Ukraine: Zu Besuch bei Lenije und Mustafa in Lwiw

Unsere Caritas international-Kollegin  Lalida Rajsrima  unterstützt aktuell in ihrem  Auslandseinsatz in der Westukraine die Hilfen für Vertriebene. Bei einem Hausbesuch lernte sie eine Familie von der Krim kennen.

Hausbesuche sind Teil des Caritas-Alltags und dienen dazu die häuslichen Bedingungen einzuschätzen und Sachspenden zu koordinieren. Heute begleite ich unsere Sozialarbeiterin Oksana zur achtköpfigen Familie von Lenije und Mustafa. Als wir ankommen, trägt  Lenije die quirlige Chadjar auf dem Arm, das jüngste Familienmitglied. Die beiden älteren Söhne Djafar (8) und Umar (6) quetschen sich in eine Ecke zwischen zwei Sofas. Mardjana ist mit ihren zehn Jahren die älteste Tochter und beobachtet alles aus der Ferne. Sumaja (5) und Ibrahim (4) drücken sich neugierig hinter ihren Eltern herum.

IMG_1580Es wird Tee gekocht und wir werden mit Manti, traditionell gedämpfte Teigtaschen, bewirtet. Mustafa berichtet, warum die Familie im Juni letzten Jahres aus Simferopol, der Hauptstadt der Krim, geflohen ist: „Meine Frau war schwanger mit unserem sechsten Kind. Aufgrund der politischen Lage auf der Krim und der  wachsenden Anfeindungen gegenüber Muslimen entschieden wir uns in die Westukraine nach Lemberg zu fliehen.“ Mardjana, die älteste Tochter, trug nach der Annektierung der Krim weiterhin ihr Kopftuch, wenn sie zur  Schule ging. Laut russischem Recht ist das Tragen von religiöser und nationaler Kleidung an öffentlichen Lehreinrichtungen verboten. „Die Nachbarn haben uns ein Kreuz auf die Tür gemalt, als Zeichen, dass wir gebrandmarkt sind. Wir wissen nicht wer es war. Aber wir haben uns bedroht und verraten gefühlt.“ Dieses Erlebnis blieb der Familie besonders einschneidend im Gedächtnis.  Chadjar ist inzwischen fünf Monate alt, sie wurde in Lemberg (Lwiw) geboren. „Ich helfe meiner Frau im Haushalt und mit unseren sechs Kindern so gut es geht.“ Noch hat Mustafa keine Arbeit gefunden. „Es ist schwer etwas zu finden, wo ich Familie und Beruf unter einen Hut bringen kann und genug verdiene, um eine achtköpfige Familie zu ernähren.“ Erhofft, im kommenden Monat eine Arbeit bei einer Sicherheitsfirma zu bekommen. Außerdem engagiert sich Mustafa in der Organisation „Crimean Wave“. Dort kann er anderen Inlands- Vertriebenen helfen, die sich häufig in einer noch schlechteren Lage befinden, als er und seine Familie.

Die Frage, ob noch Kontakt zu Familienmitgliedern auf der Krim besteht, bejahen sie. „Ja wir telefonieren und Skypen häufig. Aber hinfahren werde ich dorthin nicht in nächster Zeit, “ meint Mustafa. „Im Moment lebt mein Schwager in unserem Haus. Wer politisch nicht aktiv ist, hat auf der Krim zurzeit nichts zu befürchten.“

Mustafa und Lenije berichten dankbar von der Hilfsbereitschaft, mit der sie in Lemberg empfangen wurden. Besonders in der Hilfe durch die Caritas Ukraine erkannte Mustafa ein sehr gutes Gespür für die Bedürfnisse der Vertriebenen aus der Ostukraine und der Krim. Diese Hilfe –wie z.B. die monatliche Mietbeihilfe ist wesentlich, um die Hoffnung nicht zu verlieren. Wichtig für die beiden ist aber auch der Zuspruch durch die Caritasmitarbeiter und ihre stete Bereitschaft auch in anderen Belangen zu helfen.

Sozialarbeiterin Oksana, zusammen mit Mustafa und den Kindern Djafar (8) & Sumaja (5)
Sozialarbeiterin Oksana, zusammen mit Mustafa und den Kindern Djafar (8) & Sumaja (5)

„Wir sind es nicht gewohnt untätig herumzusitzen und zu warten, bis uns geholfen wird“, betont Mustafa.Deshalb hat er mit ein paar Freunden eine Initiative gegründet, die sich für Begegnungstreffen und runde Tische zwischen religiösen Würdenträgern, aber auch der Zivilbevölkerung engagieren. Denn trotz der Offenheit, mit der die Lemberger den Flüchtlingen begegnet sind, sind sich Mustafa und seine Freunde der Stereotype bewusst mit denen sie als Muslime in einem mehrheitlich christlich orthodox geprägten Land konfrontiert sind.  Aber sie wollen etwas tun für den Austausch zwischen den Bewohnern von Lemberg  und den rund 2000 Krimtartaren, die seit der Annektierung der Krim durch Russland in die Region geflohen sind. Sie möchten zeigen, dass sie an der Gesellschaft teilhaben wollen und offen sind für den Austausch zwischen Kultur und Religion.

Auf die Frage nach der Zukunft hat Mustafa noch keine klare Antwort. Auch wenn er es sich wünscht, so kann er es sich momentan nicht vorstellen zurückzukehren. Auf Dauer wäre es auch schön sich mit Freunden ein kleines Unternehmen aufzubauen, vielleicht ein Café oder eine Autowerkstatt.“ Für das Abschiedsfoto, werden die Kinder zusammengetrommelt und auf der Couch positioniert. Schließlich werden Oksana und ich eingeladen jederzeit wiederzukommen.

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