

Nach vielen Jahren in Afrika geht es nun für zwei Jahre auf die Philippinen. Ich habe einige Freunde und Kollegen, die lange in Asien und auch auf den Philippinen gearbeitet haben und alle sagten mir: „Ein großartiges Land für einen Einsatz. Die Menschen sind sehr nett, aufgeschlossen, fleißig und hoch motiviert, mit dir zusammen zu arbeiten.“ Letzteres ist natürlich wichtig für unsere Arbeit und ich bin wirklich gespannt und freue mich darauf, wieder einmal Neues zu entdecken. Wir landen in Cebu, einer Millionenstadt mit internationalem Flughafen. Wie von unseren Kollegen angekündigt, erhalten wir bereits bei der Einreise  große Unterstützung: Auch vier Monate nach dem Taifun gibt es für internationale Hilfsorganisationen noch eine großzügige Behandlung bei der Genehmigung von Visa. Aus Erfahrung weiß ich, dass dies nicht selbstverständlich ist und ich bin für die freundliche und unbürokratische Erledigung unserer Einreise sehr dankbar. Ab geht es in die City von Cebu. Es wimmelt nur so auf den Straßen – kleine dreirädrige Motorräder überall, Autos und Kleinbusse und viele Menschen, schicke Häuser stehen neben weniger schicken Häusern, die Innenstadt glänzt in der Sonne. Der Taifun hatte Cebu verschont und anlässlich der scheinbar guten Infrastruktur der Stadt frage ich mich sofort: Braucht man die internationale Gemeinschaft auf den Philippinen wirklich? Nach Armut und Mangel sieht es hier in Cebu nicht aus.

Die Zerstörungen auf Samar sind noch immer allgegenwärtig.
Die Zerstörungen auf Samar sind noch immer allgegenwärtig.

Und dann verlassen wir Cebu und fliegen in die Projektgebiete auf der Insel Samar – dorthin, wo wir für zwei Jahre leben und arbeiten werden. Nach den ersten Eindrücken von Cebu ereilt mich jetzt ein kontrastreicher Szenenwechsel; Samar gehört zu den ärmsten Inseln der Philippinen. Wir fahren durch Tacloban, eine der am meisten vom Taifun betroffenen Städte. Die Zerstörung ist flächendeckend und extrem. Massiv gebauten Häusern hat Haiyan das Dach abgehoben und die Fenster herausgeblasen, weniger massiv gebaute Häuser sind zu großen Teilen komplett zerstört. Es ist schwer bis unmöglich, das Ausmaß einer solchen Katastrophe zu begreifen. Und während wir all das vom Auto aus sehen, versuche ich mir vorzustellen, wie es ist, innerhalb von einigen Stunden alles zu verlieren – das Haus, die Lebensgrundlage, Hab und Gut und die Mittel, sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Irgendwie bleibt es ein Versuch – zumindest solange, hoffe ich, bis ich auf Menschen treffen werde, die mir ihre persönliche Geschichte des Unglücks erzählen.

Am Strand von Balangiga im Südosten der Insel Samar beseitigen Helfer große Trümmerreste.
Am Strand von Balangiga im Südosten der Insel Samar beseitigen Helfer große Trümmerreste.

Uns wird von vielen Seiten berichtet, dass die ersten Aufräumarbeiten, insbesondere das Räumen der Straßen, schnell von den Menschen vor Ort erledigt wurden. Viele Philippinos kamen eigens aus nicht betroffenen Regionen angereist, um als freiwillige Helfer tatkräftig mit anzupacken. Insgesamt war und ist die Unterstützung und Solidarität der philippinischen Bevölkerung untereinander enorm groß. Das Bild, das sich uns vier Monate nach dem Taifun zeigt, ist eines voll Aufbruchsstimmung: Häuser und Gebäude sind mit Planen abgedeckt, um wenigstens vor dem Regen weitgehend geschützt zu sein. Überall wird repariert, wiederaufgebaut oder bereits neu gebaut – geschäftiges Treiben überall und jederzeit. Aber auch Häuser, die aus nicht viel mehr als Wellblech bestehen, sieht man wieder allerorten. Und sofort stellt sich die Frage, wie lange diese Häuser wohl halten werden? Nach vier Monaten ist auch der Alltag wieder in die betroffenen Gebiete zurückgekehrt: Kinder gehen zur Schule, die im Moment noch in einem Zelt neben dem zerstörten Schulgebäude stattfinden muss, die Universitäten haben wieder geöffnet und die kleinen Geschäfte in der Nachbarschaft führen wieder ein bescheidenes Sortiment an Waren.

Die bisherigen Begegnungen mit den Menschen vor Ort beeindrucken mich. Die Menschen hier sind alle, mehr oder weniger, von der Katastrophe betroffen. Und doch hören wir wenig Klagen und Bedauern der eigenen Situation. Wir sehen die Leute hier ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen – was auch immer selbst und mit der Hilfe von Freunden und Verwandten getan werden kann, das wird auch getan. Und wir wollen dabei helfen, den Wiederaufbau nachhaltig zu planen und zu organisieren. Aber selbst mit jahrelangen Erfahrungen in der Humanitären Hilfe bleibt es schwierig, die richtigen Entscheidungen zu treffen – jedes Land, jede Kultur ist anders und es braucht Zeit, um sich dieses Wissen anzueignen. Auch wenn alle Beteiligten den Wiederaufbau mit Ungeduld erwarten, diese Zeit müssen und wollen wir uns gemeinsam nehmen, damit der Wiederaufbau nicht an den Bedürfnissen der betroffenen Menschen vorbei geht.

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