Zwiebeln schützen vor Corona nicht

Caritas international, das Hilfswerk des Deutschen Caritas-Verbandes, ist schon seit Mitte der 1980er Jahre in Afghanistan aktiv. Seit sechs Jahren leitet Stefan Recker das Caritas-Büro in Kabul. Sein Beitrag eröffnet den „Ci-Corona-Blog“, in dem Caritas-Mitarbeitende aus aller Welt ihren Corona-Alltag beschreiben.

Seit 2014 arbeite ich hier im Büro in Kabul, zusammen mit etwa 30 afghanischen und internationalen Kolleginnen und Kollegen. Neben den vielen Problemen, die dieses Land bereits hat – Krieg, strukturelle Armut, Mangel an Bildung, Binnenflucht, Rückkehrer aus den Nachbarländern, die weder dort noch hier eine Perspektive haben – kommt seit März nun auch noch das Coronavirus hinzu.

Drei Frauen mit Kopftuch und zwei Männer.
Stefan Recker (zweiter von rechts) mit seinen Kolleg_innen bei einer Projektbesichtigung in Afghanistan.

Die Gerüchteküche kocht

In diesem Land, in dem rund 60 Prozent der Menschen nicht lesen oder schreiben können und wo niemand der Regierung und den Medien vertraut, läuft die Gerüchteküche natürlich auf Volldampf. Zuletzt verbreitete sich beispielsweise das Gerücht, man könne sich vor Corona schützen, indem man täglich eine Zwiebel isst. Während unserer wöchentlichen Besprechungen hier im Büro versuche ich dann, solche Gerüchte zu entkräften, indem ich auf die WHO, die Weltgesundheitsorganisation der UN hinweise, die die maßgeblichen Regeln und Tipps raus gibt. Übrigens: Klar schützt die tägliche Zwiebel vor Corona – aber nur, weil dann keiner mehr in deine Nähe kommt.

Seit dem 28. März gibt es hier ebenfalls Ausgangsbeschränkungen – nicht so drastisch wie in Europa, aber immerhin. Und seit dem 30. März fahren wir das Büro der Caritas im Schichtbetrieb. Die einheimischen Mitarbeitenden sind für jeweils zwei oder drei Tage anstatt fünf Tage die Woche anwesend. So wollen wir das Risiko der Ansteckung vermindern.

Einige meiner afghanischen Kolleginnen und Kollegen haben ziemliche Angst, auch weil die Regierung hier so wenig transparent ist und die Strukturen, gerade im Gesundheitswesen, völlig unzureichend sind. Niemand glaubt an die offizielle Zahl von 906 erkrankten Personen (Stand: 17.04.2020). In Wirklichkeit werden es wohl viel, viel mehr sein – alleine deshalb, weil es viel Migration zwischen Iran und Afghanistan gibt.

Mein Team macht mich stolz

Trotzdem sind alle fleißig bei der Arbeit. Was nicht im Büro gemacht werden kann, wird im Homeoffice erledigt. Allerdings ist dies für die meisten schwierig, weil sich in Kabul zumeist große Familien recht kleine Häuser oder Wohnungen teilen müssen – wenn immer ich jemanden anrufe, höre ich Kindergeschrei im Hintergrund. Wohl nicht unbedingt die einfachste Arbeitsatmosphäre.

Solche feierlichen Zusammenkünfte wie hier Weihnachten 2019 sind aus Sicht von Stefan Recker frühstens ab September 2020 wieder möglich.

Die beiden Praktikantinnen, die seit Anfang Februar bei uns sind, musste ich regelrecht zwingen, von zu Hause aus zu arbeiten. Diese beiden jungen Frauen sind stolz darauf, etwas Sinnvolles bei uns tun zu können und hier im Team tätig zu sein. Ich bin auch sehr glücklich mit meiner neuen Kollegin Monica. Sie steckt die Belastungen sehr gut weg – und dies in einem Land, in dem das Leben ohnehin sehr schwierig ist, gerade für eine Frau.

Es gibt keine Flüge mehr raus aus Kabul

Normalerweise kann ich Afghanistan regelmäßig verlassen. Jetzt stelle ich mich auf einen mehrmonatigen Aufenthalt ein. Ein bisschen unangenehm, aber jetzt kommt der Frühling, und da kann man immerhin im Garten sitzen. Thailand, wo meine Partnerin lebt, hat die Grenzen dicht gemacht. Und es gibt auch gar keine Flüge mehr aus Kabul raus. So muss ich mir wegen Reiseplanungen momentan keine Gedanken machen.

Die Freizeitmöglichkeiten sind noch bescheidener. Normalerweise gibt es wenigstens zwei sehr schöne Parks und ein paar ganz gute Restaurants, wo ich die Wochenenden teilweise verbringe. Dies fällt jetzt ebenfalls weg, weil diese Orte geschlossen sind. Ostern wurde hier nicht groß gefeiert. Immerhin waren es ein paar ruhige Tage ohne Emails aus dem Hauptbüro in Deutschland.

Schauen wir mal, wie es weitergehen wird – ich persönlich denke, dass wir noch bis etwa September mit großen Einschränkungen leben müssen. Zum Glück gibt es ja im Internet eine Menge Anleitungen, wie man mit der Situation klar kommen kann, egal, ob man gerade in Deutschland oder in Afghanistan lebt. Am Ende werde ich wohl noch Yoga oder Ikebana oder etwas anderes Schönes anfangen.

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2 Gedanken zu „Zwiebeln schützen vor Corona nicht“

  1. Vielen Dank Herr Recker ich weiß wie schwierig ist in Afghanistan ich komme aus Afghanistan aber Gottseidank ich lebe seit 25 jahre in Deutschland ich fühle mich zum Glück wünderbar in Deutschland aber trotzdem ich habe Sehnsucht nach meine Heimat. Ich wünsche Ihnen alls gute Gott beschütz sie und bleiben sie gesund.

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