Libanon: Mustafa kann nicht mehr aufstehen

Flüchtlingslager in der Bekaa Ebene nahe ZahleDie Trostlosigkeit in den syrischen Flüchtlingscamps ist groß. Krankheiten, der Schmerz um den Tod eines geliebten Menschen,  keine Möglichkeit eine Schule zu besuchen – dazu kommt die zunehmende Hoffnungslosigkeit. Wer weiß schon, ob und wann man in die Heimat zurückkehren darf. Täglich fühlt sich Familie Chekladeh ihrem Schicksal machtlos ausgeliefert. Was  bleibt, sind ihre Geschichten, die sie uns erzählen.

Flüchtlingslager in der Bekaa Ebene nahe Zahle
Mustafa Chekladeh ist schwach. Nach seiner OP ist Bettruhe dringend notwendig. (Foto: Philipp Spalek)

Im Zelt steht ein Eisenbett, darin liegt Mustafa Chekladeh, ein 85 Jahre alter Mann. Er winkt schwach, als wir eintreten. Rings um ihn nimmt seine Familie Platz. Seine Frau Ammeh Homady rollt Weinblätter für das Fastenbrechen heute Abend. Es ist der erste Tag des Ramadan, die muslimische Familie darf während des Tages weder essen noch trinken. Zwei der drei Töchter sitzen mit im Zelt: Amani, 26 Jahre alt und Souad, 35 Jahre alt. Beide haben je drei Kinder. Die dritte der Schwestern ist in Syrien geblieben – von ihr weiß die Familie nichts, außer dass sie ihren Mann im Krieg verloren hat. Das ist auch den beiden hier anwesenden Frauen passiert.

Flüchtlingslager in der Bekaa Ebene nahe Zahle
Während Ammeh Homady die Weinblätter rollt, erzählen die Familienmitglieder von ihrem Schicksal. (Foto: Philipp Spalek)

Alle Töchter Mustafas sind Witwen. Ihr Vater windet sich im Bett, will auch etwas sagen, aber es kommen keine Worte mehr, sein Kummer ist zu groß. Erst vor wenigen Wochen wurde er an der Prostata operiert. Aber erst nachdem die Caritas sich für seinen Fall einsetzte und einen Teil der Operationskosten übernahm. Nun liegt er hier im Zelt, während seine Frau die Weinblätter für heute Abend rollt. Zum Glück konnte sie die in der Umgebung pflücken und musste nicht dafür zahlen. Denn das Geld ist knapp – die Reisfüllung für die Blätter haben libanesische Nachbarn vorbeigebracht. Das ist ein echtes Geschenk für die Chekladehs. Seit einem Jahr haust die Familie nun schon in einem inoffiziellen Zelt auf dem Grundstück eines Bauern. Das Zelt wurde von der Caritas mit Matratzen und Bettwäsche ausgestattet. Ringsherum, in der Bekaa-Ebene,  sind nichts als trockene Ackerflächen und Schotter für eine neue Straße. Zum Glück können sich die Menschen über Pumpen mit sauberem Trinkwasser versorgen.

Ein Leben ohne Leben

Flüchtlingslager in der Bekaa Ebene nahe Zahle
Amanis Tochter Ghazal ist übersät mir roten Pusteln – sie hat die Masern. (Foto: Philipp Spalek)

Amanis Tochter Ghazal drückt sich an ihre Mutter. Sie ist übersät mit roten Pusteln. Alle Kinder hier hatten die Masern und Mustafas Enkeltochter ist die letzte, die sie durchmachen muss. Amani erzählt: „Unsere Kinder dürfen niemals alleine aus dem Zelt. Das Spielen da draußen ist zu gefährlich. Es ist keine zwei Wochen her, dass ein Kind einer anderen Familie in den Bewässerungstümpel neben unserem Zelt gestürzt und ertrunken ist. Das hier ist ein schrecklicher Ort für uns. Es ist kein Leben. Für unsere Kinder nicht und für uns Frauen nicht. Auch wir gehen den ganzen Tag nicht aus dem Zelt“.

Doch außerhalb des Zeltes gibt es nicht viel für die Kinder zu erkunden. Vom Schulbesuch etwa können die Witwen und ihre Kinder nur träumen, denn es gibt hier keine erreichbare öffentliche Schule. Eine Privatschule kostet jährlich 1000 US-Dollar pro Kind, Geld, das die Familie nicht hat. Souads achtjähriger Sohn Ahmad kam eines Tages zu seiner Mutter und bat sie, ihm das Alphabet beizubringen. Schließlich könne sie doch lesen und schreiben. Souad hat es versucht mit dem wenigen, was sie noch haben. Doch es gelang ihr nicht. Sie ist von dieser traurigen und trostlosen Situation psychisch so sehr angegriffen, dass sie Ahmads Wunsch einfach zu viel Kraft kostet.

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