Zerstörte Häuser in Syrien

Corona kann man nicht mit Waffen bekämpfen

Kristina Eberle, Auslandsfachkraft von Caritas international in Syrien, gibt im Interview Einblicke in die aktuelle Lage in Syrien bezüglich der weltumspannenden Corona-Krise. Ihrer Ansicht nach wird das Land einen längeren Lockdown nicht verkraften.

Wie ist die aktuelle Lage bezüglich der COVID-19-Pandemie in Syrien?

Aktuell gibt es fünf bestätigte Fälle in Syrien. Der Staat verhängt deswegen jeden Tag neue Präventionsmaßnahmen. Beispielsweise ist nun der öffentliche Verkehr in Syrien in allen Städten sowie zwischen den Regierungsbezirken komplett eingestellt. Es gilt eine Ausgangssperre von 18 Uhr bis 6 Uhr morgens. Nur noch wenige Branchen wie die Lebensmittelindustrie sind noch aktiv.

Bislang können nur in Damaskus Corona-Tests durchgeführt werden. Soll sich das ändern?

Die Regierung hat angekündigt, in jedem syrischen Regierungsbezirk medizinische Einrichtungen zur Behandlung von Corona einzurichten. Doch über die Umsetzung weiß man nichts. Zudem ist unklar, ob verbündete Länder wie Russland oder der Iran unterstützen können, da sie selbst mit der Corona-Krise zu kämpfen haben. Wir können gerade nur darauf hoffen, dass die Regierung ihre ganzen Ankündigungen umsetzt und die dringend benötigte medizinische Infrastruktur aufbaut.

In Syrien leben über sechs Millionen Binnenvertriebene. Wie unterstützt die Caritas diese Menschen in der Corona-Krise?

98 Prozent der Menschen, mit denen wir in Aleppo arbeiten, sind entweder Binnenvertriebene oder Rückkehrer. Sie leben nicht in Camps, aber trotzdem dicht an dicht. Physischer Abstand zu anderen Menschen ist ein Luxus, den die Menschen in Ost-Aleppo nicht haben. Große Teile der Infrastruktur wurden durch den langjährigen Krieg zerstört. Die hygienischen Verhältnisse sind miserabel. Hinzukommt, dass viele der Bewohner Tagelöhner sind. Das heißt, wenn sie wegen der Krise nicht mehr arbeiten können, können sie sich nicht mehr über Wasser halten. Sie müssen also abwägen: Gehe ich arbeiten und riskiere dabei eine Ansteckung beziehungsweise eine Strafe der Regierung – oder bleibe ich zu Hause und habe nichts zu essen?

Wie gehen Sie als Hilfsorganisation vor Ort mit der bestehenden Ansteckungsgefahr um?

Wir überlegen gerade, wie wir unsere Mitarbeitenden, aber auch unsere Bedürftigen schützen können. Darüber hinaus ist es aber auch wichtig, dass wir unsere lebensrettenden Maßnahmen wie Lebensmittelnothilfe weiter fortsetzen können. Kurzfristig mussten wir diese Maßnahmen zur Eindämmung der Ansteckungsgefahren aussetzen. Gemeinsam mit der UN und anderen Organisationen suchen wir zurzeit nach Mitteln und Wegen, unsere Maßnahmen wieder fortzusetzen. Aber wenn wir in Aleppo sind und nicht in Damaskus, haben wir immer das Problem: Wo schicken wir Leute mit Symptomen hin? Es gibt keine medizinischen Einrichtungen. Wir können sie nur nach Hause schicken oder bitten, die Nothotline der Regierung anzurufen. Aber als wir die Hotline getestet haben, ging den ganzen Tag niemand ans Telefon.

Maßnahmen wie Lebensmittelverteilungen sollen so lange wie möglich weiterlaufen.

Kann Syrien einen längeren Lockdown des öffentlichen Lebens überstehen?

Ganz klar: nein. Syriens Wirtschaft war schon vor der Pandemie am Boden. In den letzten Jahren konnte sich Syrien nur durch wirtschaftliche Beziehungen mit dem Libanon über Wasser halten. Diese Stütze ist durch die Wirtschafts- und Finanzkrise im Libanon letzten Herbst weggebrochen. Seitdem ist der Wechselkurs des syrischen Pfunds so stark gefallen, dass sich die Menschen kaum noch Brot leisten können. Die Corona-Krise hat die Lage weiter verschlimmert: Die Preise haben sich teilweise über Nacht noch einmal verdoppelt oder verdreifacht. Die Syrerinnen und Syrer sind zusätzlich zur Wirtschaftskrise mit der Pandemie überfordert.  Auch weil es etwas ist, das nicht greifbar ist. Es ist nichts, wogegen man mit Waffen kämpfen kann.

Das sind keine gute Aussichten. Gibt es dennoch einen Funken Hoffnung?

Die Menschen, mit denen wir in Syrien arbeiten, können für uns alle eine Inspiration sein. Egal, was kommt, sie suchen immer nach einer Lösung und machen weiter.

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