Landschaft in Armenien mit einer jungen Frau mit Kapuzenjacke

Immerhin gibt es noch Strom

Einen Tag vor Ostern hat mich die Nachricht, dass der Emergency Status in Armenien um vier Wochen verlängert wird, mit voller Wucht erreicht. Für mich und meine Mitmenschen hier im Land heißt es, dass man nur mit Passierschein das Haus verlassen darf, um zum Arzt, zum Einkaufen oder zur Arbeit zu gelangen.

Zurzeit gibt es 1.200 bestätigte Fälle in Armenien (Stand: 17.04.2020); einem Land mit rund drei Millionen Einwohnern und ungefähr so groß wie Hessen, Zahl steigend. Ausschlaggeben für die Verlängerung des Ausnahmezustands: die Infektionsketten können nicht mehr nachverfolgt werden. Klar, die Gründe sind nachvollziehbar, aber für mich ist es trotzdem hart. Viel härter ist es aber für diejenigen, die durch die Maßnahmen nicht nur ihre Freiheit und soziale Kontakte verlieren, sondern auch ihre Einkünfte oder ihren Job. Wenn ich an den vielen geschlossenen Restaurants, Geschäften und Beautysalons vorbeigehe, kann ich es fast nicht ertragen. Das einzige staatliche Hilfsangebot, von dem ich bisher gehört habe: 200 Euro für alleinerziehende Mütter. Einmalig!

Cosima Reichert bespricht sich mit ihren Kolleg_innen wie viele andere per Videokonferenz.

Wenn der Staat nicht helfen kann, werden Hilfsorganisationen wie die Caritas natürlich umso wichtiger. Mein Kollege Martesh, der als Sozialarbeiter arme Familien und gefährdete Kinder betreut, spürt das hautnah. Jeden Tag bekommt er 20-30 Anrufe von Menschen, die um Hilfe bitten. Viele brauchen Nahrungsmittel oder Medikamente, andere Heizmaterial. Und manche einfach nur die Vergewisserung, dass man sie nicht vergessen hat.

Erinnerungen an die „dunkle Zeit“

Die Menschen hier in Armenien kommen mir in der derzeitigen Corona-Krise sehr abgehärtet vor. Im Vergleich zu mir ist es für die meisten Menschen nicht die erste Krise. Den Anfang der 90er Jahre, nur wenige Jahre nach dem Spitak-Erdbeben, haben viele Armenier in schrecklicher Erinnerung. Sie nennen es die „dunkle Zeit“, in der viele an den Folge des Erdbebens und dem Zerfall der Sowjetunion litten. Damals gab es nicht genügend zu Essen, keine Arbeit, keinen Strom. Ich habe meine Nachbarin gefragt, ob sie nun Angst hätten, wieder so eine schlimme Zeit durchmachen zu müssen. Aber sie verneinte. Und ich dachte mir, wie froh können wir doch in Deutschland sein, dass es seit dem zweiten Weltkrieg keine Krise solchen Ausmaßes mehr in unserem Land gab.

Der Armenische Passierschein von Cosima Reichert.

Alles fühlt sich intensiver an

Aus Deutschland werde ich regelmäßig gefragt, wie es sich anfühlt, zu Zeiten von Corona in Armenien zu sein. Vermutlich fühlt es sich für mich alles intensiver an, als wenn ich zuhause in Deutschland wäre.

Die Angst und Unsicherheit sind größer: Was wenn ein Familienmitglied erkrankt? Wie könnte ich für sie da sein? Wie würde ich nach Hause kommen? Was wenn ich selbst erkranken würde?

Die Einsamkeit ist größer. Seit Jahren wohne ich zum ersten Mal wieder allein. Mein anfängliches Glücksgefühl über die Vorteile darüber ist mittlerweile erloschen. Die beruhigende Nachricht dabei ist: die meisten Menschen in Armenien leben in Familienverbänden. Mehrere Generationen in einem Haus sind ganz normal. Mit Einsamkeit haben sie daher nicht zu kämpfen. Vielleicht eher mit dem Gegenteil? Beengtheit, fehlende Privatsphäre , häusliche Gewalt?  

Das Verständnis ist größer. Alleine sein, nicht raus zu können, nicht mit anderen Menschen zusammen etwas Schönes unternehmen zu können. Mein Mitgefühl wächst mit den Menschen, für die das ein Dauerzustand ist.  Ich denke an die vielen Menschen, die nach Lockerung der Maßnahmen nichts oder nur wenig ändert. Alte Menschen, einsame Menschen, kranke Menschen, Menschen mit Behinderung.

In dem Projekt, in dem ich arbeite, geht es hauptsächlich um die letztgenannte Gruppe. Um Inklusion, Teilhabe und Anerkennung. Und so ist es mir in Corona Zeiten bewusster denn je: wirklich ein Thema, für das es sich lohnt, sich einzusetzen!!!

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