Kongo: Ein Kindersoldat will zurück ins Leben

Nach der Scheidung seiner Eltern will der traumatisierte, ehemalige Kindersoldat Elisha vergessen, was geschehen ist. Aber wie kann er seinen verlorenen Glauben an das Gute wiederfinden?

IMG_4558Elisha war 16 Jahre alt als er zwangsweise von einer Miliz rekrutiert wurde, die im Osten der Demokratischen Republik Kongo operierte. „Nach der Trennung meiner Eltern sind mein jüngerer Bruder und ich zu meinem Vater gezogen“, erzählt er. „Unser Leben bei ihm wurde sehr armselig. Ich musste die Grundschule in der vierten Klasse verlassen, weil unser Vater sich nicht um uns kümmerte. Und das Unglück ist passiert, als ich Holz zum Heizen gesucht habe. Ich bin bewaffneten Männern in die Hände gefallen, die mich in den Busch verschleppt haben.“

Die Einheit, der Elisha fortan angehörte, hatte die  Aufgabe, die Leichen derer zu begraben, die ihre Chefs niedergemetzelt hatten. Es waren Menschen, die die Milizen verschleppt und dann getötet hatten. „Ich habe auch gestohlen, vergewaltigt und Häuser in Brand gesteckt“, bekennt er offen. „Auf Befehl meiner Chefs hatte ich homosexuellen Verkehr mit meinen Kameraden. Die haben gesagt, das würde unseren Drang stillen, Frauen zu vergewaltigen“, fügt er sichtlich verschämt hinzu.

Als er schließlich genug vom Leben im Busch hat, beschließt Elisha zu seiner Familie zurückzukehren. Aber in seiner Dorfgemeinschaft ist er nicht willkommen. Im November 2013 als die Armee in dem Gebiet , das seine Miliz kontrollierte, auf Hexenjagd ging, flieht der Kindersoldat noch einmal und sucht erneut Zuflucht. „Unterwegs traf ich einen alten Freund aus dem Busch, der mir sagte, dass die Caritas Leute wie mich aufnimmt.“

Elisha wird kurz darauf im Übergangszentrum für ehemalige Kindersoldaten der Caritas Goma aufgenommen. Wegen seiner geistigen Verfassung wird Elisha in das psychosoziale Betreuungszentrum der Caritas in Nyahanga, 50 Kilometer nördlich von Goma, überwiesen.

Im Betreuungszentrum leisten ein Psychologe und ein Team von Sozialarbeitern psychologische und soziale Hilfe für Kinder, die bewaffneten Gruppierungen angehört haben. Die Fachkräfte in Nyahanga betrachten es unter anderem als ihre Aufgabe, den zum Großteil schwer traumatisierten Kindern, das Lächeln wiederzugeben. Darüber hinaus bestehen ihre Aufgaben im Zentrum in Nyahanga darin, die Kinder mit ihren Familien und Dorfgemeinschaften wiederzuvereinen, die jüngeren einzuschulen und den älteren ein Handwerk beizubringen. All das, ebenso wie die Entwaffnung, Demobilisierung und soziale Wiedereingliederung ehemaliger Kindersoldaten wird möglich dank der finanziellen Unterstützung von Caritas international, dem Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes.

„Die erste Zeit, als Elisha ins Zentrum kam, weinte er sehr viel, machte sich Vorwürfe und dachte über Selbstmord nach“, berichtet der Psychologe Pascal Bashume und fügt hinzu: „Er wird lange brauchen um zu vergessen…“

„In meinen Träumen sehe ich Leute, die mich mit Macheten verfolgen, Menschen, die mir nach dem Leben trachten“, erzählt Elisha. „Ich esse schon kein Fleisch mehr, weil mich das an die Leichen der Menschen erinnert, die wir niedergemetzelt haben.“

Dreieinhalb Monate sind schon vergangen. Die Schrecken des Krieges aber vergisst der ehemalige Kindersoldat nicht. Es kommt sogar vor, dass er nachts aus dem Bett springt und den Weg zurück in seine Kammer nicht mehr findet. Dank einer individuellen Gesprächstherapie lernt Elisha, seinem Psychologen zu vertrauen. Dieser hilft ihm, sich im Verlauf der Therapie nach und nach von seinen negativen Gedanken zu befreien.

Gemeinsam mit den 32 anderen ehemaligen Kindersoldaten, unter ihnen ein Mädchen, die im Zentrum von Nyahanga aufgenommen wurden, lernt der inzwischen 17-jährige Elisha Kleintierzucht und Ackerbau. Mit einem hoffnungsvollen Glitzern in den Augen traut er sich sogar zu sagen: „Wenn ich nach Hause zurückkehre, werde ich ein erwachsener Mann sein und Kindern in Not helfen.“

 

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.